ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2011Förderung der Allgemeinmedizin: „Ich will keine Karriere als Kardiologie-Spezialist“

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Förderung der Allgemeinmedizin: „Ich will keine Karriere als Kardiologie-Spezialist“

Richter-Kuhlmann, Eva

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Vor drei Jahren haben sich die ersten Medizinstudierenden in das damals bundesweit einmalige Programm Sachsens zur Förderung von hausärztlichem Nachwuchs eingeschrieben. Das Rezept: Geld und Patenärzte

Hausarzt werden, in einer eigenen Praxis „richtig auf dem Land und mit Patienten vom Kind bis zum Greis, die man über Jahre hinweg betreut“ – das ist der Lebenstraum von Marcus Meißner (29). „Ich bin nicht der typische Klinikarzt“, sagt der Medizinstudent über sich selbst. Momentan absolviert er das Wahltertial des praktischen Jahres in der Psychiatrie, „weil sie eine gute Grundlage für die Allgemeinmedizin ist“. Nebenbei schnuppert er einmal im Monat einen Tag lang in der Praxis von Allgemeinmediziner Maximilian Markov aus Böhlitz-Ehrenberg bei Leipzig in den Beruf des Hausarztes hinein.

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Einer von 36: Medizinstudent Marcus Meißner auf dem Weg zu seiner Patenpraxis. Fotos: Anja Jungnickel
Einer von 36: Medizinstudent Marcus Meißner auf dem Weg zu seiner Patenpraxis. Fotos: Anja Jungnickel
kov ist seit gut einem Jahr sein „Patenarzt“. Denn Meißner gehört zu den 36 Studierenden, die sich seit 2008 in das sächsische Programm „Studienbeihilfe“ eingeschrieben haben. Damit verpflichtete er sich nach der Weiterbildung zum Allgemeinmediziner vier Jahre in einer unterversorgten Region in Sachsen zu arbeiten. Im Gegenzug erhält er momentan eine monatliche Studienbeihilfe in Höhe von 300 Euro.

Doch die finanzielle Unterstützung hat für Meißner nicht den Ausschlag gegeben, sich auf den Beruf des Hausarztes festzulegen. „Das gute und engagiert gehaltene Seminar im Fach Allgemeinmedizin an der Universität Halle hat mich einfach überzeugt“, berichtet der Student. „Die Dozenten hatten viel Elan und wirkten glücklich in ihrem Beruf.“ Während des Studiums hatte Meißner Gelegenheit, auch andere Fächer kennenzulernen, doch viele gingen ihm zu sehr ins Detail. „Ich will gar keine Karriere beispielsweise als Kardiologie-Spezialist machen“, erzählt er. Außerdem sei ihm der „Patienten-Durchlauf“ auf Station zu hoch. „Als Hausarzt kann ich die Patienten dagegen über einen längeren Zeitraum betreuen, teilweise ein Leben lang.“ Sich für die nächsten zehn Jahre sowohl beruflich als auch regional festzulegen, wie es im Rahmen des Programms erforderlich ist, bereitet Meißner keine Probleme: „Eine Facharztweiterbildung steht sowieso an, und aus Sachsen will ich sowieso nicht weg“, meint der im sächsischen Landkreis Delitzsch aufgewachsene Nachwuchsmediziner. „Andere wollen eine Zeit lang ins Ausland gehen, aber mich zieht es hier nicht weg. Ich habe Familie hier, und mit den Menschen hier komme ich auch prima klar.“

Gemeinschaftsprojekt gegen den Hausarztmangel

Von dem Studienbeihilfe-Programm hatte Meißner über den Newsletter des Deutschen Ärzteblattes erfahren und sich daraufhin bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Sachsen gemeldet. Diese koordiniert federführend das Förderprogramm, das sie gemeinsam mit dem sächsischen Sozialministerium, den Krankenkassen (AOK Plus, Ersatzkassen, BKK Medicus, IKK Sachsen und Knappschaft) entwickelte und im Januar 2009 unterzeichnete. Rückwirkend zum 1. Oktober 2008 trat es in Kraft und ermöglichte in den Studienjahren 2008/2009, 2009/ 2010 und 2010/2011 jeweils bis zu 50 Studierenden die Teilnahme. Das Förderkontingent wurde jedoch nicht ausgeschöpft: Es meldeten sich nur 36 Studierende. Sie erhalten 300 Euro Beihilfe monatlich im ersten und zweiten Förderjahr, im dritten und vierten Jahr erhöht sich die Unterstützung auf 400 beziehungsweise 600 Euro monatlich, also insgesamt 20 000 Euro, die bei Einhalten der Verpflichtungen auch nicht zurückgezahlt werden müssen.

