ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2011Allgemeinmedizin in Sachsen: Dr. med. Vorbild

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Allgemeinmedizin in Sachsen: Dr. med. Vorbild

Protschka, Johanna

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Das „Patenprogramm der Allgemeinmedizin“ der Universität Leipzig führt Studierende früh an das Berufsbild Hausarzt auf dem Land heran. Das Rezept: Motivation

Medizinstudenten brauchen Vorbilder,“ weiß Prof. Dr. med. Hagen Sandholzer, Leiter der selbstständigen Abteilung für Allgemeinmedizin an der Universität Leipzig. Das ist einer der Gründe, warum Sandholzer vor fast zehn Jahren sein „Patenprogramm der Allgemeinmedizin“, kurz PAL, an der medizinischen Fakultät eingeführt hat. Ein Netz von mehr als 360 niedergelassenen Allgemeinärztinnen und -ärzten, die Studierende für ein Praktikum bei sich aufnehmen, hat sich mittlerweile etabliert. Unter ihnen sind Landärzte, die als Lehrbeauftragte die Studenten zum Teil schon ab dem ersten Semester betreuen. Aktuell wertet Sandholzer eine Alumnibefragung der Abteilung zum Thema Berufswunsch aus. Die vorläufigen Ergebnisse zeigen, dass mehr als 45 Prozent der Absolventen in Leipzig während ihres Medizinstudiums einen Allgemeinmediziner kennengelernt haben, der ihnen ein berufliches Vorbild war. „Das ist wichtig“, sagt Sandholzer, „denn viele Medizinstudenten glauben, der Hausarzt sei, im Vergleich zu den spezialisierten Ärzten, eher inkompetent.“ Dieses Bild ändere sich durch das Programm.

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Engagement lohnt sich: Bereits zehn Jahre begleitet Hagen Sandholzer das Patenprogramm der Allgemeinmedizin. Fotos: Anja Jungnickel
Engagement lohnt sich: Bereits zehn Jahre begleitet Hagen Sandholzer das Patenprogramm der Allgemeinmedizin. Fotos: Anja Jungnickel

In Sachsen droht ein Hausärztemangel, besonders auf dem Land. Zwar fiel die Altersgrenze für niedergelassene Kassenärzte zum 1. Januar 2009, so dass Ärzte, die das achtundsechzigste Lebensjahr überschritten haben, ihre Praxis weiterführen dürfen. Doch kann und will nicht jeder Arzt bis Siebzig arbeiten. Viele Hausärzte auf dem Land sind bereits älter als 62 Jahre und wollen in absehbarer Zeit ihre Praxis abgeben. Es sind deshalb vor allem junge Ärzte, die man gewinnen will. Die Sächsische Landesärztekammer hat aus diesem Grund 2009 eine Koordinierungsstelle „Ärzte für Sachsen“ eingerichtet. Sie dient als Netzwerk und bietet alle wichtigen Informationen zum Medizinstudium und zur ärztlichen Tätigkeit im Bundesland. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Sachsen lockt zudem mit finanzieller Unterstützung in einem unterversorgten Gebiet. Im Planungsbereich Torgau-Oschatz sucht die KV im Moment zwölf Hausärzte, die sich niederlassen wollen. Im mittleren Erzgebirgskreis sind sieben Praxissitze vakant. Bis zu 60 000 Euro kann ein Arzt für die Übernahme oder Neugründung einer Praxis erhalten, vorausgesetzt, es handelt sich wie in den oben genannten Bereichen um eine ausgeschriebene Förderstelle. Die Gründung einer Zweitpraxis oder Filialpraxis wird dort mit bis zu 6 000 Euro unterstützt. Zudem gewährt die KV Sachsen einen Mindestumsatz für maximal drei Jahre. Auf der anderen Seite muss sich der Niedergelassene für fünf Jahre verpflichten, eine vertragsärztliche Tätigkeit „im vereinbarten Umfang zu gewährleisten“. *

Sandholzer befürchtet jedoch, dass finanzielle Anreize allein nicht genügen werden, junge Mediziner zu motivieren, als Hausarzt zu arbeiten. Er selbst hat einen halben Versorgungsauftrag in Torgau übernommen, einem unterversorgten Gebiet. Hier gibt er den Studenten die Möglichkeit, ihn bei der Arbeit zu begleiten. Caroline von Müller, Studentin im praktischen Jahr, absolviert in der Praxis ihr Tertial in der Allgemeinmedizin: „Der Vorteil hier ist, dass man auf meine Wünsche eingehen kann. Im Krankenhaus stehen drei bis vier Medizinstudenten um einen Patienten. Hier kann ich dagegen in Ruhe fragen und werde persönlich sehr gut betreut“, berichtet die angehende Hausärztin.

