ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2011Risikomanagement am Arbeitsplatz: Prävention für Schichtarbeiter

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Risikomanagement am Arbeitsplatz: Prävention für Schichtarbeiter

Manteuffel, Leonie von

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Foto: dapd
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Unternehmen und Deutsche Rentenversicherung erproben in Rheinland-Pfalz das Präventionsprojekt „KomPAS“. Es soll chronischen Krankheiten vorbeugen, die durch verschobene Schlaf-Wach-Rhythmen entstehen.

Störungen der endogenen Schlaf-Wach-Rhythmik sind mit erheblichen Gesundheitsrisiken verbunden. Als typische Risiken gelten Schlafstörungen, Fatigue, Vigilanzstörungen, gastrointestinale Syndrome, kardiovaskuläre Erkrankungen, das metabolische Syndrom und nach Einstufung der International Agency for Research on Cancer wahrscheinlich auch Krebserkrankungen. Etwa jeder siebte Schichtarbeitende entwickelt im Lauf der Jahre ein Schichtarbeitersyndrom (siehe Kasten). Schichtarbeit erschwert die Teilnahme am Sozialleben, kann zu familiären Problemen und depressiven Erkrankungen führen.

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„Mit Rehabilitationsmaßnahmen kommen wir häufig schon zu spät“, sagt die Betriebsärztin Dr. med. Margit Emmerich, Leiterin des Bereichs „Medizin und Prävention“ der Schott AG in Mainz. Der Technologiekonzern stellt unter anderem Cerankochfelder und Spezialglas für pharmazeutische Verpackungen wie Ampullen her. Die Erfahrungen der Firma, aber auch Fehlzeitenstatistiken und Mitarbeiterbefragungen belegen: Wenn Beschäftigte abwechselnd früh, spät, nachts, sowie sonn- und feiertags tätig sind, stellt das eine besondere Belastung dar.

Seit einem Jahr erproben die Schott AG, der Aluminiumhersteller Aleris und neuerlich auch Boehringer Ingelheim eine „Kombinierte Präventionsleistung für Arbeit mit Schichtanteilen“ (KomPAS). Zielgruppe sind noch gesunde Mitarbeiter, die in Gruppen von etwa zwölf Personen ein stationäres Programm in der Drei-Burgen-Klinik in Bad Münster am Stein durchlaufen. Sie sollen befähigt werden, „bereits ersten Anzeichen gesundheitlicher Störungen ohne psychischen oder organischen Krankheitswert entgegenzuwirken“, erläutert der Ärztliche Leiter Dr. med. Michael Keck. Für die folgende achtwöchige ambulante Phase erhält das beteiligte Rehazentrum Nachsorgeempfehlungen. So kann jeder Teilnehmer weiter individuell unterstützt werden.

Stressbewältigung und Schlafhygiene

Die inhaltlichen Schwerpunkte des Programms liegen auf Stressmanagement, gesunder Ernährung und Bewegung, flankiert von Ergonomie- und Sozialberatung. Zentraler Baustein ist die Stressprävention: In fünf aufeinander aufbauenden, psychologisch geleiteten Sitzungen sollen die psychische und psychosomatische Widerstandskraft gestärkt werden, die Schichtarbeiter aufgrund der besonderen Stressfaktoren und Anforderungen, angemessene Ausgleichsressourcen zu mobilisieren und ausreichend Schlaf zu finden, benötigen (Steigerung der Resilienz).

Zunächst geht es in einer Einführung um Stressphänomene. Die Teilnehmer erlernen dabei unter anderem die progressive Muskelentspannung nach Jacobsen. Im weiteren Verlauf wird das Thema Schlafhygiene aufgegriffen. „Welche Maßnahmen ergreifen Sie, um Ihren Schlaf zu bekommen?“, heißt dabei die Leitfrage.

Schlafforscher haben festgestellt, dass der Schlaf bei Wechselschichten nach Nachtarbeit nur knapp sechs Stunden und wenig länger vor Frühschichten andauert. Berliner Mediziner haben in einer aktuellen Pilotstudie sogar nur Mediane von circa 5,5 bis sechs Stunden gefunden. Im KomPAS-Seminar werden daher schlaffördernde Maßnahmen diskutiert, von Schlafbrille, Ohrenstöpseln, gesenkter Raumtemperatur und Verdunkelung bis zum Schlafen in Etappen (zum Beispiel morgens vier, am frühen Abend drei Stunden). Um die Einschlaflatenz nach Nachtschichten zu verkürzen, werden Alternativen zum morgendlichen „Feierabendbier“ empfohlen – etwa leichte Lektüre oder Musik.

Ein wichtiges Thema ist darüber hinaus die Work-Life-Balance: Wie werde ich zufriedener? Wie kann ich genügend Zeit für meinen Ehepartner, für Familie und Freunde gewinnen? Nach kurzen „Warming-Up-Statements“ entwickeln die Teilnehmer in einem Erfahrungsaustausch dazu persönliche Ideen.

