POLITIK

Hygiene-Skandal in Bremen: Auf der Suche nach den Schuldigen

Dtsch Arztebl 2011; 108(48): A-2586 / B-2164 / C-2136

Hibbeler, Birgit

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Nach dem Tod dreier Frühgeborener im Klinikum Bremen-Mitte ist der Chefarzt fristlos entlassen worden. Experten sollen nun die näheren Umstände klären. Auch die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Welche Rolle spielte Personalmangel? Die Neonatologie des Klinikums Bremen-Mitte soll unterbesetzt gewesen sein. Foto: dapd
Welche Rolle spielte Personalmangel? Die Neonatologie des Klinikums Bremen-Mitte soll unterbesetzt gewesen sein. Foto: dapd

Am Klinikum Bremen-Mitte herrscht Ausnahmezustand: drei tote Frühgeborene, eine geschlossene neonatologische Intensivstation und ein fristlos gekündigter Chefarzt – das ist die bisherige Bilanz des dortigen „Hygiene-Skandals“. Nach und nach kommen immer mehr Einzelheiten ans Licht. So hatte der entlassene Chefarzt offenbar vor Personalengpässen gewarnt. Außerdem war aus den Qualitätsdaten des Klinikums bekannt, dass es bei der Hygiene in der Neonatologie Nachholbedarf gibt.

Wie es im konkreten Fall zu den Infektionen kam, ist unterdessen unklar. Erste Medienberichte, nach denen Nährlösungen verunreinigt waren, wurden nicht bestätigt. Ein Expertenteam des Robert-Koch-Instituts (RKI) war vor Ort und wird einen Bericht dazu vorlegen. Außerdem soll sich ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss der Bremischen Bürgerschaft mit dem Vorfall befassen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt ebenfalls.

Anfang November war bekanntgeworden: Drei Frühgeborene sind an einer Sepsis gestorben, nachdem sie sich mit multiresistenten Klebsiellen infiziert hatten. Bei 23 Babys sind die Bakterien nachgewiesen worden, davon sind mindestens neun erkrankt. Informationen über die Geschehnisse gelangten nur häppchenweise an die Öffentlichkeit. Mittlerweile steht fest, dass der Keim schon im April auf der Station nachgewiesen wurde. Zum ersten Todesfall kam es Anfang August. Das Gesundheitsamt wurde im September informiert. Bei der nachgewiesenen Klebsiella pneumoniae handelt es sich um einen ESBL-bildenden Stamm (Extended-Spectrum-Betalaktamase). Dieser ist zunächst einmal nicht meldepflichtig. Allerdings sieht das Infektionsschutzgesetz eine Meldepflicht vor, wenn es zu einer Häufung nosokomialer Infektionen kommt, bei denen ein Zusammenhang wahrscheinlich ist. Karen Matiszick, Sprecherin der Bremer Klinik, bewertet das Vorgehen aus jetziger Sicht so: „Wir gehen davon aus, dass das nicht korrekt war.“

Seinen vorläufigen Höhepunkt fand der „Hygiene-Skandal“ mit der fristlosen Entlassung des Chefarztes Prof. Dr. med. Hans-Iko Huppertz. Eine Weiterbeschäftigung von Huppertz sei mit dem hohen Qualitätsanspruch des Klinikums Bremen-Mitte und des gesamten Klinikverbunds Gesundheit Nord (Geno) nicht vereinbar. So die Begründung von Geno-Geschäftsführer Priv.-Doz. Dr. med. Diethelm Hansen. Huppertz habe als verantwortlicher Chefarzt nicht rechtzeitig Maßnahmen ergriffen, um die Ausbreitung des Keims zu verhindern. Huppertz war der Geno zufolge zugleich der hygieneverantwortliche Arzt des Krankenhauses.

Ein Bauernopfer? Chefarzt Hans-Iko Huppertz wurde fristlos entlassen. Foto: Klaus Friedrich Koch
Ein Bauernopfer? Chefarzt Hans-Iko Huppertz wurde fristlos entlassen. Foto: Klaus Friedrich Koch

Vielleicht sollte die Kündigung Ruhe in die Sache bringen. Geno-Geschäftsführer Hansen bewirkte damit aber genau das Gegenteil und löste eine Welle der Empörung aus – nicht nur in Bremen, sondern bundesweit. In einer gemeinsamen Erklärung kritisieren die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) sowie weitere pädiatrische Verbände und Fachgesellschaften die Entlassung. Die Delegierten der Ärztekammer Bremen fordern in einer Resolution ebenfalls eine sachbezogene Aufklärung. Tatsächlich muss man fragen: Passt es zu einem modernen Fehlermanagement, frühzeitig und vor Abschluss der Ermittlungen einer Einzelperson die Alleinverantwortung zu geben?

Huppertz’ Rauswurf hat auch auf politischer Ebene zu Streit geführt. Für die Bremer CDU, die derzeit in der Opposition sitzt, ist er ein Bauernopfer. Der Fraktionsvorsitzende Thomas Röwekamp forderte eine Suspendierung des Geschäftsführers Hansen. Dieser war unter Beschuss geraten, als bekannt wurde, dass der entlassene Chefarzt vor Personalengpässen gewarnt hatte. Im August sollen zudem Ärzte und Pflegekräfte in einem Brief an die Geschäftsführung eine Unterbesetzung beklagt haben. „Wenn sich die Informationen bestätigen und Herr Hansen den Personalnotstand billigend in Kauf genommen haben sollte, trägt er eine maßgebliche Mitverantwortung an den Vorgängen im Klinikum Bremen-Mitte“, sagte Röwekamp. Hansen steht für ein umfassendes Sanierungskonzept der Geno, einem Verbund der kommunalen Bremer Kliniken. Die Maßnahmen sind mit einem deutlichen Personalabbau verbunden.

