ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2011Praxisgebühr: Ausgesteuert
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Heinz Stüwe, Chefredakteur
Heinz Stüwe, Chefredakteur

Die Menschen in Deutschland gehen zu häufig zum Arzt. Dieser Ansicht ist auch Jens Spahn, der gesundheitspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Er hat deshalb im Zusammenhang mit der Diskussion über lange Wartezeiten auf Arzttermine vorgeschlagen, die Praxisgebühr im nächsten Jahr auf den Prüfstand zu stellen – und damit eine lebhafte Diskussion ausgelöst.

Im internationalen Vergleich sind die jährlich durchschnittlich 18 Arztbesuche pro Versicherten in Deutschland sehr hoch. Allerdings ist der Vergleich mit Gesundheitssystemen wie in Großbritannien oder skandinavischen Ländern, in denen Patienten mit leichten Beschwerden gar nicht bis zum Arzt durchgelassen werden, problematisch. Höchst ärgerlich wird es, wenn in der Diskussion so getan wird, als wenn jeder zusätzliche Patientenkontakt dem Kassenarzt mehr Honorar bescheren und damit unnötige Kosten verursachen würde. Dass dies bei gedeckelter Gesamtvergütung gerade nicht der Fall ist, vergessen viele Politiker zu erwähnen.

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Ärzte haben im Gegenteil ein Interesse daran, dass medizinisch nicht indizierte Arztbesuche unterbleiben, weil ihnen dann mehr Zeit für die übrigen Patienten bleibt. Diesem Ziel ist das deutsche Gesundheitswesen durch die Einführung der Praxisgebühr offenbar aber nicht näher gekommen. „Die Steuerungswirkung der Praxisgebühr hat definitiv versagt“, konstatierte Dr. med. Andreas Köhler, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, vor der Vertreterversammlung seiner Organisation. Nicht einmal von Gesundheitsökonomen kam Widerspruch. Die einen verweisen auf Studien, wonach Zuzahlungen der Patienten die Inanspruchnahme überflüssiger wie notwendiger Leistungen mindern und überdies sozial ungerecht seien. Andere haben eher im Blick, dass die heutigen zehn Euro als Flatrate pro Quartal einen falschen Anreiz setzten. Letzteres bestätigt mancher Kassenarzt aus eigener Erfahrung. Vermutlich vor diesem Hintergrund schlägt der Ökonom Jürgen Wasem fünf Euro Praxisgebühr pro Arztbesuch vor, was sich mit Überlegungen in der Union deckt. Eine Ausgestaltung, der Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, gleich eine Absage erteilte: „Diese Lösung wäre Unsinn und würde noch mehr Bürokratie bedeuten.“ Bürokratiekosten, die heute die Ärzte tragen. Für die Krankenkassen ist das eine elegante Lösung. Sie können 2,5 Milliarden Euro – acht Prozent der Kosten der ambulanten Versorgung – mit dem ärztlichen Honorar verrechnen. So ist nicht zu erwarten, dass das Geldbeschaffungsinstrument Praxisgebühr ersatzlos gestrichen wird. Zwar schwimmt die gesetzliche Krankenversicherung aufgrund der guten Konjunktur derzeit im Geld, auf Dauer wird das aber nicht so bleiben. Ohne Eigenverantwortung kann eine solidarische Krankenversicherung nachhaltig auch nicht funktionieren. Deshalb sollte ohne Zeitdruck über die richtigen Instrumente nachgedacht werden. Montgomery plädiert dafür, nicht beim Patienten, sondern beim Versicherten anzusetzen. Köhler hat eine stärkere Eigenbeteiligung der Versicherten mit sozialer Abfederung befürwortet und überdies ein System mit solidarisch versicherten Grund- und privat versicherten Wahlleistungen. Beide sind sich einig, dass die Ärzteschaft dezidiert Position beziehen sollte, wenn es um die Krankenversicherung der Zukunft geht. Schon der Deutsche Ärztetag 2012 in Nürnberg wird sich damit befassen.

Heinz Stüwe
Chefredakteur

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