ArchivDeutsches Ärzteblatt16/1996Börsebius über Torheiten: Traurige Kings

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Börsebius über Torheiten: Traurige Kings

Rombach, Reinhold

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LNSLNSLNSLNS Es ist zwar schon einige hundert Jährchen her, daß Erasmus von Rotterdam seine Gedanken über die "Göttin Torheit" zu Papier brachte, doch an Aktualität gebricht es ihnen keineswegs. Tausende von Anlegern des European Kings Club geben beredtes Zeugnis davon ab, wie sehr die provokanten Worte des großen Philosophen – "ohne die Würze der Torheit schmeckt jeder Schmaus fade" – auf fruchtbaren Boden gefallen sein müssen, selbst wenn sie ihn, den Erasmus, sicher nicht studiert haben.
Je dreister der Auftritt, je großspuriger die Renditeversprechen, desto gewaltiger die Heerschar der Geldgierigen. So einfach lautete das Rezept, mit dem die Verantwortlichen des European Kings Club (EKC) Anleger in Massen abzockten. Garniert mit renommierten Persönlichkeiten, darunter auch Michail Gorbatschow (je dreister der Auftritt...) versprachen die EKC-Macher jedem, der ihnen einen sogenannten "Letter" für 1 200 Mark abkaufte, ihm ab dem zweiten Monat allmonatlich 200 Mark zurückzuzahlen. Das alles ein ganzes Jahr lang. Da konnten sich auch Kleinhirne schnell zusammenrechnen, daß bei 2 400 Mark Rückzahlungssumme auf die Einstiegszahlung von 1 200 Mark zuzüglich einer Verwaltungsgebühr von 200 Mark (was macht das schon!) ein gewaltiger Gewinn lockte. Theoretisch wenigstens.
Besonders Kleinanleger, die sich mit Beträgen bis 10 000 Mark beim EKC engagierten, glaubten fast sektiererisch an ihren königlichen Club, nahmen für bare Münze, daß ihr Geld in besonders gewinnbringende Geschäfte investiert würde, deren Hintergrund aber geheimgehalten werden müßte, weil eben so gewinnbringend. So töricht das alles klingt, so gewaltig die Zahl der Geschädigten. Als die Spekulationsblase des Schneeballsystems schließlich platzte, hatten nahezu 100 000 Gewinnsüchtige fast 2 Milliarden Mark dem EKC zur Vermögensmehrung überlassen.
Die juristische Abrechnung hat mittlerweile begonnen. Gegen 12 Mitarbeiter, darunter die gesamte Führung des EKC, erhob die Staatsanwaltschaft Frankfurt mittlerweile Anklage. Obwohl sich die Strafverfolger auf die letzten sechs Monate vor der Verhaftung führender EKC-Leute im November 1994 und nur auf deutsche Erstanleger beschränkten, umfaßt die 1 603 Seiten schwere Anklageschrift 32 814 Fälle von Betrug und den Vorwurf der Bildung einer kriminellen Vereinigung. Der Prozeß wird voraussichtlich im Herbst stattfinden.
Von dem ganzen Haufen Geld ist bislang die kümmerliche Summe von gerade mal 3,6 Millionen Mark sichergestellt worden. Sich darum auch noch zu balgen oder zu hoffen, daß sich noch andere Barschaften auffänden, wäre eine weitere Riesentorheit. Und eine begangen zu haben ist doch wirklich genug. Börsebius
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