ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2011Telemedizin: In der Ausbildung verankern

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Telemedizin: In der Ausbildung verankern

Krüger-Brand, Heike E.

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Der Umgang mit telemedizinischen Anwendungen versteht sich nicht von selbst. Experten fordern eine frühzeitige Integration entsprechender Methoden in das Studium sowie akkreditierte Zusatzweiterbildungen und Fortbildungen.

Foto: iStockphoto
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Einer Analyse der wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages zufolge können telemedizinische Anwendungen „entscheidende Beiträge zur Lösung der demografischen Herausforderungen“ leisten. „Mit Hilfe der Telemedizin können neue Formen einer nachhaltigen Betreuung von Patienten erschlossen und ein breiterer Zugang zur medizinischen Expertise insbesondere auch in ländlichen Regionen eröffnet werden“, heißt es in einer Ausarbeitung vom 11. Mai 2011. Allerdings benennt das Papier auch die Hürden einer breiten Umsetzung, nämlich die „hohe Komplexität und vielfältige, heterogene Zuständigkeiten“ im deutschen Gesundheitswesen, die den Aufbau einer einheitlichen Infrastruktur erschweren.

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Je nach Perspektive lässt sich der Einsatz von Telemedizin hierzulande denn auch unterschiedlich bewerten: Seit Jahren fließen erhebliche Fördermittel in Telemedizinprojekte, mit teilweise ernüchterndem Ergebnis: „Die Projekte haben – mit Ausnahme der Schlaganfallversorgung – allesamt den Sprung in die Regelversorgung nicht geschafft. Das können wir uns auf Dauer nicht leisten“, erklärte Nino Mangiapane, Referatsleiter im Bundesministerium für Gesundheit, beim 2. Nationalen Fachkongress Telemedizin in Berlin.* Abhilfe soll die E-Health-Initiative der Bundesregierung schaffen (Kasten).

Gleichzeitig sind nach Auffassung der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) telemedizinische Anwendungen im Versorgungsalltag inzwischen fest verankert. „Telemedizinische Patientenversorgung ist keine Randerscheinung mehr, sondern kaum noch aus der Versorgung wegzudenken“, betonte Dr. med. Franz-Joseph Bartmann, Vorsitzender des BÄK-Ausschusses Telematik. Allerdings handelt es sich um eine in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommene, unstrukturierte Verbreitung, die als „Initiative von unten“ entstanden ist: „Die Ärzte sehen ein Versorgungsproblem und versuchen mit Methoden der Informations- und Telekommunikationstechnologie, dieses zu lösen“, so Bartmann. Die flächendeckende Tele­ma­tik­infra­struk­tur sei dabei jedoch nötig, um Insellösungen zu vermeiden.

Sicherung der Qualität

Mit der Verbreitung telemedizinischer Methoden rücken aus Sicht der BÄK zunehmend qualitative Aspekte in den Vordergrund. So sei zu fragen, wie die Fachgesellschaften die jeweilige Evidenzlage bewerten, welche Rolle Telemedizin bei der Umsetzung von Leitlinien in der Patientenversorgung spielt und ob Telemedizin bereits Einzug in Leitlinien gehalten habe, führte Bartmann aus. Ein Schwerpunkt liegt daher auf der Förderung der wissenschaftlichen Evaluation: „Ohne diese gibt es keine Berechtigung für die Integration in die Regelversorgung. Dafür sind die Ressourcen zu knapp. Der Nachweis der Evidenz ist die unbedingte Voraussetzung dafür“, betonte Bartmann. Immerhin gibt es Anzeichen, die Bemühungen in dieser Hinsicht zu verstärken: Nach dem geplanten Versorgungsstrukturgesetz soll etwa geprüft werden, in welchem Umfang ambulante telemedizinische Leistungen erbracht werden können und inwieweit der Einheitliche Bewertungsmaßstab zur Vergütung der Vertragsärzte anzupassen ist.