Das vom Ärztemangel stark betroffene Sachsen war vor knapp drei Jahren bundesweit das erste Land, das ein solch

Patienten vom Kind bis zum Greis: Bei Markov lernt Meißner hausärztliche Versorgung von der Pike auf.
Patienten vom Kind bis zum Greis: Bei Markov lernt Meißner hausärztliche Versorgung von der Pike auf.
es Programm auflegte, um angehenden Medizinern mehr Lust auf den Beruf des Hausarztes zu machen und sich den demografischen Herausforderungen zu stellen. Ob das Programm jedoch hält, was man sich davon versprochen hat oder ob nur diejenigen teilnehmen, die ohnehin Allgemeinärzte werden wollen, wird in der KV Sachsen derzeit kritisch beobachtet: „Wir werden das Programm jedenfalls weiterverfolgen und dafür werben. Man muss sich aber auf Dauer überlegen, wie viele Mittel in eine solche Kampagne gesteckt werden können“, erklärte der sächsische KV-Vorsitzende, Dr. med. Klaus Heckemann, dem Deutschen Ärzteblatt. Schließlich handele es sich um Teile des Honorars der sächsischen Ärzteschaft.

Auch der Sächsische Hausärzteverband sieht Verbesserungsbedarf: „Das Förderprogramm wurde auf Initiative des Sächsischen Ha

usärzteverbandes gestartet, der die Studierenden zudem jährlich mit einem Büchergutschein für Fachliteratur unterstützt“, berichtet dessen Vorsitzende Ingrid Dänschel. Bislang sei jedoch ihr Vorschlag nicht umgesetzt worden, nicht nur einen finanziellen Anreiz zu schaffen, sondern vor allem zusätzliche Ausbildungsinhalte in Form von Untersuchungskursen und Workshops zu integrieren. So ließen sich den Studierenden die Vielseitigkeit und die fachlichen Anforderungen des Hausarztberufes besser verdeutlichen. „Lediglich ein Praxistag im Monat ist dafür nicht ausreichend und wohl auch ein Grund für die geringe Nachfrage“, meint die Fachärztin für Allgemeinmedizin, die eine Akademische Lehrpraxis der Technischen Universität Dresden führt. Sie finde es gut, wenn die sächsische Staatsregierung finanzielle Mittel für diese Maßnahmen zur Verfügung stellt. Die inhaltliche Arbeit würde der Verband gemeinsam mit den Lehrstühlen in Leipzig und Dresden leisten.

Ziel: „Ja“ zum Hausarztberuf und zur Region

Voraussetzung für die Teilnahme an dem Studienbeihilfeprogramm in Sachsen ist neben der Verpflichtung, als Hausarzt in der Region tätig zu werden, zunächst das Bestehen des ersten Abschnitts der Ärztlichen Prüfung sowie eine Patenschaft mit einem sächsischen Hausarzt. Dadurch soll der Nachwuchsarzt Gelegenheit bekommen, kontinuierlich einen Einblick in das Fachgebiet Allgemeinmedizin zu erhalten. „Eine Liste mit möglichen Patenschaftspraxen in Sachsen hat mir die KV gleich mitgeschickt“, berichtet Medizinstudent Meißner. Diese seien von der KV Sachsen anerkannt und auf Studierende vorbereitet.

