ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2011Körperbilder: Antoni Tàpies (*1923) – Beseelt und rätselhaft

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Antoni Tàpies (*1923) – Beseelt und rätselhaft

Dtsch Arztebl 2011; 108(49): [80]

Schuchart, Sabine

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Das Museum für Gegenwartskunst in Siegen, vom Verband Internationaler Kunstkritiker 2011 zum „Museum des Jahres“ gewählt, widmet seine aktuelle Ausstellung einem großen spanischen Künstler: Dem inzwischen 88-jährigen Antoni Tàpies, der in seinem Werk immer wieder den menschlichen Körper ins Bild setzt. 1965 schuf er das riesige Gemälde „Materie in Fußform“. Die Nahaufnahme gestaltete der Katalane in der für ihn typischen Materialität. Tàpies trug dicke Farbpasten auf die Leinwand auf und kratzte diese zum Teil wieder ab. Pinsel mag er generell nicht gebrauchen. Stattdessen verwendet er Messer, Hölzer, Besen und seine Hände, um in reliefähnlichen, beinahe skulpturalen Bildern „die einzige, vollkommene Realität, aus der alles besteht“ (Tàpies) zu inszenieren. Dazu gehört auch der Körper des Menschen, der – als ultimative Essenz von Materie und Geist – den Betrachter zur Reflexion über seine ureigenste Bestimmung veranlassen soll.

Das Material seiner Bilder dient Tàpies dabei als eigenständiger Träger von Inhalten. Er bildet keinen deformierten Fuß ab, vielmehr materialisiert sich dieser in dem pastosen, ockerfarbenen, vernarbten Gebilde auf der Leinwand und symbolisiert so den ewigen Prozess von Entstehung und Zersetzung. „Alles ist flüchtig, alles scheint aufzuhören, und gleichzeitig scheint alles zu beginnen“, sagt Tàpies, den Meditation und fernöstliche Philosophie faszinieren. Auf den Zehen und dem unteren Fußrand hat er geheimnisvolle Zeichen eingeritzt. Damit macht er uns wie ein prähistorischer Höhlenmaler auf eine weitere Dimension aufmerksam: den Bereich des Mystischen, des Spirituellen, den jeder Mensch nur über die Innenschau wahrnehmen kann.

Mit seinem Œuvre zielt Tàpies darauf ab, dem Betrachter „in Erinnerung zu rufen, was er in Wirklichkeit ist“. Er lässt ihn Schmerz und Vergänglichkeit spüren und möchte so „einen Schock verursachen, der ihn aus dem Wahn des Nichtauthentischen reißt“. Dazu wählt er das scheinbar Niedere, Abstoßende, den verunstalteten Fuß, und transformiert ihn in einem alchemistischen künstlerischen Prozess in etwas Schönes, Beseeltes, aber auch dauerhaft Rätselhaftes. Sabine Schuchart

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Ausstellung

„Antoni Tàpies. Bild, Körper, Pathos“

Museum für Gegenwartskunst, Unteres Schloss 1, Siegen;

Di.–So. 11–18, Do. 11–20 Uhr (außer 24./31. 12.); www.mgk-siegen.de; bis 19. Februar 2012.

„Antoni Tàpies: Bild, Körper, Pathos“, Katalog zur Ausstellung, geb. Ausgabe, 160 Seiten, Snoeck, Köln 2011; 29,80 Euro; Barbara Egger: „Die frühen Materialbilder von Antoni Tàpies“, Grin, München 2007; E-Book 24,90 Euro; Paperback 59,90 Euro.

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