ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2011Das Gespräch mit Prof. Dr. med. Dieter Bitter-Suermann, Präsident des Medizinischen Fakultätentages: „Das PJ ist Fakultätensache“

POLITIK: Das Gespräch

Das Gespräch mit Prof. Dr. med. Dieter Bitter-Suermann, Präsident des Medizinischen Fakultätentages: „Das PJ ist Fakultätensache“

Richter-Kuhlmann, Eva

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Der Präsident des Medizinischen Fakultätentages befürchtet durch die geplanten Änderungen der Approbationsordnung eine Absenkung der Ausbildungsqualität im praktischen Jahr.

Der Teufel steckt im Detail. Dies ist auch bei der für das kommende Jahr geplanten Änderung der Ärztlichen Approbationsordnung so – zumindest aus Sicht der medizinischen Fakultäten. „Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Daniel Bahr hat im Sommer lediglich die Abschaffung des Hammerexamens angekündigt. Von weiteren Eingriffen in die Approbationsordnung war damals gar nicht die Rede“, betont der Präsident des Medizinischen Fakultätentages (MFT), Prof. Dr. med. Dieter Bitter-Suermann, im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt über den Entwurf des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums.

Fotos: Georg J. Lopata
Fotos: Georg J. Lopata
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Die „Erste Verordnung zur Änderung der Approbationsordnung für Ärzte“, die noch der abschließenden Abstimmung innerhalb der Bundesregierung und der Zustimmung des Bundesrates bedarf, beinhaltet nämlich nicht nur die Verlegung der schriftlichen Prüfung des zweiten Staatsexamens vor das praktische Jahr (PJ), sondern auch veränderte Rahmenbedingungen für das PJ. So sollen Medizinstudierende ab April 2013 ihr abschließendes Studienjahr auch außerhalb der Universitätsklinik der Heimatuniversität und den ihr zugeordneten Lehrkrankenhäusern absolvieren können. Damit würden künftig also quasi alle 600 theoretisch infrage kommenden Krankenhäuser zu Lehrkrankenhäusern der 36 medizinischen Fakultäten werden. Zudem soll den Studierenden die Möglichkeit eingeräumt werden, auch Teilzeit während des PJ zu arbeiten und 30 anstatt nur 20 Tage während dieser Zeit zu fehlen. Um die Allgemeinmedizin in der ärztlichen Ausbildung zu stärken, soll zudem das Blockpraktikum in der Allgemeinmedizin auf zwei Wochen verlängert werden. Ferner soll künftig auch die Schmerzmedizin ausdrücklich in die Approbationsordnung aufgenommen werden.

Während die Aufsplittung des zweiten Staatsexamens in eine schriftliche Prüfung vor und eine mündlich-praktische Prüfung nach dem PJ und damit die Abschaffung des Hammerexamens spontan bei allen auf Zustimmung stieß („Der Hammer fällt“, DÄ, Heft 41/2011), wird nun Kritik an den weiteren vorgesehenen Regelungen laut. So führe die geplante Neuregelung des PJ zu einer schlechteren Ausbildungsqualität und höheren Ausbildungskosten, warnen der MFT und der Verband der Universitätsklinika.

Im Gegensatz zu den Studierenden und auch zu der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), die prinzipiell die geplanten erweiterten Wahlmöglichkeiten begrüßen, befürchtet der MFT-Präsident „eine inhaltliche Abwertung des PJ“. „Das PJ ist Fakultätensache und muss unter deren Verantwortung bleiben“, stellt er deshalb gleich zu Beginn des Gespräches klar. Denn Fakt sei: „Das PJ ist integraler Bestandteil des akademischen Medizinstudiums.“ Dabei müsse die Fakultät auch bestimmen können, mit welchem Krankenhaus sie in der PJ-Ausbildung kooperiert. Dies sei zudem in der Bundesärzteordnung eindeutig geregelt. „Der im Entwurf enthaltene Kontrahierungszwang steht zu ihr im Widerspruch“, betont er. Verträge mit mehreren Hundert Lehrkrankenhäusern könnten ferner schon aufgrund des Verwaltungsaufwands nicht geschlossen werden.

„Nicht ein Qualitätswettbewerb wird sich unter den Lehrkrankenhäusern entwickeln, sondern ein Wettbewerb um die besten finanziellen Anreize.“ Dieter Bitter-Suermann
„Nicht ein Qualitätswettbewerb wird sich unter den Lehrkrankenhäusern entwickeln, sondern ein Wettbewerb um die besten finanziellen Anreize.“ Dieter Bitter-Suermann

„An den Akademischen Lehrkrankenhäusern wird die Lehre durch außerplanmäßige Professoren und Privatdozenten vertreten, die in einem engen Austausch mit der Fakultät stehen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass die Studierenden an den PJ-Einrichtungen wirklich eine Fortsetzung ihrer Ausbildung bekommen“, erklärt der MFT-Präsident. An den anderen Krankenhäusern stehe nicht annähernd in vergleichbarem Umfang qualifiziertes wissenschaftlich-ärztliches Personal zur Verfügung.

