Herzlichen Dank für den äußerst gelungenen und realitätsnahen Beitrag. Ergänzend möchte ich anführen, dass es durchaus Ärzte, Pädagogen, Psychologen und andere Berufsgruppen gibt, die mit langjähriger Erfahrung mit Autisten arbeiten und dabei die andere Art der Wahrnehmung und Kommunikation weitestmöglich berücksichtigen.

Besonders in der Somatik tätige Ärzte stoßen allerdings schnell an die Grenzen des derzeit Diagnostizier- und Therapierbaren. Es wird zunehmend deutlich, dass viele Autisten nicht nur die von Ihnen im Artikel benannten Wahrnehmungs- und Kommunikationsveränderungen haben, sondern gleichzeitig von meist multiplen somatischen Veränderungen betroffen sind. Für einige dieser sogenannten Autismussyndrome sind die Zusammenhänge (zum Teil auch die genetischen Veränderungen) bereits beschrieben (zum Beispiel Fragiles-X-Syndrom, Smith-Magenis-Syndrom, Angelmann-Syndrom, Phenylketonurie, Rett-Syndrom, Cornelia-de-Lange-Syndrom, tuberöse Sklerose . . .). Bei anderen Syndromen ist bekannt, dass sie regelmäßig gemeinsam mit Autismus vorkommen (zum Beispiel Down-Syndrom, Klinefelter-Syndrom, Prader-Willi-Syndrom . . .). Die meisten der erwachsenen Autisten sind allerdings bisher keinem dieser erforschten Autismussyndrome zuzuordnen, wenngleich bei ihnen eine Häufung somatischer Begleiterkrankungen zu bestehen scheint . . .

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Fundierte Grundlagenforschung in diesem Bereich ist dringend nötig, um den Betroffenen nicht nur eine Diagnostik und Therapie der psychiatrischen Folgeprobleme zu ermöglichen, sondern in Zukunft auch eine effektive und lebensqualitätsverbessernde somatische Versorgung des jeweiligen Autismussyndroms zu gewährleisten.

Des Weiteren wären vermutlich Daten interessant, die beschreiben, welcher Anteil der Autisten an psychiatrischen Erkrankungen in sekundärer Form leidet – vermutlich häufig verursacht durch unzureichende soziale und medizinische Versorgung dieser noch immer mit vielen Vorurteilen belasteten und in weiten Bereichen der Gesellschaft diskriminierten Menschen (zum Beispiel Depression, Schlafstörungen, posttraumatische Belastungsstörung, Angsterkrankungen, psychosomatische Erkrankungen). Hypothese könnte sein, dass ein Mensch mit Autismus, der barrierefrei in dieser Gesellschaft sein darf und eine adäquate Versorgung seiner psychischen und somatischen Beschwerden erhält, trotz seiner anderen Art der Wahrnehmung und Kommunikation, in der Seele gesünder sein dürfte, als es derzeit bei vielen Autisten der Fall ist. Wir vermuten, dass eine Vielzahl der derzeit zu versorgenden psychiatrischen Auffälligkeiten bei Autisten vermieden werden könnte, wenn eine verantwortungsvollere Versorgung dieser Menschen in sozialer und medizinischer Hinsicht erfolgen würde. Wo es heute in weiten Bereichen selbstverständlich ist, dass ein Mensch mit Sehbeeinträchtigung eine Brille nutzen darf und ein Rollstuhlfahrer eine Rampe vorfindet, ist es leider derzeit noch kaum umgesetzt, dass autistische Menschen in strukturierten und reizarmen Umgebungen ihren Inhalten nachgehen dürfen . . .

Dr. med. Nicole Höhlriegel, 97076 Würzburg

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