ArchivDeutsches Ärzteblatt22/1998Geschichte der Alltagsgesten: Vom digitus medicinalis zum Stinkefinger

VARIA: Schlusspunkt

Geschichte der Alltagsgesten: Vom digitus medicinalis zum Stinkefinger

Dtsch Arztebl 1998; 95(22): [36]

Vollmer, Gerlind

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Stefan Effenberg hat die Geste eine saftige Geldstrafe und seinen Platz in der Fußball-
Nationalmannschaft gekostet. Im Straßenverkehr schlägt der "Dicke Finger" mit bis zu 2 500 DM zu Buche. Mit der Frage, woher diese und andere Alltagsgesten eigentlich kommen, beschäftigen sich seit rund drei Jahren Wissenschaftler an der TU Berlin. Die Forscher schreiben an einem "Berliner Lexikon der Alltagsgesten", das in gedruckten und elektronischen Versionen Ende 1999 auf den Markt kommen soll. Rund 150 ausführliche Einträge wird das Lexikon enthalten, jetzt wurde ein erster Eintrag der Öffentlichkeit vorgestellt.
Im Fall des Stinkefingers hat der Berliner Literaturhistoriker Reinhard Krüger trotz intensiven Forschens allerdings noch nicht alle dunklen Stellen aufdecken können. Nach einem umfassenden Quellenstudium ist eins aber sicher: Die Geste ist bereits seit der Antike bekannt. Schon Diogenes in seiner Tonne hat den vorbeilaufenden Griechen seinen Mittelfinger gezeigt und damit laut Krüger einen "erotisch sexuellen Kontext" im Hinterkopf gehabt. Krüger umschreibt die Geste als "körperliches Idiogramm des erigierten Penis", dessen Kraft durch die Geste, quasi als magisches Zeichen, einem Gegner entgegengehalten wird. Die römischen Mediziner haben den Mittelfinger, einfach weil er der längste Finger ist, zum Auftragen von Creme, für ärztliche Untersuchungen und ähnliches genutzt. Daher auch der lateinische Name digitus medicinalis als Umschreibung für den ungeliebten Finger. Irgendwann im Mittelalter ist die Geste zum völligen Tabu geworden und tauchte erst Mitte des 20. Jahrhunderts wieder auf. Reinhard Krüger quält nun die Frage, wie es dazu kam. Er hat nur eine Erklärung: "In diesem Jahrhundert sind die Schicklichkeitsgrenzen enorm gesunken, in diesem Zusammenhang muß die Geste wieder ihren Platz im Alltag der Menschen gefunden haben."
Die Forscher stochern aber nicht nur in den Quellen der Vergangenheit. Sie haben in Berlin rund 1 000 Menschen befragt, um Alltagsgesten in ihren Kontexten zu erforschen. Massimo Serenari hat bei seinen Streifzügen durch Ost und West festgestellt, daß es reine "Ost-Gesten" gibt: Wenn man beispielsweise den Daumen anfeuchtet und ihn sich dann auf die Schulter drückt, so meint diese Geste das Anheften von Parteiabzeichen oder Orden.
Gerlind Vollmer
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