ArchivDeutsches Ärzteblatt21/1998Internationaler Prävalenz-Vergleich: Ein Weltatlas der Allergien

POLITIK: Medizinreport

Internationaler Prävalenz-Vergleich: Ein Weltatlas der Allergien

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Dreistufige Studie in 56 Ländern belegt unterschiedliche Allergie-Häufigkeit, deren Ursache nach wie vor ungeklärt ist. Einige Wissenschaftler sehen in der Fettauswahl für die Nahrung einen möglichen Auslöser ("Linolsäure-Hypothese")
Wellington, die Hauptstadt Neuseelands, hat schon länger den Ruf, die "Asthmahauptstadt der Welt" zu sein. Und nach den Daten, die das vor acht Jahren begonnene ISAAC-Projekt (International Study on Asthma and Allergy in Children) nun liefert, gehört die Stadt zumindest zu den heißesten Favoriten auf den zweifelhaften Titel. Neuseeland, England und Australien führen die weltweite Asthmastatistik an: 25 bis 40 Prozent der in diesen Ländern im Rahmen des ISAAC-Projektes befragten Kinder hatten im letzten Jahr typische Atemsymptome erlebt.
Forscher aus 56 Ländern haben sich an dieser ersten von drei geplanten ISAAC-Stufen beteiligt, deren Ergebnisse nun im "Lancet" publiziert sind (1998; 351: 1225). Auf fünf Erdteilen wurden über 460 000 Kinder zwischen 13 und 14 Jahren anhand standardisierter Fragebögen und teilweise auch Videointerviews gefragt, ob sie in den letzten zwölf Monaten von typischen Symptomen der drei Allergieformen Asthma, allergische Rhinitis und atopisches Ekzem betroffen waren. "Die Studie erlaubt erstmals einen globalen Vergleich der AllergieHäufigkeit auf der Basis einheitlicher Kriterien", sagten Prof. Ulrich Keil (Universität Münster) und Dr. Stephan Weiland als Co-Initiatoren des Projektes.
Bemerkenswert sei, wie sehr die Häufigkeit der Symptome weltweit variiert. Verglichen mit den sehr hohen Raten aus England oder auch Neuseeland, lag in Deutschland (Münster) die Rate der Beschwerden mit 14 Prozent nur etwa halb so hoch; in Greifswald, dem zweiten beteiligten deutschen Zentrum, lag sie noch einmal etwa zwei Prozentpunkte niedriger. Und unter 13- bis 14jährigen Indonesiern scheint Asthma mit kaum zwei Prozent eine Seltenheit zu sein, aber auch in mehreren osteuropäischen Ländern, Griechenland, China und Indien klagten weniger als fünf Prozent der Kinder über Symptome. "Es gibt ein deutliches West-Ost- und ein Nord-Süd-Gefälle in der Asthma- und Allergie-Prävalenz", sagte Keil. Insgesamt findet sich eine recht gute geographische Übereinstimmung zwischen den verschiedenen Allergieformen: Wo Asthma häufig war, berichteten die Kinder auch häufiger über typische Anzeichen von Heuschnupfen und atopischem Ekzem. So liegen die englischsprachigen Länder auch in diesen beiden Krankheitsformen in der Spitzengruppe. Überraschung für die Fachwelt
Es gab allerdings auch Ausreißer: nigerianische Kinder lagen mit 40 Prozent an der Spitze der HeuschnupfenTabelle, liegen bei Asthma mit etwa zehn Prozent aber eher im Mittelfeld. Selbst wenn sich die im Extremfall 60fachen Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern etwas reduzieren, bleibt das grundsätzliche Rätsel bestehen, warum die Krankheiten in einigen Ländern häufiger sind als in anderen. Daher werde in der zweiten Stufe des ISAAC-Projektes die Abhängigkeit der Krankheiten von sozialen Gegebenheiten, Impfstatus, Klima und Ernährungsgewohnheiten geprüft.
Für Deutschland liegen bereits Ergebnisse vor: Hier profitieren die Forscher von der einmaligen Situation nach der Wiedervereinigung: Eine der Überraschungen für die Fachwelt war, daß in Ostdeutschland Allergien seltener sind als im Westen. Seitdem konzentriert sich die Suche nach dem Risikofaktor auf spezifische Faktoren des "westlichen Lebensstils". Auch der Vergleich der beiden deutschen ISAAC-Zentren bestätigt diese Ost-WestVerteilung. So hatten beispielsweise in Münster sieben Prozent der befragten Zwölf- bis 15jährigen angegeben, jemals unter Asthma gelitten zu haben, in Greifswald lag die Rate bei knapp vier Prozent (European Respiratory Journal 1998; 11: 840).