Sandholzer beschäftigt zudem die junge Allgemeinmedizinerin Dr. med. Christina Lahn in seiner Praxis. Für sie ist die Anstellung in Torgau ein Glück: „Ich fühlte mich in den Strukturen des Klinikalltags gefangen, woraufhin ich beschlossen habe, meine Weiterbildung in der Allgemeinmedizin abzuschließen.“ Sie habe während ihrer Ausbildung einen Mentor gehabt, der noch die Bezeichnung „Allgemeininternist“ trug: „Er konnte mit seinen Händen diagnostizieren, wo andere schon Geräte brauchten. Ich habe so viel von ihm gelernt, das prägt natürlich“, erzählt die Ärztin, die aus der Nähe von Heidelberg stammt. Im Erzgebirge hat sie gute Erfahrungen mit den Kollegen gemacht und will daher im Osten Deutschlands bleiben. Das tägliche fast einstündige Pendeln von Leipzig nach Torgau mache ihr nichts aus, erklärt sie. So könne sie auch die Vorzüge einer großen Stadt genießen. Die Aufhebung der Residenzpflicht für Vertragsärzte hält sie für ihre Generation nicht nur deshalb für wichtig.

Sie entdeckten ihre Leidenschaft für die hausärztliche Versorgung auf dem Land: Christina Lahn und Studentin Caroline von Müller.
Sie entdeckten ihre Leidenschaft für die hausärztliche Versorgung auf dem Land: Christina Lahn und Studentin Caroline von Müller.

Ein junger Kollege soll bald schon nach seiner Weiterbildung die Praxis übernehmen. So lange hält Sandholzer für die dankbaren Patienten und Studenten die Stellung. Ein betagter Diabetes-Patient findet die Medizinstudenten in der Lehrpraxis auch eher erfrischend als belastend: „Ich freu’ mich immer über die jungen Menschen. Es ist schön, wenn man hier mal jemand neues kennenlernen kann.“ Gut aufgehoben fühle er sich in jedem Falle.

Für Sandholzer ist es entscheidend, den Studierenden so früh wie möglich das reale Berufsleben nahezubringen. Etwa jeder zehnte Student liebäugele zu Beginn seines Studiums mit dem Beruf Hausarzt, konstatiert er. Nach dem Physikum sehen aber fast alle wieder davon ab. Er sieht den Grund in der Vorklinik, die extrem naturwissenschaftlich geprägt ist.

Der Ansatz: Ein frühzeitiges Praktikum beim Landarzt

Bereits vor einigen Jahren hat Sandholzer sich des Themas „Hausärztemangel“ angenommen und schon vor 20 Jahren Medizinstudenten nach ihrem Berufswunsch befragt. Noch Anfang der 90er Jahre seien 30 Prozent der Studierenden bereit gewesen, als Hausarzt tätig zu werden, bis 1997 fiel der Prozentsatz auf nur noch zwölf Prozent, so Sandholzer. Ein frühes Praktikum bei einem Landarzt könne das verhindern, da sei er sich sicher. So kommen etwa sieben Prozent der Medizinstudenten an die Universität Leipzig mit dem Wunsch, Hausarzt zu werden. Am Ende ihres Studiums gaben dagegen fast zwölf Prozent der Befragten an, den Wunsch zu haben, Allgemeinmediziner zu werden. Seine Fakultät verzeichne also keinen Schwund an Willigen. Auch einige, die vorher gar nicht daran gedacht haben, wollten jetzt Hausarzt werden. Sandholzer sieht darin eine Bestätigung seines Ansatzes: Wenn junge Mediziner einen zufriedenen und engagierten Landarzt bei der Arbeit sehen, dann entsteht auch eher eine Neigung zu diesem Beruf.

Johanna Protschka

* Ähnliche Unterstützungen gewähren auch andere Kassenärztliche Vereinigungen. Nähere Informationen dazu auf den jeweiligen Homepages.

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