ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2011Psychotherapie: Ein Prozess im Hier und Jetzt

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Psychotherapie: Ein Prozess im Hier und Jetzt

Moser, Tilmann

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Reinhard Plassmann ist einer der wenigen freudianischen Analytiker, sogar Lehranalytiker, dem es gelungen ist, wichtige Alternativen aus anderen Psychotherapieformen kreativ in seine klinische Tätigkeit zu integrieren. Er ist seit zwei Jahrzehnten Chef von psychosomatischen Kliniken und verfügt über eine immense Breite an Erfahrungen auch mit schwierigen Patienten, vor allem mit Essgestörten. Besonders ergiebig scheint die Einbeziehung von EMDR zu sein, einer Therapieform, bei der die Patienten, bei laufender tiefenpsychologischer Behandlung, durch langsame Augenbewegungen beruhigt und in die Lage versetzt werden, sich ihren verdrängten Affekten zu stellen.

Das Buch „Selbstorganisation“ ist spannend zu lesen und bringt auch dem erfahrenen Psychotherapeuten viele neue Einsichten; es bereichert enorm im Sinne des berühmten amerikanischen Therapeuten Irving Yalom, für jeden Patienten seine eigene passende Therapieform zu finden. Am fruchtbarsten erscheint die gut belegte Annahme, bei schweren Ess- und Selbstverletzungsstörungen nicht eine neurotische Behinderung, sondern ein gravierendes Trauma am Ursprung der Erkrankung anzunehmen. Fast schockierend ist die Erkenntnis, dass bei einem hohen Prozentsatz ein früher sexueller oder gewaltsamer Missbrauch vorliegt. Wichtig ist, dass er weniger mit den Inhalten der Störung arbeitet als vielmehr mit der Reinszenierung des Traumas am Therapeuten oder in der Gruppe. Es ist der Prozess im Hier und Jetzt und nicht die aufzudeckenden, ohnehin nur schwer zugänglichen Erinnerungen, vor allem aber der ernüchterte Verzicht auf Inhaltsdeutungen und die Erwartungen, dass hieraus schon heilsame Einsicht entsteht, auf die Freud so großes Gewicht legte.

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Selten dürfte ein Buch so ermutigend sein, auch bei stagnierenden Behandlungen, bei denen, wie im Fall von Magersucht und Bulimie, aufseiten des Therapeuten oft Resignation oder Verärgerung entsteht. Auch die Patienten sehen sich in ihrem Schicksal menschenfreundlicher gewürdigt. Wenn man Magersucht und andere vergleichbare Störungen als einen Opfergang versteht, bei dem alle Willenskräfte versagen oder kontraproduktiv angewandt werden, so versteht man die Erleichterung des Therapeuten, wenn er sieht, wie die Lebensfreude wiederkehrt.  Tilmann Moser

Reinhard Plassmann: Selbstorganisation. Über Heilungsprozesse in der Psychotherapie. Psychosozial-Verlag, Gießen 2011, 339 Seiten, kartoniert, 32,90 Euro

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