Dass die im Entwurf benannten Maßnahmen wie Logbücher und PJ-Beauftragte an den Kliniken ausreichen, um die Qualität im PJ zu erhalten, glaubt Bitter-Suermann nicht: „Das ist nur ein bisschen Puderzucker über dem Ziel, die Lehrkooperationen der Universitäten mit ihren akademischen Lehrkrankenhäusern zur Disposition zu stellen. Wenn die Fakultäten künftig nicht mehr entscheiden dürfen, welches Krankenhaus zu ihrem Lehr- und Lernkonzept am besten passt, bleibt die qualitätsgesicherte Lehre im PJ auf der Strecke.“

Die Medizinstudierenden dagegen erhoffen sich durch die geplante Änderung eine Steigerung der Ausbildungsqualität im PJ. Zudem ermögliche sie einen Einblick in die medizinische Versorgung außerhalb von Ballungsgebieten, heißt es in der Stellungnahme der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland. Auch ärztliche Organisationen wie die BÄK, die KBV und der Hartmannbund begrüßen die geplante höhere Flexibilität von Medizinstudierenden. Die BÄK und die KBV betonen allerdings, dass die Ausbildungsqualität im PJ bundesweit vergleichbar bleiben müsse. Dies sollten Maßnahmen gewährleisten, wie die Benennung eines eigenen Beauftragten für das PJ und eine unabhängige Evaluation.

Den Wunsch der Studierenden, überall das PJ absolvieren zu können, kann auch Bitter-Suermann zwar prinzipiell nachvollziehen. „Die Studierenden haben ihn aber nur, solange sie noch kein PJ gemacht haben“, meint er. „Wenn sie aber zur Prüfung müssen und dann Inhalte gefragt werden, die sie im PJ nie gehört haben, kommen die Anschuldigungen an die Fakultät. Wir hätten dies und das nicht fragen dürfen, heißt es dann.“ Auch bundesweite Vereinbarungen bezüglich der Ausbildungsqualität sieht Bitter-Suermann nicht als Lösung an: Absprachen seien vielleicht zwischen zwei Hochschulen möglich, aber nicht mit allen Fakultäten.

Wenig Probleme entstehen dagegen derzeit, wenn Studierende einen Teil ihres PJ im Ausland absolvieren wollen. Denn dann sind prinzipiell nur Universitätskliniken als Ausbildungsstätte zugelassen. Bei diesen renommierten Hochschulen, wie beispielsweise Harvard in den USA, sei so die Ausbildungsqualität gesichert, weist der MFT-Präsident die Frage zurück, warum es für einen PJler der Medizinischen Hochschule Hannover schwieriger ist, an ein Lehrkrankenhaus nach Bayern zu gehen als zum PJ ins Ausland. „Unsere jährlich 10 000 PJler verteilen sich auf 600 Lehrkrankenhäuser in Deutschland, hinzu kommen 32 Universitätsklinika“, erklärt Bitter-Suermann. „Die Auswahl ist groß. Das geht bis ins flache Land. Unsere drei, vier, fünf Lehrkrankenhäuser im Emsland klagen sogar über eine zu geringe Frequentierung.“

Auch das Ziel der Neuregelung, den Landärztemangel zu beseitigen, wird Bitter-Suermann zufolge mit dem Entwurf verfehlt: Nicht ein einziger Student werde aufgrund der Änderung zusätzlich in die ländlichen Regionen zum PJ gehen und später Landarzt werden, ist der Präsident überzeugt. Denn der Landarztmangel lasse sich nicht durch eine Ärzteausbildung in strukturschwachen Gebieten kompensieren. Vielmehr seien die Arbeits- und Lebensbedingungen von Ärztinnen und Ärzten vor Ort die entscheidende Größe. Zudem ist sich der MFT-Präsident und Präsident der Medizinischen Hochschule Hannover sicher: „Nicht ein Qualitätswettbewerb wird sich unter den Lehrkrankenhäusern entwickeln, sondern ein Wettbewerb um die besten Angebote, wie die Höhe von Aufwandsentschädigungen oder Barzahlungen.“

Weitere Vorgaben des Verordnungsentwurfs sind es, das Blockpraktikum in der Allgemeinmedizin von ein auf zwei Wochen auszudehnen und ferner zunächst für zehn und später für 20 Prozent der Studierenden einen PJ-Ausbildungsplatz in der Allgemeinmedizin zur Verfügung zu stellen. Während BÄK und KBV die Maßnahmen als noch „eher zu verhalten“ ansehen, hält Bitter-Suermann sie für kaum realisierbar: „Theoretisch kann bereits jetzt jeder Studierende sein PJ-Freitertial in der Allgemeinmedizin machen. Da ist nur ein kleiner Pferdefuß: Die Allgemeinmediziner in den Lehrpraxen müssen sich in dieser Zeit in einem Verhältnis von eins zu eins ihren Studierenden widmen. Das ist mit Verdienstausfall verbunden. Die Summe, die die Niedergelassenen bei uns in Niedersachsen dafür haben wollen, beträgt 2 500 Euro im Tertial. Doch die Fakultäten haben dafür nur begrenzt Geld und brauchten eine finanzielle Unterstützung – auch von den über Nachwuchsmangel in der Allgemeinmedizin klagenden Kassenärztlichen Vereinigungen.“

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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