ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2011Ausländische Patienten: Einfühlungsvermögen ist gefragt

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Ausländische Patienten: Einfühlungsvermögen ist gefragt

Dtsch Arztebl 2011; 108(45): A-2443 / B-2055 / C-2027

Martini, Anna

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Vorurteilsfrei dem Gegenüber begegnen: Der Arzt muss in der Lage sein, sein Verhalten kritisch zu reflektieren. Foto: Picture Alliance
Vorurteilsfrei dem Gegenüber begegnen: Der Arzt muss in der Lage sein, sein Verhalten kritisch zu reflektieren. Foto: Picture Alliance

Es sind nicht nur die sprachlichen Barrieren, die die Beziehung erschweren, wenn ausländische Patienten die Sprechstunde aufsuchen.

Allein in Berlin werden in etwa 5 900 Arztpraxen in jedem Quartal mehr als 15 000 ausländische Patienten behandelt. Dabei verfügen die wenigsten Praxen über eine „multikulturelle“ Ausrichtung, die etwa dann vorliegt, wenn der Arzt russisch, die Mitarbeiterin am Empfang türkisch und eine weitere Mitarbeiterin chinesisch spricht. In der Regel wissen Arzt und Mitarbeiter zumindest bei neuen Patienten nicht, welche Nationalität diese haben. Vielleicht ist es möglich, bei der Terminabsprache einen entsprechenden Vermerk zu machen, damit das Team vorbereitet ist. Psychiater Prof. Dr. med. Andreas Marneros betont: „Entscheidend ist die Einsicht des Arztes und des Praxisteams in die Relativität der eigenen Kulturstandards, der Werte und Normen, die für sie selbst von Bedeutung sind, wenn sie mit Patienten aus anderen Kulturen zu tun haben.“

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Mit anderen Worten: Es gibt keinen Grund, zu glauben, dass bestimmte Normen und Werte „besser“ sind als die, an denen eine andere Kultur festhält. Keine Kultur ist der anderen überlegen – eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Wenn aber der deutsche Arzt verzweifelt, weil japanische oder indische Patienten in Ehrfurcht erstarren, weil ein Arzt für sie eine absolute Respektsperson ist, droht die Gefahr, dass dieses Patientenverhalten mit einer negativen Beurteilung der japanischen oder indischen Kultur einhergeht. Die Konsequenz: „Der Arzt muss in der Lage sein, zu sich selbst auf Distanz zu gehen und sein Verhalten kritisch zu reflektieren“, so Marneros, „aber das ist im hektischen Praxisalltag nicht immer so einfach.“

Arzt und Team sollten andere Kulturen vorurteilsfrei beurteilen können – wohl wissend, dass jeder Mensch von Klischees beherrscht wird und von Vorurteilen geprägt ist. Der Arzt kann dieses Thema in einem Teammeeting besprechen und verdeutlichen: „Welches Bild haben wir uns von der anderen Kultur gemacht? Welche Vorurteile beherrschen uns? Wie schaut es mit unserer eigenen kulturellen Identität aus?“ Oft ist es schon hilfreich, sich im Austausch mit dem Arzt und den Kollegen seiner persönlichen Wahrnehmungsfilter bewusst zu werden. Es fällt dann leichter, andere Verhaltens- und Wahrnehmungsweisen zu akzeptieren und im Gespräch mit dem ausländischen Patienten Geduld und Gelassenheit aufzubringen. Dies ist notwendig, weil es einfach länger dauern kann, bis man eine gemeinsame Gesprächsbasis gefunden hat.

Neben dieser grundsätzlichen Frage nach dem angemessenen Umgang mit Patienten aus anderen Kulturkreisen ist es richtig, gezielt interkulturelle Kompetenzen aufzubauen. Aber bezogen auf welche Kultur? „Eine Option besteht darin, mit Hilfe einer Patientenanalyse festzustellen, mit welcher ausländischen Kultur das Praxisteam relativ häufig zu tun hat, um sich dann speziell mit dieser Kultur zu beschäftigen“, schlägt Marneros vor.

Wichtig in diesem Zusammenhang sind die Forschungen des Soziologen Geert Hofstede, der auf der Grundlage zahlreicher Erhebungen in mehr als 50 Ländern „Dimensionen nationaler Kulturen“ formuliert hat. Ein Beispiel ist die Dimension Machtdistanz. In den Gesellschaften der arabischen und asiatischen Länder finden ungleiche Machtverhältnisse eine hohe Akzeptanz – ganz anders als in Großbritannien oder den USA. Das hat Konsequenzen für das Handeln und Denken in festen Hierarchien und Strukturen. Der Arzt muss damit rechnen, dass es schwierig ist, im Gespräch mit dem arabischen Patienten konkretere Angaben zu dessen Beschwerden zu erhalten.

Hilfreich sind überdies ganz konkrete Kenntnisse: Wenn ein Asiate „Ja“ sagt, muss dies nicht unbedingt Zustimmung signalisieren. Es bedeutet weder Zustimmung noch Verständnis, sondern ist ein Akt der Höflichkeit. Darum darf der Arzt keine geschlossenen Fragen stellen, die sich nur mit einem Ja oder einem Nein beantworten lassen. In Polen wird der direkte Blickkontakt als Überlegenheitsgeste gewertet und sollte daher vermieden werden – das trifft auch auf Asiaten und Lateinamerikaner zu. Bei Muslimen ist das Schamgefühl stärker ausgeprägt als in westlichen Kulturen. Beim Umgang mit dem chinesischen Patienten ist es wichtig, dass dieser nicht sein Gesicht verliert: Will der Arzt das nicht patientengerechte Verhalten ansprechen, muss er viel Fingerspitzengefühl an den Tag legen.

Natürlich kann sich das Praxisteam nicht ganztägig mit dem Erwerb interkultureller Kompetenz beschäftigen. Jedoch: Der Arzt und seine Mitarbeiter sollten eigene Erfahrungen nie auf andere Kulturen übertragen – und damit bei der Begrüßungszeremonie beginnen. Denn während es einige ausgesprochene „Kontaktkulturen“ gibt – etwa im vorderen Orient, in einigen afrikanischen Ländern und in Russland –, berühren sich in arabischen Ländern nur gleichgeschlechtliche Menschen. Wer dies weiß, kann die für den Vertrauensaufbau so wichtige Begrüßung des Patienten kulturangemessen gestalten.

Wenn es im Team eine Person gibt, die „transkulturell“ geprägt ist, kann der Arzt dies nutzen. „Transkulturell“ heißt, dass etwa eine Mitarbeiterin aufgrund ihrer Herkunft in der Lage ist, zwischen den Kulturen, durch die sie geprägt ist, zu wechseln: Sie kann dann den Arzt im Gespräch zum Beispiel mit dem türkischen Patienten unterstützen, der seine Beschwerden zumeist in einer bildhaften Sprache umschreibt.

Oft ist dabei auch Kreativität gefragt: Anatomische Schautafeln oder Modelle helfen dem Arzt zu verstehen, an welchen Stellen den Patienten Schmerzen plagen.

Dr. Anna Martini, Institut für StimmRhetorik und Personal Development, Köln

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