ArchivDeutsches Ärzteblatt16/1996Medizinische Betreuung Wohnungsloser: Ärzte starten zahlreiche Initiativen

POLITIK: Aktuell

Medizinische Betreuung Wohnungsloser: Ärzte starten zahlreiche Initiativen

Spielberg, Petra

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LNSLNS Im vergangenen Jahr berichtete das Deutsche Ärzteblatt über eine Mainzer Untersuchung zur gesundheitlichen Situation wohnungsloser Menschen (Heft 11/1995). Die zum Teil erschreckenden Ergebnisse veranlaßten niedergelassene Ärzte und Verbände, sich verstärkt für die medizinische Versorgung Obdachloser zu engagieren. Inzwischen existieren in einigen deutschen Großstädten interdisziplinäre Angebote.


Dr. med. Dipl.-Soz. Gerhard Trabert aus Mainz nahm 1989 das Gesundheitsverhalten und die Gesundheits- beziehungsweise Krankheitssituation von alleinstehenden, wohnungslosen Menschen in ihrem sozialen Lebenskontext genauer in Augenschein. Seine Untersuchung ergab, daß es um die medizinische Versorgung dieser sozialen Randgruppe in Deutschland nicht allzu gut bestellt ist. Trabert fand heraus, daß es oft Scham über die soziale Situation ist, die Obdachlose davon abhält, zum Arzt zu gehen. Aber auch eine fehlende Kran­ken­ver­siche­rung, mangelndes Vertrauen in die Ärzte oder negative Erfahrungen hindern viele Obdachlose, notwendige medizinische Behandlungen in Anspruch zu nehmen.


Mainzer Modell als Vorbild
Die Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Arbeit motivierten Trabert, ein spezifisches ambulantes medizinisches Versorgungskonzept für alleinstehende wohnungslose Menschen zu entwickeln: das sogenannte Mainzer Modell.
Um die Hemmschwelle vor dem Gang zum Arzt zu senken, richtete Trabert in einem Wohnheim für Wohnungslose eine Sprechstunde ein. Zwar sind dort den medizinischen Behandlungsmöglichkeiten Grenzen gesetzt, eine oftmals dringend notwendige Erstversorgung ist aber ohne weiteres möglich. In erster Linie behandelt Trabert Herz- und Kreislauferkrankungen, Haut- und Infektionskrankheiten sowie Erkrankungen der Atmungsorgane.
Das "Mainzer Modell", das auf eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Heilberuflern und Sozialarbeitern setzt, hat inzwischen Nachahmer in vielen Städten Deutschlands gefunden. Allen Projekten gemeinsam sind sogenannte niedrigschwellige Versorgungsangebote: gesonderte Sprechstunden in Heimen, Beratungsstellen der Wohnungslosenhilfe oder Gesundheitsämter sowie mobile medizinische Hilfe vor Ort, zum Beispiel mit "Gesundheitsbussen" in Kassel, Düsseldorf oder Hamburg. Einige der Modelle entstanden auf private Initiative von Ärzten; bei anderen wiederum setzten sich Lan­des­ärz­te­kam­mern für eine verbesserte Versorgung wohnungsloser Menschen ein.
Die Ärztekammer Westfalen-Lippe beispielsweise richtete in Zusammenarbeit mit dem Marburger Bund (MB) in den vier Städten Dortmund, Bielefeld, Münster und Bochum mobile medizinische Ambulanzen ein.
Darüber hinaus wurde auf Anregung des MB-Landesverbandes Nordrhein-Westfalen/Rheinland-Pfalz der Verein "Ärzte helfen Obdachlosen"* gegründet. Ziel des Vereins ist es, Spendenmittel für Projekte zu sammeln, da nach Ansicht des MB nicht nur der Staat in die finanzielle Verantwortung genommen werden kann.
Um die Erfahrungen mit den einzelnen Modellen zu bündeln, veranstaltete die Ärztekammer Berlin zusammen mit dem Verein Gesundheit Berlin und dem Studiengang Public Health der TU Berlin Anfang Dezember letzten Jahres eine bundesweite Fachtagung zur "Gesundheitssituation wohnungsloser Menschen". Die Teilnehmer gründeten eine "Arbeitsgemeinschaft zur Gesundheitssituation wohnungsloser Menschen", die die medizinische Versorgung Obdachloser in Deutschland flächendeckend verbessern helfen soll. Als Orientierungshilfe für weitere Aktivitäten auf diesem Gebiet soll ein auf der Tagung verabschiedeter Empfehlungskatalog dienen.


Regelversorgung
Unter anderem wird darin gefordert, interdisziplinäre Behandlungskonzepte, speziell zwischen Sozialarbeitern und Ärzten, zu entwickeln. Auch soll eine Reform der medizinischen Ausbildung, etwa in Form von Praktika, in sozialen Brennpunkten angestrebt werden. Ein weiteres Ziel ist die Integration der ärztlichen ObdachlosenBetreuung in die medizinische Regelversorgung unter Berücksichtigung geeigneter Finanzierungsmöglichkeiten. Den Empfehlungen zufolge könnte dies beispielsweise über die Einbeziehung interessierter niedergelassener Ärzte oder Ermächtigungen von Krankenhausärzten geschehen. Petra Spielberg

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