Die bisherigen Erfahrungen zeigen: Auch wenn die körperliche Arbeit im Beruf schwer ist, verhilft das noch lange nicht zu guter sportlicher Ausdauer. Das Klinikteam hat bislang nur ein Viertel der Teilnehmer als „fit“ eingestuft. Diese konnten eine Laufstrecke von 3,25 Kilometern mit 65 Höhenmetern in einer halben Stunde bewältigen, was einer Leistung von knapp zwei Watt pro Kilo Körpergewicht entspricht. Ein Bewegungsprogramm soll Sport als wichtige Primärprävention ins Bewusstsein rücken. Das Programm beinhaltet tägliches Gerätetraining, Nordic Walking, Wassergymnastik und eine Bewegungsschule.

Die Ernährungsberatung richtet sich auf mehr Sicherheit beim Auswählen von Lebensmitteln zugunsten einer „wohlschmeckenden und leicht zu praktizierenden gesundheitsgerechten Mischkost“. Die Teilnehmer üben, die Hinweise auf Verpackungen zu nutzen, um den Gehalt an Fetten, Kohlehydraten und unerwünschten Zusatzstoffen zu erkennen. In Einkaufstrainings und der Lehrküche wird das Gelernte gefestigt. Darüber hinaus werden Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung für Schichtarbeitende vorgestellt – zum Beispiel während der Nachtschicht eine leichte warme Mahlzeit einzunehmen.

Der Zugang zum KomPAS-Kurs erfolgt über die werksärztlichen Dienste, die – mit Einwilligung der Beschäftigten – Präventionsanträge und Arbeitsplatzbeschreibungen bei der Deutschen Rentenversicherung (DRV) Rheinland-Pfalz einreichen. Sie führen zuvor auch ein Screening (unter anderem mit dem Work- Ability-Index) und Teile einer Basisdiagnostik durch, die in der Klinik fallweise durch Risikochecks erweitert wird. Dazu zählen 24-Stunden-Blutdruckmessung, Langzeit-EKG, Duplexsonographie der hirnversorgenden Gefäße und ein Schlafapnoe-Screening.

Bislang haben etwa 40 Personen an dem Projekt KomPAS teilgenommen. Schon der Gesundheits-check kommt nach bisherigen Erfahrungen bei den Beschäftigten, die zur stationären Phase vier bis fünf freie Tage beisteuern, gut an. Auch Verhaltensänderungen werden berichtet: „Der Hebel im Kopf hat sich umgelegt“, hat etwa ein Teilnehmer mit neuen Essgewohnheiten formuliert. Welche Effekte insgesamt für die gesundheitsbezogene Lebensqualität der Teilnehmer erreicht werden, untersuchen Reha-wissenschaftler vom Universitätsklinikum Freiburg bei mehreren KomPAS-Gruppen.

Die medizinisch-therapeutischen Leistungen trägt die DRV Rheinland-Pfalz. Der Träger kann präventiv bei Versicherten tätig werden, „die eine besonders gesundheitsgefährdende, ihre Erwerbsfähigkeit ungünstig beeinflussende Beschäftigung“ ausüben (Sonstige Leistungen nach § 31 Abs. 1, Satz 1 Nr. 2 SGB VI). „Durch die frühzeitige Intervention soll ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Arbeitsleben vermieden werden“, erläutert Dr. phil. Barbara Kulick, Leiterin des Dezernats Grundsatz Rehabilitation/Qualitätssicherung, DRV Rheinland-Pfalz, das Anliegen. Die Ausgaben für diese und andere Leistungen nach § 31 sind jedoch gedeckelt. Es kann maximal ein Betrag in Höhe von 7,5 Prozent des Budgets für originäre Rehabilitations- und Teilhabeleistungen aufgewendet werden.

Leonie von Manteuffel

Schichtarbeitersyndrom

Symptome der „Zirkadianen Rhythmus-Schlafstörung, Typus Schichtarbeit“ gemäß Internationaler Klassifikation von Schlafstörungen (ISCD-2)*:

  • Insomnie und/oder Tagesmüdigkeit
  • Schlafzeit nur 1–4 Stunden mit schlechter Schlafqualität
  • Geminderte Leistungsfähigkeit am Tage
  • Beschwerden auch nach Beendigung der Schichtarbeit
  • diagnostisch gesichert, wenn die Symptome einen Monat anhalten und nicht anderweitig erklärbar sind

KomPas-Module

Die „Kombinierte Präventionsleistung für Arbeit mit Schichtanteilen“ (KomPAS) im Überblick:

  • Zehntägige stationäre Phase: Präventionsorientierte Diagnostik, ärztliche Visiten, Präventionsmodule
  • Achtwöchige ambulante Nachsorge: Ein- bis zweiwöchentliche Termine von je 90 Minuten in einem ambulanten Rehazentrum
  • Auffrischungstag in der Klinik

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