Meißner suchte sich Markov als Mentor aus, der bereits seit acht Jahren in die Ausbildung von Studierenden der Universität Leipzig involviert ist und dessen Praxis auch als Lehrpraxis anerkannt ist. 20 Studierende und fünf Ärzte und Ärztinnen in der Weiterbildung zum Allgemeinmediziner haben ihm bereits in seiner Praxis über die Schulter geschaut und mitangepackt. „Der Zeitaufwand ist schon etwas höher, wenn Studierende da sind“, räumt Markov ein. Warum er sich engagiert? „Meckerer gibt es viele“, sagt der Hausarzt. „Es ist an der Zeit, dass wir selbst etwas für den Nachwuchs tun.“ Zudem täte es seiner Praxis gut, erklärt er. „Meine Patienten sind es bereits gewohnt, dass junge Kollegen dabei sind. Die meisten bewerten das positiv, weil sie sehen, dass eine neue Ärztegeneration nachwächst.“ Und dann macht ihm einfach die Arbeit mit jungen Leuten Spaß: „Man wird von außen wieder hinterfragt, muss auch mal noch einiges nachlesen.“ Mit Markov gemeinsam untersucht Meißner die Patienten – etwa 60 an der Zahl an einem normalen Tag zwischen 7.30 und 17 Uhr. Impfungen, EKG und Spirometrien führt er selbst durch und wertet diese gemeinsam mit Markov aus. Nebenbei lernt er, wie eine Praxis organisiert wird, und zwar auch während einer Grippewelle.

Für Meißner war die Teilnahme am Programm auf jeden Fall ein Glücksgriff. Allerdings scheint das Programm unter den Studierenden umstritten zu sein – wie die geringe Ausschöpfungsrate der Mittel (etwa ein Viertel) zeigt. Zudem wollten einige der 36 geförderten Studenten ihre Teilnahme am Programm nicht „an die große Glocke hängen“ und nicht im Zusammenhang mit der Studienbeihilfe im Deutschen Ärzteblatt genannt werden. Eine begleitende Evaluation der Technischen Universität (TU) Dresden belegt ebenfalls das relativ geringe Interesse. Sebastian Gurtner und Katja Werner vom Lehrstuhl für Entrepreneurship und Innovation der TU Dresden befragten 1 055 Medizinstudierende in Leipzig und Dresden. 74 Prozent wollten sich zu einem frühen Zeitpunkt noch „nicht binden“. 54 Prozent wollten keineswegs Hausarzt werden, und etwa 20 Prozent lehnten die Förderung ab, weil sie später in einem anderen Bundesland arbeiten wollen. Zudem beobachteten die Wissenschaftler, dass sich die finanziell bessergestellten Studierenden weniger für das Programm interessieren, während sich BAföG-Empfänger dadurch einen schnelleren Abbau ihrer Darlehenslast nach dem Studium versprechen.

Gurtner und Werner meinen jedoch auch, dass sich die Akzeptanz des Studienbeihilfe-Programms verbessern lässt. Nötig seien vor allem eine gezieltere Kommunikation und eine höhere Informationsdichte. Dabei sollte man sich bei Auswahl der Medizinstudenten auch an deren Herkunft orientieren. Internationale Studien belegten, dass Studierende, die in ländlichen Gebieten aufgewachsen sind, auch selbst eher bereit sind, in diesen Regionen als Arzt tätig zu werden. Hilfreich könne nach ihrer Ansicht ebenso eine Fokussierung auf Studierende sein, die ihr Studium selbst finanzieren.

Mit der Auflage des Förderprogramms zur Sicherung des Nachwuchses für die hausärztliche Versorgung war Sachsen vor drei Jahren Vorreiter und hat inzwischen bereits Nachahmer gefunden, die auf ähnliche finanzielle Anreizsysteme setzen. Beispiel Sachsen-Anhalt: Da auch dort – ähnlich wie in Sachsen – Ärzte im ländlichen Raum rar gesät sind, stattet das Land seit einem Jahr angehende Ärztinnen und Ärzte mit einem Stipendium bereits während des Studiums aus. Dazu stellen das Land, die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) und die KV bis Ende 2013 insgesamt 900 000 Euro zur Verfügung. Bis zu 50 Stipendiaten können je nach Studienjahr zwischen 300 und 700 Euro monatlich über einen Zeitraum von zwei Jahren erhalten. Nach dem Abschluss der fachärztlichen Weiterbildung sind sie dann im Gegenzug verpflichtet, für mindestens zwei Jahre eine ambulante vertragsärztliche Tätigkeit in einer unterversorgten Region in Sachsen-Anhalt aufzunehmen.

