ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2011Kinderärztliche Versorgung: Durchhalten im sozialen Brennpunkt

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Kinderärztliche Versorgung: Durchhalten im sozialen Brennpunkt

Steinert, Andrea

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Dr. med. Detlev Geiß ist der letzte Kinderarzt in Köln-Chorweiler. Bislang hat der 63-Jährige noch keinen Nachfolger gefunden. Für niedergelassene Ärzte wird es immer schwieriger, sich in ärmeren Stadtteilen zu halten.

„Ruck, zuck geht hier gar nichts.“ Detlev Geiß nimmt sich viel Zeit für seine kleinen Patienten. Fotos: JOSCHWARTZ.COM
„Ruck, zuck geht hier gar nichts.“ Detlev Geiß nimmt sich viel Zeit für seine kleinen Patienten. Fotos: JOSCHWARTZ.COM

Willst du nachher ein Bonbon?“, fragt Dr. Geiß das vierjährige Mädchen im Sprechzimmer, das zur U8 gekommen ist. Die Kleine schüttelt den Kopf. „Einen Lutscher?“ Wieder Kopfschütteln. „Na, dann kletter mal hier hoch.“ Lautes Gebrüll. Das Kind klammert sich an seinem Vater fest, und die dunklen Augen füllen sich mit Tränen. „Das haben wir doch geübt . . .“, ermuntert der Papa. Aber das Mädchen legt nur noch an Lautstärke zu. Dr. med. Detlev Geiß (63), Kinderarzt in Köln-Chorweiler, hält inne und nutzt die Zeit für ein Gespräch mit dem Vater. Irgendwann hat sich die kleine Patientin beruhigt, und die Untersuchung kann beginnen. „Ruck, zuck geht hier gar nichts“, sagt der Doktor mit Blick auf die Reporterin.

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„Für IGeL hat hier keiner Geld.“ Am Tag kommen 60 bis 80 Kinder und Jugendliche, viele mit Migrationshintergrund in die Praxis
„Für IGeL hat hier keiner Geld.“ Am Tag kommen 60 bis 80 Kinder und Jugendliche, viele mit Migrationshintergrund in die Praxis

Geiß ist der letzte in Köln-Chorweiler verbliebene Kinderarzt, einer Hochhaussiedlung im Norden Kölns. Ein Kollege, der bis vor kurzem noch um die Ecke praktizierte, ist in eine bessere Gegend gezogen. Seither klingelt es bei Geiß noch häufiger an der Tür. Auch heute ist das Wartezimmer voll. Das Mädchen im Behandlungszimmer weint zwar nicht mehr, aber reden will sie immer noch nicht richtig. Geiß wird mit dem Kindergarten der Kleinen Kontakt aufnehmen und fragen, wie sie sich dort macht.

Angespannte Finanzlage

Patienten hat Geiß genug. Am Tag kommen 60 bis 80 Kinder und Jugendliche, viele mit Migrationshintergrund. Die Praxis führt der Arzt zusammen mit einer Ärztin. Manche Familien werden bereits in der dritten Generation von ihnen betreut. Sorgen bereitet allerdings das Einkommen. „Bis 2004 hatten wir ein auskömmliches Arbeiten, dann wurde es schwieriger“, berichtet der Mediziner. „Damals brach der Umsatz um 20 Prozent ein. Bei gleichbleibenden Kosten heißt das, dass die Praxisinhaber 40 Prozent ihres Einkommens verlieren. Das war bis vor kurzem die Situation.“ Erst mit den jüngsten Abrechnungen gehe es wieder leicht bergauf, sagt Geiß. Inzwischen gebe es von der Kassenärztlichen Vereinigung wieder etwas mehr Geld. Die finanzielle Lage der Praxis sei allerdings weiterhin angespannt. Zusätzliche Einkünfte erzielt er durch einen Vertrag mit der AOK Rheinland/Hamburg. Geiß hat hierfür zugesagt, AOK-Versicherte extra zu den Vorsorgeuntersuchungen einzuladen, und dies wird ihm honoriert.

Eine Lösung auf Dauer ist das allerdings nicht. Vor allem handelt es sich nicht um ein tragfähiges Konzept für einen möglichen Nachfolger. So fürchtet Geiß denn auch, die Praxis nicht verkaufen zu können, wenn er in den Ruhestand geht. „Und falls doch, wird mein Nachfolger wahrscheinlich in einen anderen Stadtteil ziehen wollen, denn er hat andere Voraussetzungen. Ein junger Arzt muss noch seine Kinder großziehen und für die Einrichtung einiges an Kapital auf den Tisch legen.“ Im Stadtteil Chorweiler gebe es dann keinen einzigen Kinderarzt mehr.

Geiß ist nicht der einzige niedergelassene Arzt, der um das wirtschaftliche Überleben seiner Praxis kämpft. So hat die Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein bereits am 26. März 2011 in einem Beschluss festgehalten: „Die Ver­tre­ter­ver­samm­lung der KV Nordrhein stellt fest, dass eine durchschnittliche Vertragsarztpraxis (Kassenpraxis) in Nordrhein allein aus KV-Einnahmen („Kasseneinnahmen“) nicht existenzfähig ist.“

Die klassischen Rettungsanker kann Geiß indessen nicht auswerfen. „Für IGeL hat hier keiner Geld“, sagt er. „Und Privatpatienten haben wir auch nicht.“ Was die Patienten stattdessen zuhauf brauchen, ist die Zeit des Doktors. Sei es, dass sie nicht gut deutsch sprechen und deshalb alles etwas länger dauert. Oder die Eltern einfach nicht ganz so fix erklären, was ihr Kind denn nun hat. „Mit einer Mittelschicht-Bevölkerung kommt man schneller auf den Punkt“, weiß Geiß, „auch wenn es nachher um die Therapie geht.“ Das Problem sei, dass das ärztliche Gespräch nicht ausreichend bezahlt werde.