Voraussetzung für gute Telemedizin ist laut Bartmann zudem die Heranführung der Ärzte an telemedizinische Methoden. Dazu müsse das Thema auch in der Fortbildung verortet werden. „Die Bundes­ärzte­kammer wird Qualifikationsinhalte identifizieren und entsprechende Fortbildungsmaßnahmen entwickeln“, kündigte der BÄK- Experte an. In der ärztlichen Fortbildung soll für Telemedizin ein Curriculum entwickelt werden, dass später auch in der Weiterbildung genutzt werden kann, um eine rasche Verbreitung in der Ärzteschaft zu erreichen. Mit einer grundsätzlichen Novellierung der Weiter­bildungs­ordnung ist Bartmann zufolge jedoch erst in vier bis fünf Jahren zu rechnen.

Die Deutsche Gesellschaft für Telemedizin setzt sich ebenfalls dafür ein, dass in der Aus-, Weiter- und Fortbildung des medizinischen Fach- und Pflegepersonals Grundlagen der Informations- und Kommunikationstechnologie vermittelt werden. „Telemedizinische Lehrinhalte sollen sich an alle Berufsgruppen richten und nach definierten Standards angeboten werden. Telemedizin muss Gegenstand der medizinischen Lehre werden“, lautet ihre Forderung.

Einen erheblichen zielgruppenspezifischen Qualifizierungsbedarf nicht nur bei Klinikärzten, sondern auch bei niedergelassenen Ärzten und anderen Berufsgruppen im Gesundheitswesen konstatierte Prof. Dr. med. Claudia Homberg, Universität Bielefeld. Qualifizierung finde derzeit fast ausschließlich durch einrichtungsinterne und daher nur eingeschränkt vergleichbare Schulungen statt, kritisierte die Sozialmedizinerin. Sie forderte eine frühzeitige Integration in die ärztliche Grundausbildung. „Ärzte müssen sicher sein im Umgang mit telemedizinischen Anwendungen und Fragestellungen etwa hinsichtlich Datenschutz und rechtlichen Rahmenbedingungen.“ Durch qualifizierte Zusatzausbildungen könnten zudem neue Berufsformen entstehen, wie etwa der Telemedizin-Manager, der Ärzte und Pflegekräfte von technischen Aufgaben entlastet.

Prof. Dr. med. Eckhart G. Hahn, Universität Oldenburg, verwies auf den „nationalen kompetenzbasierten Lernzielkatalog Medizin“ (www.nklm.org), den die Gesellschaft für Medizinische Ausbildung zusammen mit dem Medizinischen Fakultätentag derzeit erarbeitet und der auch telemedizinische Lernziele umfassen wird.

Während die Verankerung der Telemedizin in der ärztlichen Ausbildung noch aussteht, ist man bei der Aus- und Fortbildung der Medizinischen Fachangestellten (MFA) schon weiter: Das in den Jahren 2008 und 2009 zunächst in Nordrhein-Westfalen erprobte Curriculum „Fachkraft für elektronische Praxiskommunikation und Telematik“ ist inzwischen auch in das Fortbildungsangebot „Nichtärztliche Praxisassistentin“ auf Bundesebene integriert. An Beispielanwendungen lernen die MFA nicht nur, mit den Technologien kompetent umzugehen, sondern unter anderem auch, welche datenschutzrechtlichen Grundlagen dabei zu berücksichtigen sind.

Erstmals befasste sich ein Schwerpunkt des Kongresses auch mit E-Health-Entwicklungen im Ausland. Hier haben die skandinavischen Länder seit Jahren die Nase vorn, nicht zuletzt bei der technischen Infrastruktur. Beispiel Schweden: Laut Per-Olof Egnell vom Norrbotten County Council, Nordschweden, ist die Region, die etwa ein Viertel der Fläche des Landes, aber nur 2,8 Prozent der schwedischen Bevölkerung umfasst, flächendeckend mit Breitbandtechnologie ausgestattet. Eine einheitliche elektronische Patientenakte ist realisiert, als nächstes stehen Projekte wie das Arzneimittelmanagement und der Zugang für Patienten zu ihren elektronischen Akten auf dem Programm.

