POLITIK: Die Glosse

Herzensangelegenheit

J.R.

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LNSLNS "Sehr geehrter Herr Landrat,
Ihre Sorgen um den Fortbestand unseres Krankenhauses gehen mir sehr zu Herzen. Natürlich sehe ich ein, daß der Wunsch aller auf eine leistungsgerechte Bezahlung hinter der Einhaltung des uns zugeteilten Budgets in Höhe von 1 005 000 DM zurückstehen muß. Um das durch den ärztlichen Dienst in der chirurgischen Abteilung verursachte Defizit zu sanieren, bedarf es besonderer Anstrengungen. Immerhin beziffert es sich auf grob monatlich 40 000 DM, also voraussichtlich jährlich 480 000 DM. Um das gesteckte Ziel doch noch zu erreichen, unterbreite ich Ihnen hier folgende Vorschläge:
1. Grob gerechnet müßte jeder Chirurg auf etwas mehr als ein Drittel seines Nettogehaltes verzichten.
Problem: Umfragen bei meinen Kollegen zeigten jedoch, daß fast alle Angestellten nicht ausreichend moralisch gefestigt sind, um diesen bescheidenen Beitrag zum Erhalt unserer Arbeitsplätze zu leisten. Vielmehr sind hier arbeitsrechtliche Konsequenzen zu befürchten, die einen Teil des Einsparungserfolges wieder zunichte machen. Außerdem ist hier niemand zu motivieren, für die in diesem Jahr bereits überwiesenen Gehälter ein Monatsgehalt an die Kreisverwaltung zurückzuzahlen.
2. Kürzen von drei Assistentenstellen. Die von den entlassenen Kollegen geleisteten Dienste müssen von den übrigen aus Dankbarkeit für die Weiterbeschäftigung unentgeltlich geleistet werden. Motivierend könnte hier ein in Aussicht gestelltes gutes Arbeitszeugnis mit besonderer Erwähnung von Fleiß und Loyalität dienen.
Problem: Wenn ein Assistent im Urlaub ist, stehen bei der derzeitigen Regelung des Freizeitausgleiches für Dienste nur noch zwei Assistenten oder AiP für OP, Ambulanz und Stationsdienst zur Verfügung. Die Kollegen mit unbefristeten Arbeitsverträgen sind diesen Anforderungen sicher nicht gewachsen und werden hier ebenfalls mit arbeitsrechtlichen Schritten drohen. Hier bietet sich eine Neubesetzung der übrigbleibenden Stellen durch Kollegen an, die nur befristete Verträge, "Knebelverträge", erhalten, sowie Änderungskündigungen bereits bestehender Verträge. Inkooperative Arbeitnehmer können durch ein entsprechendes Arbeitsklima zur ihrerseitigen Kündigung veranlaßt werden.
3. Neubesetzung von viereinhalb Assistenzarztstellen durch AiP.
Problem: Nur selten ist fachlich qualifiziertes Personal anzutreffen, eine Weiterbildung des AiP nicht möglich. Durch unentgeltliche Mehrarbeit des verbliebenen Assistenzarztes, des Oberarztes und des Abteilungsleiters läßt sich sicher eine Besserung erreichen.
In der Hoffnung, daß ich als Urheber dieser Vorschläge anonym bleibe und bei den Kündigungen ausgenommen werde, verbleibe ich mit freundlichen Grüßen!" J.R.
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