Geiß arbeitet nicht allein unter diesen Bedingungen. In ganz Deutschland haben Ärzte in ärmeren Stadtteilen besonders zu kämpfen, und viele geben auf – sei es im Hamburger Schanzenviertel, in Frankfurt-Fechenheim oder Essen-Altenessen. Genaue Zahlen liegen hierzu nicht vor. Und damit fehlen auch statistische Auswertungen, die ein präzises Bild der Lage zeichnen könnten. Wie sehr die Großstädte wirklich betroffen sind, und wie schnell die Entwicklung voranschreitet, weiß niemand. Die regulären Zahlen helfen dabei kaum weiter. Bisweilen sind sie sogar dazu geeignet, vom eigentlichen Problem abzulenken. Nach der Statistik der freien Arztsitze der Bundes­ärzte­kammer fehlt in ganz Nordrhein kein einziger Kinderarzt. Und bundesweit mangelt es der Aufstellung zufolge lediglich an 27 Kinderärzten.

Wie solche Zahlen zustande kommen, ist bekannt: In der Regel wird das gesamte Stadtgebiet als ein Planungsbereich gesehen. Es müssen also nur ausreichend Ärzte in den schönen Altbauvierteln und schicken Villengegenden praktizieren, dann gelten die multiethnischen Stadtränder als mitversorgt. Und nicht nur das: Ist der Versorgungsgrad von 110 Prozent erreicht, gilt die ganze Stadt als gesperrt – inklusive der Problembezirke. Das geplante Versorgungsstrukturgesetz soll dies nun ändern. Es erlaubt, die Planungsbereiche stärker auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Bevölkerung zuzuschneiden. Die nötige Datenbasis muss hierfür allerdings erst geschaffen werden.

Ärzte sind ungleich verteilt

Für einzelne Städte wurde bereits vorgearbeitet. So hat die KV Nordrhein im März 2010 eine Statistik erstellt, die zeigt, wie sich die Ärzte in Köln auf die einzelnen Stadtbezirke verteilen. Bezogen auf die Bevölkerungszahlen ergibt sich folgendes Bild: Während sich im Bezirk Chorweiler knapp 2 000 Kinder und Jugendliche einen Kinderarzt teilen, sind es im besser gestellten Lindenthal zum Beispiel nur etwa 1 500. Und wer in der Nähe der Innenstadt lebt, hat es besonders gut, denn dort kommen auf einen Kinderarzt nicht einmal 900 Patienten. Die Ungleichverteilung ist dabei nicht auf Kinderärzte beschränkt. Auch andere Fachärzte sind betroffen. Zum Beispiel die Urologen: In Chorweiler ist ein Arzt für circa 40 000 Menschen da, im solventen Rodenkirchen für 20 000. Und bei den Augenärzten sind die Unterschiede sogar noch größer. Mit möglichen Lösungen für diese Problemlage beschäftigt sich inzwischen die kommunale Gesundheitskonferenz.

Auch Essen-Altenessen ist bei der KV Nordrhein Thema. In dem Stadtteil treffen Menschen mit wenig Geld und zerplatzten Träumen aufeinander. Zwei Kinderärzte haben der Gegend den Rücken gekehrt. Der Versorgungsgrad liegt seither bei kläglichen 62 Prozent – wobei die Stadt insgesamt auf satte 139 Prozent kommt. Bereits seit Monaten sucht die KV nach Wegen, die kinderärztliche Versorgung in Altenessen wieder auf die Beine zu bringen. Im Mai dieses Jahres erklärte Vorstand Bernhard Brautmeier gegenüber dem WDR: „Entweder schaffen wir das durch die Einrichtung von Zweigpraxen. Oder, wenn das nicht funktioniert, werden wir auch über ,Eigeneinrichtungen‘ nachdenken. Das heißt, wir selbst werden dort eine Praxis eröffnen und dann Kinderärzte anstellen, die dort tätig werden.“ Inzwischen kündigt sich für Altenessen eine Lösung an, wie Brautmeier mitteilt. Details seien voraussichtlich Ende des Jahres zu erfahren.

Viele Ärzte sehen Eigeneinrichtungen der KV kritisch. Sie sind bereit, als Praxiseigentümer selbst Verantwortung zu tragen – sofern die Bedingungen vertretbar sind. Ein zu hehrer Wunsch? In ihrer Sitzung am 26. März 2011 hat die Ver­tre­ter­ver­samm­lung der KV Nordrhein noch einen weiteren Beschluss gefasst. Sie verlangt, „die ärztliche Tätigkeit künftig nicht primär diagnosebezogen, sondern nach tatsächlichem Arzt- und Therapeutenaufwand zu vergüten“.

Andrea Steinert

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