ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2011Versorgungsstrukturgesetz: Wenig Beglückung, viel Arbeit

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Versorgungsstrukturgesetz: Wenig Beglückung, viel Arbeit

Dtsch Arztebl 2011; 108(49): A-2627 / B-2195 / C-2167

Rieser, Sabine

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Sabine Rieser, Leiterin der Berliner Redaktion

Ach, ihr habt es gut!“ Auf diesen Stoßseufzer gegenüber Vertretern der Ärzteschaft ließen sich in den vergangenen Monaten viele Äußerungen zum GKV-Versorgungsstrukturgesetz (VStG) bringen. Der Ärztemangel ist als Problem anerkannt, Wünsche nach mehr Flexibilität bei der Bedarfsplanung wie bei der Berufsausübung wurden den Ärzten erfüllt.

In unterversorgten Gebieten wird es neue Anreize zur Niederlassung geben, in gut versorgten nicht derart harte Begrenzungen wie befürchtet. Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte können in weit größerem Umfang als bisher im Krankenhaus tätig werden, ernsthafte Konkurrenz von nichtärztlichen Berufsgruppen brauchen sie nicht zu fürchten. Ist das Versorgungsstrukturgesetz also ein Ärztebeglückungsgesetz?

Vertreter der Krankenhäuser sehen das aus unterschiedlichen Gründen nicht so. „Dazu, wie man den Ärztemangel in den Kliniken bekämpfen kann, findet sich keine Zeile“, beklagte sich der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Dr. Rudolf Kösters, im September. DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum kritisiert, dass Krankenhausärzte Patienten mit multipler Sklerose oder Krebserkrankungen in Zukunft nur noch bei schweren Krankheitsausprägungen auch ambulant behandeln können – Folge der Vorgaben für die neue ambulante spezialfachärztliche Versorgung.

Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, hat das VStG im Grundsatz gelobt. Es sei gut, dass die Bundesregierung „erstmals ernsthafte Schritte gegen den Ärztemangel und für eine bessere Versorgung der Patienten eingeleitet hat“. Gelöst seien die Probleme damit aber noch nicht, allenfalls eine Grundlage für weitere Reformen aufgebaut. Dazu zählt für Montgomery, die Lan­des­ärz­te­kam­mern überall dort als vollwertige Mitglieder in Gremien zu beteiligen, wo über die Versorgung entschieden wird.

Ähnlich urteilt Dr. med. Andreas Köhler, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Die Ansätze, die der besseren Versorgung im ländlichen Raum dienen, finden sein Lob, aber er warnt auch: „Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) werden den Instrumentenkoffer des Gesetzgebers nutzen können. Damit kommen aber nicht automatisch auf die Schnelle neue Ärzte aufs Land.“

Genau das könnte den angeblich so beglückten Ärzten, allen voran ihren KVen, noch zu schaffen machen. Die vielen aus Altersgründen ausscheidenden Allgemeinmediziner in den nächsten Jahren in großem Umfang durch jüngere zu ersetzen, ist unmöglich. Die
Vernachlässigung der Allgemeinmedizin, auch an den Universitäten, lässt sich nicht von heute auf morgen wettmachen. Dazu kommt: Auch andere Fächer werben nun um Nachwuchs, die Konkurrenz um junge Ärztinnen und Ärzte wird zunehmen.

Die KVen müssen jetzt beweisen, dass das Vertrauen der Bundesregierung in sie gerechtfertigt ist. Dabei werden für Erfolge auch gestaltungswillige Krankenkassen, flexible Krankenhäuser und umsichtige Landespolitiker gebraucht. Nur: Diese Abhängigkeiten könnte jede künftige Bundesregierung irgendwann ignorieren, selbst eine schwarz-gelbe, falls eine kritische Zahl erboster Wähler fordert, gut versorgt zu werden – auch jenseits der Großstädte. Dann würden KVen nicht mehr per Gesetz „beglückt“, sondern entmachtet.

Sabine Rieser
Leiterin der Berliner Redaktion

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