ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2011Orthopädie und Unfallchirurgie: Immense Fortschritte im Bereich Prothetik

MEDIZINREPORT

Orthopädie und Unfallchirurgie: Immense Fortschritte im Bereich Prothetik

Thiel, Antje

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Kunstvolle Fingerbewegungen trotz Armprothese: Sensoren erkennen Druck, Temperatur und Vibration und leiten diese über ein elektronisches Regelsystem weiter. Foto: SPL
Kunstvolle Fingerbewegungen trotz Armprothese: Sensoren erkennen Druck, Temperatur und Vibration und leiten diese über ein elektronisches Regelsystem weiter. Foto: SPL

Sportverletzungen und der Ersatz von Extremitäten durch moderne Prothesen waren Schwerpunkte auf dem Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie in Berlin.

Sportunfälle sind nach häuslichen Verletzungen die zweithäufigste Verletzungsursache in unserem Land. Mehr als fünf Prozent der sportlich aktiven Deutschen erleiden innerhalb eines Jahres eine Sportverletzung, hieß es auf dem Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie in Berlin. Männer im Alter von unter 30 Jahren, die mehr als vier Stunden Sport pro Woche treiben, gelten als am meisten gefährdet. 44 Prozent dieser Verletzungen betreffen aktive Vereinsfußballer, wie Prof. Dr. med. Gerhard Bauer, Chefarzt und Ärztlicher Direktor der Sportklinik Stuttgart, berichtete.

Auffallend sei, dass sich die Erwartungshaltung der Patienten geändert habe. So sei die Akzeptanz von Verletzungsfolgen gesunken. „Heutzutage erwarten auch Amateursportler, wieder vollständig hergestellt und rasch wieder voll einsatzfähig zu sein“, so Bauer.

Im jugendlichen Alter ist die Ursache der Beschwerden in mehr als der Hälfte der Fälle auf Überlastung zurückzuführen. So stellten Orthopäden und Unfallchirurgen allein 42 Prozent aller Stressfrakturen bei jungen Menschen zwischen 15 und 19 Jahren fest. Stressfrakturen, aber auch Knorpelschäden beim Jugendlichen und beim jungen Erwachsenen müssten frühzeitig erkannt und adäquat behandelt werden.

Knorpelschäden entstehen einerseits durch ein Trauma, andererseits aber auch durch ein Missverhältnis zwischen biologischer Reife und sportlicher Belastung der jungen Athleten, erinnerte Bauer. Um Überlastungsschäden oder Verletzungen an den Gelenken beziehungsweise Sehnen oder Bändern zu verhindern, seien regelmäßige Erholungsphasen bei jungen Sportlern daher unerlässlich.

Die Behandlung junger Athleten unterscheide sich nicht wesentlich von der erwachsener Sportler. Bei bei der Auswahl der OP-Technik müsse der Operateur allerdings die noch offenen Wachstumsfugen – beispielsweise bei Operationen am Kreuzband – berücksichtigen, sagte Bauer. Nur so könne man einen vorzeitigen Fugenschluss oder eine Fehlstellung der Gliedmaßen nach dem Eingriff verhindern.

Eine häufige Folge wiederholter Überlastung bei jungen Sportlern sind Knorpelschäden, die nicht nur sehr schmerzhaft sind, sondern auch nur begrenzte Behandlungserfolge haben. Bei Erwachsenen regen Orthopäden den Heilungsprozess an, indem sie den unter dem Knorpel liegenden Knochen anrauen oder anbohren. „Noch effektiver ist eine Knorpelzelltransplantation“, erklärte Bauer. Bei Jugendlichen könne man diese Therapie jedoch noch nicht anwenden, da man derzeit nicht wisse, ob die Transplantation mit einem erhöhten Krebsrisiko verbunden ist. Langzeitstudien hierzu stünden noch aus.

Leichtere Materialien und verbesserte Elektronik

Dank immenser Fortschritte in der technischen Orthopädie könnten heute auch Menschen mit Behinderung sportliche Höchstleistungen erbringen, wie Prof. Dr. med. Bernhard Greitemann vom Institut für Rehabilitationsforschung an der Klinik Münsterland in Bad Rothenfelde berichtete. Mit Blick auf den südafrikanischen Sprinter Oscar Pistorius, der dank seiner Hightech-Karbonprothesen trotz beidseitiger Beinamputation 100 Meter in 10,9 Sekunden erzielte, sagte Greitemann: „In den vergangenen Jahren ist es zu einem explosionsartigen Interesse an der technischen Orthopädie gekommen. Die Paralympics sind für unser Fach inzwischen wie die Formel-1-Boliden für den Motorsport.“

Das Ergebnis – auch für den Einsatz an breiteren Patientengruppen – seien Innovationen durch leichtere Materialien, verbesserte elektronische Steuerungen oder leistungsfähigere Batterien. Spektakuläre Beispiele für diese verbesserte Betreuung sind unter anderem nahezu täuschend echte, auch optisch kaum vom eigentlichen Original zu unterscheidende Körperersatzstücke durch die Silikontechnik, die sogar Hautfältelungen, Adern, unterschiedliche Hautfärbungen und Behaarungen ersetzt.

