ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2011Colonia Dignidad: Sektenarzt flieht nach Deutschland

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Colonia Dignidad: Sektenarzt flieht nach Deutschland

Dtsch Arztebl 2011; 108(47): A-2524 / B-2118 / C-2090

Neuber, Harald

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In Chile wurde Hartmut Hopp wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch verurteilt. Nach seiner Flucht lebt er unbehelligt in Krefeld.

Fahndungsaufruf: Hartmut Hopp wird mit internationalem Haftbefehl gesucht. Foto: dpa
Fahndungsaufruf: Hartmut Hopp wird mit internationalem Haftbefehl gesucht. Foto: dpa

Wahrscheinlich hat sich Hartmut Hopp die Flucht aus Chile einfacher vorgestellt. Anfang Mai setzte sich der 67-jährige Mediziner über Argentinien und Brasilien nach Deutschland ab. Kurz zuvor war Hopp in dem südamerikanischen Land wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch Minderjähriger zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden, die letztinstanzliche Entscheidung steht unmittelbar bevor. In Chile ist der Deutsche bekannt: Hopp war über Jahre hinweg einer der führenden Köpfe der Sektensiedlung Colonia Dignidad, die nach Erkenntnissen des US-Auslandsgeheimdienstes CIA und des Simon-Wiesenthal-Zentrums unter anderem den Nazi-Kriegsverbrechern Josef Mengele und Walter Rauff Zuflucht bot.

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Die Behörden in Chile heben Hopps führende Rolle gleich nach dem Sektengründer Paul Schäfer hervor, der im April 2010 in der Haft starb. Der chilenische Sonderermittler Jorge Zepeda fordert deswegen die Auslieferung des Flüchtigen, der mit Interpol-Haftbefehl gesucht wird. Das Fahndungsblatt ist mit einer sogenannten roten Ecke versehen, ebenso wie beim ehemaligen libyschen Staatschef Muammar Al-Gaddafi. Dennoch kann sich Hopp seit seiner Flucht frei in Krefeld bewegen. Nach deutschem Recht, so hieß es von der lokalen Staatsanwaltschaft, verjährt der vorgeworfene Missbrauch von Kindern nach zehn Jahren. Und in Artikel 16, Absatz 2 des Grundgesetzes heißt es: „Kein Deutscher darf an das Ausland ausgeliefert werden.“

Dennoch ist der Fall Hopp im Fluss. Auf Anfrage bestätigte der Krefelder Staatsanwalt Klaus Schreiber den Eingang einer Strafanzeige. Nachdem sich die deutschen Behörden anfangs sehr zurückhielten, hat das Bundeskriminalamt Ermittlungen aufgenommen. Immerhin läuft in Chile gegen Hopp angesichts des Mordes an drei Widerstandskämpfern während der Pinochet-Diktatur (1973 bis 1990) auch ein Verfahren wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Wenn sich diese Vorwürfe gegen den Mediziner erhärten, könnte es für ihn auch im bisher sicheren Hafen Deutschland stürmisch werden.

Bislang zeigt sich der Flüchtling äußerst selbstsicher. Im Krefelder Stadtteil Linn haben er und seine Frau eine 58-Quadratmeter große Wohnung gemietet. Erst nach Protesten von Anwohnern und Kündigungsschreiben der Vermietungsgesellschaft gab der Sektenarzt die Räume auf. Trotzdem richtet er sich offenbar auf einen längeren Aufenthalt in Deutschland ein: Die Ärztekammer Nordrhein bestätigte, dass sich der 67-Jährige als approbierter Mediziner registrieren ließ.

Die niederrheinische Stadt ist seit Jahren eine Anlaufstelle für führende Vertreter der Colonia Dignidad. Auch der 2007 verstorbene „Finanzchef“ der Siedlung, Albert Schreiber, hatte sich dorthin abgesetzt, weil er bei der Sekte „Freie Volksmission Krefeld“ über gute Kontakte verfügte. Deren Anführer Ewald Frank hat jahrelang engen Kontakt zu der Deutschensiedlung in Chile gehalten; inzwischen darf er dort nicht mehr einreisen.

Bei der Ärztekammer Nordrhein ist man bemüht, den emotional aufgeladenen Fall sachlich zu behandeln. „Herr Hopp ist zunächst gemäß dem Heilberufsgesetz des Landes Nordrhein-Westfalen seiner Meldepflicht nachgekommen“, sagte der Sprecher der Ärztekammer Nordrhein, Horst Schumacher. Die juristische Beurteilung des Falles sei darüber hinaus in erster Linie Sache der Behörden. „Schließlich leben wir hier in einem Rechtsstaat“, sagt Schumacher, „und Gott sei Dank nicht in der Colonia Dignidad.“ Erst nach einem juristischen Verfahren und einer etwaigen Verurteilung könne die Ärztekammer auf der Basis des Heilberufsgesetzes eigene Schritte wegen eines möglichen „berufsrechtlichen Überhangs“ prüfen. Die Approbation kann nur die Bezirksregierung entziehen.

Harald Neuber

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