ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2011Von Schräg unten: Systemrelevant

SCHLUSSPUNKT

Von Schräg unten: Systemrelevant

Dtsch Arztebl 2011; 108(46): [96]

Böhmeke, Thomas

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Derzeit ist es wirklich eine Herausforderung, noch ein bisschen Optimismus für die Zukunft beisammenzuhaben. Die Europorose und die Dollagonie, das Bankenwanken und die Anleihenastrologie; wohin soll das alles noch führen? Meine depressive Denke wird durch die Haustürklingel unterbrochen. Ich krieg’ die Krise: Die frechen Neffen suchen mich heim. „Onkel Thomas, du musst uns da mal was erklären, weil du doch der absolute Fachmann dafür bist!“ Ich fühle mich geschmeichelt, bin aber vorsichtig, es handelt sich zwar um keine Investmentbanker, aber immerhin um die Neffen. „Weil du der absolute Profi bist!“ Ich gebe meine Zurückhaltung auf und suhle mich in der entgegengebrachten Hochachtung wie ein Stein im Gallenblasenschlamm.

„Weil, weißt du, du bist ja der absolute Krisenherd; immer wenn wir vorbeikommen, hast du eine Krise!“ Mein Steinsein weicht dem Gefühl von Beleidigtsein. „Also, Onkel Thomas, du musst uns erklären, warum die Banken in der Krise sind und ständig gerettet werden müssen! Die verzocken sich, kriegen aber jede Menge Kohle vom Staat, die sich der Staat wieder von den Bankern leihen muss, die den Zaster wieder verzocken!“ Nun, im Unterschied zu euch beiden gibt es in der Gesellschaft systemrelevante Berufe und Organisationen, ohne die ein Funktionieren unseres Gemeinwesens nicht möglich wäre. Wenn diese anfangen zu kriseln, bröseln die Fundamente unseres gesellschaftlichen Miteinanders, verarmen wir, müssen gar Hunger leiden.

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Nehmt zum Beispiel die Nahrungsmittelindustrie, die täglich für kostengünstige Kalorien sorgt! „Onkel Thomas, das ist es ja. Wenn in den Supermärkten Banker sitzen würden, würden die nur Gammelfleisch verkaufen, das dann Papa Staat aufkauft, damit sie noch mehr Kohle haben, um Gammelfleisch zu produzieren!“ Blödsinn! Ach, das ist doch Blödsinn, dann nehmt doch, äh, nehmt doch . . . eure Lehrer! „Ist klar, Onkel Thomas. Wenn unsere Lehrer wie die Banker wären, würden die uns alle sitzenlassen. Weil sie Prämien für jeden von uns kriegen, der nix zustande bringt! Und wenn alle sitzengeblieben sind, fordern sie Knete vom Staat, weil die Schule voll mit Sitzenbleibern ist!“ Ach, ihr seid doch irrlichternd, ihr seid doch paranoid! „Sind wir nicht! Wenn du dich wie ein Banker aufführen würdest, bekämest du Extraknete für jedes falsch eingebaute Hüftgelenk!“ Ich kann nicht operieren! „Prämie für Nebenwirkungen!“ Unfug! „Boni für das Verbluten!“

Raus mit euch!

Dr. med. Thomas Böhme
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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