Nach den Beobachtungen einer Gruppe um Dr. Erika von Mutius (Universitätskinderklinik München), Dr. Christian Fritzsch (Universität Leipzig), Weiland und Keil sind ostdeutsche Kinder aber auf dem besten Weg, den Unterschied aufzuholen (Lancet 1998; 351: 6862). Die Forscher hatten im Schuljahr 1995/96 in Leipzig die Eltern von etwa 1 850 Neun- bis Elfjährigen per Fragebogen interviewt und 70 Prozent dieser Kinder zudem einem Allergietest unterzogen. Die Daten haben sie dann mit den Angaben verglichen, die sie bereits 91/92 auf dieselbe Weise erhoben hatten. In diesen vier Jahren hatte sich die Häufigkeit von Heuschnupfen von zwei auf fünf Prozent mehr als verdoppelt; im Westen liegt sie, so Weiland, bei acht bis neun Prozent.
Die Forscher glauben nicht, daß der Anstieg der Heuschnupfen-Zahlen darauf beruht, daß Eltern und Ärzte aufmerksamer auf Symptome geachtet haben. "Auch Hauttests auf Allergie gegen Hausstaubmilben, Gras-, Hasel- und Birkenpollen zeigten eine Zunahme der positiven Reaktionen um 30 bis 80 Prozent", sagte von Mutius. Insgesamt war die Rate der Kinder, die allergische Beschwerden angaben, von 19 auf 27 Prozent gestiegen (West: 36 Prozent). Von dieser rapiden Zunahme waren jedoch noch nicht alle Allergie-Formen betroffen: Asthma war in Leipzig in etwa gleich häufig geblieben. Erika von Mutius sieht in dieser "Trägheit" die Bestätigung der These, daß die Anfälligkeit für Asthma möglicherweise schon in der frühesten Kindheit "geprägt" werde: "Die von uns befragten Kinder waren etwa drei Jahre vor der Wende geboren. Offenbar hatten sie 1990 ihre Prägungsphase schon hinter sich." Offen ist jedoch, welche Faktoren für diese Prägung verantwortlich sein könnten: Zu den prominentesten Verdächtigen zählen neben Infektionen in der frühen Kindheit die Wohnbedingungen und Ernährungsgewohnheiten.
So korrelierten im Vergleich zwischen Münster und Greifswald, aber auch in Leipzig häufigere Holz- und Kohleöfen in der Wohnung mit weniger Allergie-Symptomen, während Rauchen und Lkw-Verkehr in Wohnstraßen das Risiko erhöhte. Allerdings reiche die seit der Wende erfolgte Angleichung etwa an den Wohnungsstandard in Westdeutschland alleine nicht aus, "um die rapide Zunahme allergischer Beschwerden in nur vier Jahren zu erklären", sagte von Mutius.
Darüber hinaus identifizierte die Studie noch einen weiteren, bislang wenig systematisch untersuchten Risikofaktor für Allergien: Die Wahl von Fetten und Ölen. So gab eine Reihe von Familien an, seit der Wende Butter durch Margarine ersetzt zu haben. Kinder solcher Familien litten mehr als viermal so häufig unter Heuschnupfen (7,3 Prozent) als Kinder der Familien, die ihren Margarineverzehr reduziert hatten (1,6 Prozent). Umgekehrt fanden die Forscher in Familien, die ihren Butterkonsum erhöht hatten, deutlich seltener positive Haut-Prick-Tests als im umgekehrten Fall (17 statt 29 Prozent).
Für diesen statistischen Zusammenhang kann es zwei Erklärungen geben. Einerseits könnten sich hinter "Margarine" und "Butter" in Wahrheit andere, in der Studie aber nicht erfaßte Verschiebungen in Lebensweise und Ernährung verbergen. Von Mutius bleibt deshalb vorsichtig: Trotz einiger Gegenargumente könne die Studie das nicht völlig ausschließen. Andererseits gibt es durchaus Argumente für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen "Margarine" und Allergien. Der Pneumologe Prof. Roland Buhl (Uniklinik Mainz) hält die Idee, "daß einige Fettsorten das Allergie- und Asthmarisiko erhöhen können", für durchaus plausibel. Dahinter steht die Befürchtung einer wachsenden Zahl von Wissenschaftlern, daß es in der Ernährung der westlichen Industriestaaten in den letzten Jahrzehnten zu einem Ungleichgewicht zwischen "Omega-3"-(n-3)- und "Omega-6"-(n-6)-Fettsäuren gekommen ist.
