ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2011Antibiotikaresistenz-Monitoring in Niedersachsen: Aktuelle und praxisrelevante Daten

MEDIZINREPORT

Antibiotikaresistenz-Monitoring in Niedersachsen: Aktuelle und praxisrelevante Daten

Wagner, Doris; Scharlach, Martina; Diercke, Michaela; Pulz, Matthias

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Die Resistenzdaten von 15 ausgewählten, infektiologisch relevanten Erregern werden systematisch erhoben. Ihre statistische Auswertung erfolgt im Hinblick auf zeitliche Trends, regionale sowie ambulante und stationäre Unterschiede.

Die breite Anwendung von Antibiotika in der Human- und in der Veterinärmedizin wird zunehmend problematisch. Immer häufiger werden Resistenzen der Erreger gegenüber den vorhandenen Wirkstoffen beobachtet – meist verursacht durch ihren unsachgemäßen Einsatz sowie mangelnde Compliance von Patienten.

Für die Einleitung wirksamer präventiver Maßnahmen ist die Erhebung verlässlicher Resistenzdaten zwingend erforderlich. Hierfür hat das Niedersächsische Landesgesundheitsamt (NLGA) in Zusammenarbeit mit mikrobiologischen Laboren erstmals flächendeckend ein „Antibiotika-Resistenz-Monitoring in Niedersachsen“ (ARMIN) aufgebaut. Die Daten werden differenziert für den niedergelassenen und den stationären Versorgungsbereich systematisch erhoben, ausgewertet und publiziert.

Für Deutschland und Europa existieren seit vielen Jahren multizentrische Erhebungen, zum Beispiel die Resistenzstudie der Paul-Ehrlich-Gesellschaft, welche alle drei Jahre erhoben und veröffentlicht wird. Allerdings beinhalten diese Erhebungen weder Daten aus dem niedergelassenen Bereich noch erlauben sie eine regional kleinräumige Datenauflösung.

Für Deutschland bietet seit 2008 die Antibiotika-Resistenz-Surveillance des Robert-Koch-Instituts Daten aus dem stationären und auch aus dem niedergelassenen Bereich. Das European Antimicrobial Resistance Surveillance Network liefert für zahlreiche europäische Länder jährlich Daten aus dem stationären Bereich, die sich aber auf invasive Materialien (Blutkulturen und Liquores) konzentrieren.

Die Hälfte der Antibiogramme aus dem ambulanten Bereich

Die Daten von ARMIN stehen als interaktive Plattform im Internet unter www.armin.nlga.niedersachsen.de ohne Zugangsbeschränkung zur Verfügung. Für die Jahre 2006 bis 2010 liegen inzwischen 935 900 Einzelerregernachweise mit Antibiogramm aus Niedersachsen vor, wobei circa die Hälfte auf den ambulanten Bereich entfällt. Von besonderem Interesse ist die Resistenzentwicklung von multiresistenten Problemkeimen.

Auf einen Blick: Kompakte Informationen auf einer Internetseite liefert das Antibiotika-Resistenz-Monitoring in Niedersachsen.
Auf einen Blick: Kompakte Informationen auf einer Internetseite liefert das Antibiotika-Resistenz-Monitoring in Niedersachsen.

So erhöhte sich der Anteil Methicillin-resistenter Staphylococcus (S.) aureus (MRSA) an allen S.-aureus-Nachweisen im stationären Bereich um 3,9 Prozentpunkte von 19,5 Prozent im Jahr 2006 auf 23,4 Prozent im Jahr 2010. Im niedergelassenen Bereich zeigen sich bisher kaum Veränderungen. Der MRSA-Anteil lag hier bei 9,7 Prozent von allen S. aureus im Jahr 2006 und bei 10,3 Prozent im Jahr 2010.

Resistenzen bei Cefalosporinen der dritten Generation

Andere multiresistente Keime wie zum Beispiel ESBL-bildende Enterobakterien (ESBL = Extended spectrum ß-Lactamasen) wurden in den letzten Jahren ebenfalls vermehrt isoliert. So findet man im stationären Bereich eine Resistenzzunahme gegenüber Cefalosporinen der dritten Generation bei Escherichia (E.) coli um 5,9 Prozentpunkte (von 3,0 Prozent im Jahr 2006 auf 8,9 Prozent im Jahr 2010). Aber auch im niedergelassenen Bereich wird eine Zunahme um 3,5 Prozentpunkte (von 1,1 Prozent im Jahr 2006 auf 4,6 Prozent im Jahr 2010) beobachtet.

Im stationären Bereich wurden im Jahr 2010 63,0 Prozent aller ESBL-bildenden E. coli aus Harnwegsmaterialien kultiviert, im niedergelassenen Bereich waren es sogar 83,3 Prozent. In den übrigen Jahren waren die Anteile ähnlich.

Sorge bereitet auch die Resistenzentwicklung von Enterobakterien gegenüber Ciprofloxacin und Cotrimoxazol. So stieg der resistente Anteil der E. coli-Isolate gegenüber Ciprofloxacin von 15,6 Prozent auf 20,3 Prozent und gegenüber Cotrimoxazol von 29,3 Prozent auf 32,7 Prozent in nur fünf Jahren.

Im Gegensatz zur MRSA-Rate und ESBL-bildenden Enterobakterien lässt sich für Vancomycin-resistente Enterokokken ein abnehmender Trend beobachten. Unter allen Enterococcus faecium im stationären Bereich wiesen im Jahr 2006 noch 13,6 Prozent eine Resistenz gegenüber Vancomycin auf, im Jahr 2010 waren es 5,6 Prozent. Für den niedergelassenen Bereich liegen aufgrund nur weniger Erregernachweise keine verlässlichen Resistenzdaten vor.