Nur ein Platz im Mittelfeld

Hierzulande ist das „Breitband für alle“ trotz nationaler Strategie noch längst nicht verwirklicht. Beim Einsatz von E-Health liege Deutschland im europäischen Vergleich nur im Mittelfeld, auf Platz 18 (von 33), erklärte Prof. Dr. Roland Trill, Fachhochschule (FH) Flensburg. Die Europäische Union (EU) will durch eine Reihe von Aktionsplänen und Fördermaßnahmen E-Health in den Mitgliedsstaaten voranbringen. Trill berichtete von dem Projekt „ICT for Health“, das Teil des Aktionsplans der EU zur Ostseestrategie ist. Ziel sei es, medizinische Versorgungslücken im ländlichen Raum zu überbrücken und chronisch kranke Menschen zu befähigen, E-Health-Technologien, wie etwa eine elektronische Gesundheitsakte, zu nutzen. Circa 400 Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz sollen dabei per Telemonitoring medizinisch betreut werden. An dem Projekt, das ein Finanzvolumen von 3,65 Millionen Euro hat und Ende 2012 endet, beteiligen sich acht Länder, die Federführung liegt bei der FH Flensburg (www.ictforhealth.net).

Im EU-Projekt „Renewing Health“ geht es um die auf Telemonitoring und Leitlinien basierende Versorgung chronisch kranker Patienten mit Diabetes mellitus und COPD (www.renewinghealth.eu; Fördervolumen: 14 Millionen Euro). Die verwendete Technologie umfasst unter anderem Vitalsensoren mit mobiler Datenübertragung sowie eine elektronische Patientenakte. In einer groß angelegten randomisierten Studie sollen 7 900 Probanden in acht Ländern eingeschrieben werden. Im Rahmen der europäischen Begleitforschung will man einerseits die Implementierung auf der Ebene eines Primärversorgers und andererseits die gesundheitsökonomischen Versorgungseffekte von Telemonitoring untersuchen und vergleichen. Ein wichtiges Ziel für Deutschland ist der Transfer telemedizinischer Anwendungen in die Regelfinanzierung der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung. Die deutsche Studiengruppe umfasst einschließlich Kontrollgruppe 800 Teilnehmer aller Alters- und Versorgungsstufen. Die Rekrutierung der Studienteilnehmer sei abgeschlossen und die Technik installiert, berichtete Markus Greuel vom Pflegenetzwerk Berlin, dem deutschen Projektträger. Anfang 2012 werde mit den Auswertungen begonnen.

Heike E. Krüger-Brand

„Telemedizin und leitliniengerechte Patientenversorgung in Deutschland“, veranstaltet am 3. und 4. November 2011 von der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin (DGTelemed)

E-Health-Initiative

Seit Mitte 2010 arbeitet die von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Rahmen des Nationalen IT-Gipfels gestartete E-Health-Initiative an Lösungskonzepten, um die flächendeckende Einführung telemedizinischer Anwendungen voranzutreiben. Drei Maßnahmenpakete sind geplant:

  • Aufbau eines Informations- und Servicedienstes, der einen Überblick über Projekte, Behandlungskonzepte und Rechtsgrundlagen ermöglicht und regionale Kooperationspartner etwa über Musterverträge, Checklisten et cetera dabei unterstützt, Telemedizin besser in Behandlungsabläufe und Versorgungsverträge zu integrieren.
  • Erarbeitung einer Plattform, die Lösungen zur flächendeckenden technischen und inhaltlichen Interoperabilität bereitstellt. Dabei sollen Ergebnisse von Standardisierungsgremien und Herstellern miteinbezogen werden.
  • Integration von Telemonitoring in bestehende Behandlungsprozesse – gedacht ist an die optionale Erweiterung strukturierter Behandlungsprogramme (DMP) zunächst anhand der Leitindikation „chronische Herzinsuffizienz“.

Beim 6. Nationalen IT-Gipfel am 6. Dezember 2011 in München sollen erste Ergebnisse präsentiert werden. Informationen: www.bmwi.de/BMWi/Navigation/Technologie-und-Innovation/Digitale-Welt/IKT-Strategie-Nationaler-IT-Gipfel/it-gipfel.html

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