Als weiteres Beispiel nannte Greitemann elektronische Kniepassteile, die gerade gangunsicheren und sturzgefährdeten Patienten mehr Sicherheit beim Laufen mit einer Exoprothese böten. „Diese Exoprothesen ermöglichen Behinderten bislang nie gekannte Alltagsaktivitäten, zum Beispiel das Gehen mit unterschiedlichen Schrittgeschwindigkeiten oder das leichtere Laufen an Treppen oder Schrägen“, sagte Greitemann. Angesichts von jährlich etwa 64 000 Amputationen infolge des diabetischen Fußsyndroms sei die Forschung auf dem Gebiet der technischen Orthopädie auch dringend erforderlich. Im Behindertensport verbessern Prothesen Leistungen zum Teil sogar soweit, dass Gutachter Vorteile gegenüber nichtbehinderten Sportlern vermuten. „Für die Mehrheit der Patienten aber geht es nicht um sportliche Höchstleistungen, sondern darum, den Alltag zu bewältigen und eine gewisse Unabhängigkeit zu bewahren“, so Greitemann.

Auch armamputierte Patienten profitieren heute von Hightechprothesen, die kunstvoll Fingerbewegungen und die Gliederkette der Hand nachahmen. Die erheblich verbesserte und natürlich anmutende Steuerungsmöglichkeit gelingt durch Kopplung von körpereigenen Nerven an die Exoprothesen. Um das Potenzial dieser Technik voll ausschöpfen zu können, ist postoperativ ein umfangreiches orthopädisch geleitetes Programm mit Muskelkräftigung, Koordination, Gangschule und Ergotherapie notwendig.

Moderne Beinprothesen sind Hightechprodukte, die auf die Bewegungen des Trägers intelligent reagieren. Foto: picture alliance
Moderne Beinprothesen sind Hightechprodukte, die auf die Bewegungen des Trägers intelligent reagieren. Foto: picture alliance
Bislang fehlen valide Daten zur Versorgungsforschung

Um den in Medien häufig geäußerten Vorwurf „in Deutschland wird zu viel operiert“ zu entkräften, setzen die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU), die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und orthopädische Chirurgie (DGOOC) und der Berufsverband der Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU) auf mehr Versorgungsforschung. Bislang fehlen valide Daten, die zeigen, ob in Deutschland im internationalen Vergleich zu viel operiert wird – oder ob steigende OP-Zahlen nicht vielmehr dem medizinischen Fortschritt und dem wachsenden Versorgungsbedarf einer alternden Gesellschaft geschuldet sind. Die Fachgesellschaften beteiligen sich inzwischen an zahlreichen Projekten zur Versorgungsforschung und haben hierfür einen breiten Maßnahmenkatalog aufgestellt. „Mit dem Endoprothesenregister und dem Traumaregister tragen wir Patienten- und Behandlungsinformationen zusammen. Das ist ein erster Schritt in der Beschaffung der benötigten Daten“, erklärte Prof. Dr. med. Hartmut Siebert als Generalsekretär der DGU.

Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und die orthopädische Chirurgie wiederum haben gemeinsam mit der AOK einen Versorgungsatlas auf den Weg gebracht. „Ziel ist es, die regionale Verteilung von muskuloskeletalen Eingriffen zu erfassen und zu ermitteln, ob sich die Häufigkeit bestimmter Eingriffe mit strukturellen Besonderheiten in unserem Versorgungssystem erklären lässt“, informierte DGOOC-Generalsekretär Prof. Dr. med. Fritz Uwe Niethard. Erste Ergebnisse zeigten, dass die Zunahme an medizinischen Eingriffen keineswegs vor allem auf ökonomische Interessen der Operateure zurückzuführen sei, wie es in der Öffentlichkeit von Vertretern der Krankenkassen häufig dargestellt werde.

Vielmehr gehe die steigende Zahl von Eingriffen vor allem auf das Konto des medizinischen Fortschritts. „Hierzu zählen insbesondere die weite Verbreitung von minimal-invasiven Eingriffen. Außerdem belegen vielfach neueste wissenschaftliche Erkenntnisse die Evidenz operativer Methoden“, erläuterte Siebert. Hinzu komme, dass in einer älter werdenden Bevölkerung Verschleißerkrankungen am Haltungs- und Bewegungsapparat sowie altersbedingte Stürze zunehmen. Sie erforderten immer häufiger eine operative Versorgung und Betreuung und belasteten das Gesundheitssystem.

Antje Thiel

Kunstvolle Fingerbewegungen trotz Armprothese: Sensoren erkennen Druck, Temperatur und Vibration und leiten diese über ein elektronisches Regelsystem weiter. Foto: SPL
Immense Fortschritte
Kunstvolle Fingerbewegungen trotz Armprothese: Sensoren erkennen Druck, Temperatur und Vibration und leiten diese über ein elektronisches Regelsystem weiter. Foto: SPL
Moderne Beinprothesen sind Hightechprodukte, die auf die Bewegungen des Trägers intelligent reagieren. Foto: picture alliance
Immense Fortschritte
Moderne Beinprothesen sind Hightechprodukte, die auf die Bewegungen des Trägers intelligent reagieren. Foto: picture alliance

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