Erfreulich ist dagegen die Situation bei den Pneumokokken. Bislang wurden keine Penicillin-resistenten Stämme angezüchtet.

Kleinräumige Datenerfassung bietet enorme Vorteile

Im Vergleich mit anderen Resistenz-Surveillance-Systemen in Deutschland zeigen die für Niedersachsen im Rahmen von ARMIN erhobenen Resistenzdaten nur bei wenigen Erregern abweichende Werte. Trotzdem bietet eine kleinräumigere Datenerfassung enorme Vorteile: Der Austausch und die Vernetzung zwischen den Laboren ist aufgrund von relativ „kleinen runden Tischen“ wesentlich intensiver, somit kann auch das Qualitätsmanagement effektiver gestaltet werden.

Darüber hinaus zeigen erste beispielhafte kleinräumige Auswertungen, dass es durchaus regionale Resistenzunterschiede in Niedersachsen gibt, deren Ursachen möglicherweise mit einer regional unterschiedlichen Antibiotikaverordnung zusammenhängen könnten. Auch die Bekanntmachung des Resistenzmonitoring ist regional leichter durchführbar, zum Beispiel über die Landeszentralstellen der Ärzte- und ebenso der Apothekerverbände, die eine breite Fachöffentlichkeit erreichen. Nicht zuletzt kann auch eine direkte Betroffenheit vor Ort zu mehr Handlung motivieren.

Die statistische Auswertung von ARMIN stützt sich – im Unterschied zu anderen Surveillance-Systemen – auf bereits bewertete Resistenzergebnisse. Der Vorteil dieser Methode ist, dass die bewerteten Daten bereits die Therapieempfehlungen implizieren, wie sie den Einsendern mitgeteilt werden. Durch die Plausibilitäts- und Qualitätskontrollen der Daten durch das NLGA vor Veröffentlichung können Bewertungsunterschiede zwischen den Laboren erkannt werden.

Gründe dafür können die unterschiedlichen Grenzwerte sein, nach denen in den Laboren die Resistenztestung durchgeführt wird (DIN, CLSI, demnächst auch EUCAST). Allerdings erscheinen diese Unterschiede nur marginal, wie statistische Auswertungen ergeben haben.

Aus dem „runden Tisch“ der beteiligten Labore sind inzwischen ein Diskussionsforum und ein Qualitätszirkel entstanden. Hier werden unter anderem fachliche Fragen diskutiert, die zu einer Anpassung mikrobiologischer Diagnostik und Befundausweisung zwischen den „ARMIN-Laboren“ führen sollen.

Derzeit Online-Befragung zum Nutzen von ARMIN

Für die Zukunft ist geplant, die erhobenen Daten noch differenzierter (zum Beispiel nach Materialgruppen, nach zweistelliger Postleitzahl) auszuwerten und darzustellen. Außerdem sollen langfristig Daten zum Antibiotikaverbrauch in Niedersachsen erfasst und mit den Resistenzdaten korreliert werden. Die aus ARMIN gewonnenen Erkenntnisse sowie die Aufklärung und Sensibilisierung für das Thema Antibiotikaresistenz sollen auf einen verantwortungsvolleren Umgang mit Antibiotika hinwirken.

Um die Akzeptanz und den Nutzen von ARMIN zu analysieren, wird seit Oktober eine Online-Befragung durchgeführt. Die Teilnahme erfolgt anonym, wurde mit zwei Fortbildungspunkten zertifiziert und ist für interessierte Personen über die Homepage www.armin.nlga.niedersachsen.de möglich.

Dr. med. Doris Wagner,
Dr. phil. Martina Scharlach,
Michaela Diercke,
Dr. med. Matthias Pulz

Methodik

Derzeit beteiligen sich neun Labore am „Antibiotika-Resistenz-Monitoring in Niedersachsen“, das Resistenzdaten seit 2006 enthält. Für 15 ausgewählte, infektiologisch relevante Erreger übermitteln die Labore die anonymisierten Ergebnisse ihrer Resistenztestung an das Niedersächsische Landesgesundheitsamt (NLGA).

Zusätzlich werden zu jedem Befund Angaben zur Herkunft der Probe (Krankenhaus/Pflegestation, Krankenhaus/Intensivstation, niedergelassener Bereich), die ersten zwei Stellen der Postleitzahl des Einsenders, das analysierte Material sowie Geschlecht und Geburtsjahr des Patienten mitgeteilt. Die statistische Auswertung der Daten erfolgt im NLGA insbesondere im Hinblick auf zeitliche Trends und regionale Unterschiede.

Die interaktive Internetpräsentation ermöglicht eine grafische Darstellung der Resistenzentwicklung klinisch indizierter Antibiotika über die Jahre, differenziert für den stationären und den niedergelassenen Bereich. Eine tabellarische Anzeige kann zusätzlich aufgerufen werden. Zu jedem Erreger ist außerdem in einem Erläuterungstext ein kurzes Keimprofil hinterlegt.

Für eine orientierende Übersicht zur Resistenzsituation in Niedersachsen steht auf der Homepage eine farblich abgestufte Matrix zum Ausdrucken oder Herunterladen bereit (sowohl für den niedergelassenen als auch stationären Versorgungsbereich). Derzeit werden die Daten jährlich aktualisiert.

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