Beispiel Brandenburg: Auch die Landkreise Elbe-Elster, Barnim, Uckermark und die Stadt Eberswalde finanzieren Medizinstudierende, die sich verpflichten, die ersten Jahre nach ihrer Weiterbildung im Landkreis tätig zu werden. Zudem unterstützt die KV Brandenburg Ärzte, die sich i

n unterversorgten Regionen niederlassen, mit Investitionskostenzuschüssen. Informationen über die verschiedenen Fördermöglichkeiten gibt es bei dem unter Federführung des Brandenburger Ge­sund­heits­mi­nis­teriums eingerichteten Internetportal www.arzt-in-brandenburg.de.

Doch nicht nur die ostdeutschen Bundesländer sorgen sich um ihren ärztlichen Nachwuchs auf dem Land. Beispiel Landkreis Leer in Niedersachsen: Ab sofort werden dort auf Vorschlag des Landrats Nachwuchsmediziner ebenfalls mit einem Stipendiatenprogramm gefördert. Bis zum Jahr 2014 können jährlich fünf Studenten je nach Semesterstand bis zu 600 Euro monatlich erhalten, wenn sie sich verpflichten, mindestens drei Jahre im Landkreis Leer zu arbeiten. Die Stipendiaten sollen dabei vorzugsweise aus dem Landkreis Leer stammen. „Wir wollen den Nachwuchs hier möglichst sesshaft machen. Praktiziert ein Arzt erst einmal in der Region, steigt die Chance, dass dies auf Dauer so bleiben wird“, erklärte Landrat Bernhard Bramlage.

Auch der Süden hat akute Nachwuchssorgen: Sieben Millionen Euro hat die Landesregierung Baden-Württemberg erst vor wenigen Monaten für ein Förderprogramm bereitgestellt, zu dem ebenso Stipendien für angehende Landärzte gehören. Bislang wurde jedoch auch im Ländle aufgrund mangelnder Bekanntheit nur wenig Geld abgerufen. Insgesamt 600 000 Euro hat das Sozialministerium zudem für Medizinstudenten reserviert, die im praktischen Jahr aufs Land gehen.

Um den Nachwuchs länderübergreifend zu fördern, hat jetzt die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) eine Nachwuchsakademie gegründet. Bis Mitte Januar 2012 können sich Studierende ab dem fünften Semester dafür bewerben. Sie sollen über drei bis vier Jahre im Rahmen eines mehrstufigen Programms gefördert werden, das unter anderem eine beitragsfreie DEGAM-Mitgliedschaft, eine Summerschool sowie eine individuelle Unterstützung durch Mentoren umfasst.

Ob in Ost, West, Nord oder Süd: Die Förderprogramme sind Ansätze, sich den Herausforderungen des demografischen Wandels zu stellen und durch finanzielle Anreize Nachwuchsärzte auf das Land zu ziehen. Ob sie Erfolg haben, bleibt abzuwarten. Fest steht jedoch: Viele derjenigen, die direkt in diese Programme eingebunden sind, stehen ihnen positiv gegenüber. So auch der Allgemeinmediziner Dr. med. Rainer Arnold aus Beucha bei Leipzig. Derzeit bildet er zwei der 36 Studenten im Rahmen des sächsischen Studienbeihilfeprogramms aus. Gleichzeitig engagiert sich Arnold als Lehrarzt für Allgemeinmedizin an der Universität Leipzig bei der Ausbildung von Medizinstudierenden, denen er schon frühzeitig „sein“ Fach nahebringen will. Für ihn haben die finanziellen Anreizsysteme noch einen weiteren guten Effekt: Sie erhöhen die Wertschätzung für das Fach Allgemeinmedizin. Arnold ist davon überzeugt, dass man dem sich abzeichnenden Hausärztemangel vor allem auch durch Motivation für das Fach entgegenwirken kann. Die früher vernachlässigte allgemeinmedizinischen Ausbildung habe dazu geführt, dass sich relativ wenige Studierende für das Fach interessierten. „Je früher wir beginnen, bei den jungen Leuten die Begeisterung für den interessanten und auch lukrativen Beruf des Hausarztes zu wecken, desto besser ist es“, meint Arnold. Vorherige Förderprogramme hätten immer nur bei den fertig weitergebildeten Allgemeinmedizinern angesetzt und die Studenten außer Acht gelassen. „Das ist jedoch am Bedarf vorbei.“

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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