Die Geno bestätigte, dass der Chefarzt in den vergangenen Monaten mehr Mitarbeiter verlangt hatte. Der Betriebsrat teilte darüber hinaus mit, dass es von April bis Oktober 13 „Überlastungsanzeigen“ aus der Abteilung gegeben hat. Das bedeutet: Die Mitarbeiter teilen mit, dass sie die Verantwortung für ihre Arbeit nicht mehr übernehmen können. Geschäftsführer Hansen stellte jedoch in einem Interview mit Radio Bremen klar, dass die personelle Besetzung auf der Frühchen-Station der Vorstellung von Fachgesellschaften entsprochen habe.

Die Neonatologie in Bremen-Mitte hatte 16 Betten. Die Auslastung lag im Schnitt bei 65 Prozent. Nach Angaben der Geno waren in der Regel im Frühdienst vier Pflegekräfte eingesetzt, in der Spät- und Nachtschicht drei. Allerdings, räumte Hansen ein, habe es 2011 krankheitsbedingt fünf Tage gegeben, an denen nachts nur zwei Pfleger in der Schicht waren. Verbindliche Vorschriften für den Personalschlüssel gibt es nicht, wie die Deutsche Krankenhausgesellschaft auf Anfrage mitteilte. Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss hat zwar eine Vereinbarung zur Qualitätssicherung in der Neonatologie erlassen. Darin findet man aber nur Vorgaben für die Qualifikation, nicht für die Gesamtzahl des Pflegepersonals.

Schon vor dem Tod der Frühchen war bekannt: Das Klinikum Bremen-Mitte hat bei der Hygiene Verbesserungsbedarf. Die Zahl nosokomialer Infektionen in der Neonatologie war höher als in vergleichbaren Kliniken. „90 Prozent der größeren Neonatologie-Abteilungen weisen bessere Ergebnisse auf“, sagt Günther Heller, Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen (AQUA). Das AQUA-Institut sammelt bundesweit die Qualitätsdaten von Kliniken. Übermittelt wurden sie in diesem Fall von der Landesgeschäftsstelle für Qualitätssicherung, angesiedelt bei der Bremer Krankenhausgesellschaft. Damit es zu einem „strukturierten Dialog“ kommt, hätte das Klinikum bei diesem Kriterium zu den schlechtesten fünf Prozent gehören müssen. Dann hätte die Landesgeschäftsstelle Kontakt aufgenommen. Man kann aber davon ausgehen, dass der Abteilung die Daten vorlagen. Sie beteiligt sich laut Geno-Sprecherin Matiszick auch an NEO-KISS, einem SurveillanceSystem für nosokomiale Infektionen auf neonatologischen Intensivstationen. Zusätzlich zum RKI-Team hat die Geno Hygiene-Experten aus Freiburg mit der Überprüfung der Standards beauftragt.

Die „Hygiene-Skandale“ scheinen sich zu häufen. Immer wieder gibt es entsprechende Medienberichte. Hat sich die Hygiene-Situation in der Neonatologie verschlechtert? Davon geht Prof. Dr. med. Norbert Wagner, Vizepräsident der DGKJ, nicht aus. Ihm seien keine entsprechenden Daten bekannt. Seiner Meinung nach darf man nicht vergessen, dass es sich bei den Frühgeborenen um sehr anfällige Patienten handelt. „Wir befinden uns hier in dem vulnerabelsten Bereich der Pädiatrie“, sagt er. Das Immunsystem bei Frühgeborenen sei noch nicht ausgereift, und etwa ein Drittel der Todesfälle sei auf Infektionen zurückzuführen. Wagner betont, dass Hygienestandards generell mehr Aufmerksamkeit im Klinikalltag erhalten und auch nicht als isoliertes Problem gesehen werden sollten. Er wünscht sich eine differenzierte Diskussion, die auch den unkritischen Einsatz von Antibiotika einschließt – sowohl in der Humanmedizin als auch in der Tierhaltung

Dr. med. Birgit Hibbeler

3 Fragen an . . .

Prof. Dr. med. Norbert Wagner, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin

Der Bremer Chefarzt Professor Huppertz ist entlassen worden. War das ein Fehler?

Wagner: Die fristlose Kündigung ist eine Vorverurteilung eines erfahrenen und engagierten Kollegen. Es wird Aufgabe des Robert-Koch-Instituts und der Staatsanwaltschaft sein, die Vorgänge in Bremen zu beurteilen. Erst danach kann man sagen, ob nicht korrekt gehandelt wurde und wer dafür verantwortlich ist.

Wenn es Mängel in der Hygiene gibt, sind dann eher Einzelpersonen oder Strukturen schuld?

Wagner: Das ist eine Mischung. Wo Menschen arbeiten, passieren auch Fehler. Die Frage ist, welches Ausmaß sie haben und wie man mit ihnen umgeht. Entscheidend dabei ist die Fehlerkultur. Man muss Fehler offen ansprechen, aus ihnen lernen, Arbeitsabläufe überprüfen und gegebenenfalls ändern.

Viele Krankenhäuser müssen sparen. Geht das zulasten der Qualität?

Wagner: Wir arbeiten in den Kliniken unter enormem wirtschaftlichem Druck. Die Personalkosten sind mit rund 70 Prozent der Ausgaben eine kritische Größe. Eine gute Versorgung ist aber nur mit genügend und qualifiziertem Personal möglich. Das zeigt sich besonders in einem sensiblen Bereich wie der Neonatologie.

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