Diese zwei Klassen der mehrfach ungesättigten Fettsäuren liefern nicht nur Kalorien. Einige Mitglieder sind zudem Liganden einer erst kürzlich entdeckten Klasse von Rezeptoren, die unter anderem an der Regulation von Fettstoffwechsel- und Makrophagenaktivierung beteiligt ist. Und seit langem ist bekannt, daß sie Ausgangsmaterial für die Synthese einer Vielzahl von Hormonen, darunter die Prostaglandine, sind. Dabei haben die aus n-6-Fetten gebildeten Varianten stark vereinfachend eher "proinflammatorische" und "proliferationsfördernde" Wirkungen, während die Produkte der n-3-Fette sich als "Gegenspieler" charakterisieren lassen, als "entzündungsdämpfend" und "anti-proliferativ". Ernährungswissenschaftler gehen heute davon aus, daß der Stoffwechsel des Menschen evolutionär an eine n-6/n-3-Relation in der Nahrung von etwa vier zu eins angepaßt ist. Diese Relation hat sich in den letzten 100 Jahren in Europa aber auf bis zu 10:1 erhöht (Isr J Med Sci 1996; 32: 1134-1143). Die Frage lautet deshalb: Wirkt sich diese Verschiebung auf die Häufigkeit und den Verlauf von Entzündungen aus? Einzelne Berichte deuten das für Allergien an: So scheint eine unausgewogen hohe n-6-Fett-Zufuhr die Herstellung von IgE-Antikörpern zu begünstigen (European Respiratory Journal 1997; 10: 6). Zu denken gibt in diesem Zusammenhang auch, daß derzeit mit den "Leukotrien-Rezeptor-Antagonisten" eine neue Klasse von Asthma-Medikamenten auf den Markt kommt, deren Wirkung eben auf der Blockade einiger extrem potenter Entzündungshormone beruht: Auch die Leukotriene werden letztlich aus n-6-Fettsäuren synthetisiert. Margarine fügt sich in diese Hypothese, weil sie große Mengen der wichtigsten n-6-Fettsäure enthält - die Linolsäure.
Diese Fettsäure ist mit einem Anteil von über 60 Prozent die wichtigste Fettsäure in Sonnenblumen-, Maiskeim-, Soja- und Distelöl und den daraus hergestellten Margarinesorten. Ein kleine Menge Linolsäure täglich, etwa ein Prozent der Kalorien, gilt als essentiell. In Deutschland liegt der durchschnittliche Anteil der Linolsäure an den Kalorien derzeit bei etwa sieben Prozent, während die Aufnahme von n-3-Fetten (enthalten in Fisch und alphaLinolensäure-reichen Ölen) eher rückläufig war. Einige Forscher befürchten sogar, daß diese Verschiebung im Gleichgewicht der potenten Fettsäuren neben Allergien auch eine Reihe weiterer "westlicher" Krankheiten begünstigt haben könnte, darunter auch Brustkrebs und Alters-Diabetes (Prog Lipid Res 1997; 35: 409-457, Isr J Med Sci 1996; 32: 1134-1143). Allerdings steht die "Linolsäure-Hypothese" noch auf unsicheren Füßen und ist nur eine von mehreren Erklärungskandidaten etwa für die Zunahme der Allergien im Westen.
Prof. Helmut Bartsch, der derzeit am Deutschen Krebsforschungszentrum die Wirkungen verschiedener Fette auf Brustkrebs untersucht, hält die Hinweise aber für zumindest ernst genug, um "eine kritische Diskussion" der Fettproblematik zu beginnen. Aussagekräftige prospektive Ernährungsstudien, die den Zusammenhang zwischen Asthma und Allergien und der n-6/n-3-Relation in der Nahrung klären, fehlen bislang aber noch. Immerhin stellte auch Prof. Günther Wolfram, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, im April klar, daß "unter Berücksichtigung präventiver Aspekte" das n-6/n-3-Verhältnis von derzeit 8:1 auf 5:1 reduziert werden sollte. Klaus Koch

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