ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2011Medizin und Markt: Wettbewerb und die Folgen

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Medizin und Markt: Wettbewerb und die Folgen

Stüwe, Heinz

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Heinz Stüwe, Chefredakteur
Heinz Stüwe, Chefredakteur

Das letzte Heft des Deutschen Ärzteblattes im Jahr 2011 steht im Zeichen der Polarisierung: Humanität und Wirtschaftlichkeit, menschliche Zuwendung und Wettbewerb, Empathie und Marktgesetze oder auch gute Medizin und Gewinn. Handelt es sich bei diesen Begriffspaaren um unvereinbare Gegenpole? Oder nur um vermeintliche Gegensätze? Wettbewerb im Gesundheitswesen wird oft gefordert und sogar gesetzlich propagiert. Tatsächlich kann Konkurrenz Suchprozesse auslösen, an deren Ende bessere Lösungen stehen. Aber muss es nicht Grenzen für Wettbewerb geben, wenn es um die Gesundheit von Menschen geht? Die Redaktion sprach mit dem Präsidenten des Bundeskartellamts, Andreas Mundt. Das Interview mit dem obersten Wettbewerbshüter finden Sie in diesem Heft. Und im Titelaufsatz fragt Dr. med. Birgit Hibbeler: „Was ist ein guter Arzt?“

Der das Wohl des Patienten in den Mittelpunkt stellt, der Empathie zeigt, lautet eine Antwort. Und Patienten sagen: Der sich Zeit nimmt. Da liegt die Frage auf der Hand, ob das, was einen guten Arzt ausmacht, unter den heutigen Arbeitsbedingungen in Klinik und Praxis überhaupt noch realisierbar ist.

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Das Gesundheitswesen stellt nach Berechnungen des Wirtschaftswissenschaftlers Klaus-Dirk Henke (Technische Universität Berlin) inzwischen 14 Prozent der Erwerbstätigen. Niemand wird bestreiten, dass Gesundheit eine große und wachsende ökonomische Bedeutung hat. Aber Gesundheit und gute medizinische Versorgung haben auch eine gesellschaftliche Dimension, sie gehören zur Daseinsvorsorge. Der Staat wird sich deshalb nie ganz aus dem Gesundheitswesen zurückziehen und es den freien Marktkräften überlassen können. Das sieht auch der oberste Wettbewerbshüter so, der „Leitplanken“ für den Wettbewerb verlangt, zum Beispiel in Form von Qualitätsstandards. Dem „Geschäftsgegenstand“ medizinische Versorgung angemessen wäre allerdings ein Rechtsrahmen, der Wettbewerb um Qualität ermöglicht und fördert. Der wird zwar häufig beschworen, aber wo ist er Realität?

Wettbewerb und eine ärztliche Haltung, die der Verantwortung gegenüber dem Patienten gerecht wird, finden ihre Synthese im freien Beruf. Der Begriff impliziert, dass die Berufsangehörigen im Wettbewerb stehen. Schließlich entscheidet sich der einzelne Patient für den einen und gegen den anderen Arzt. Freier Beruf heißt zudem Wettbewerb nach bestimmten Regeln und in Erfüllung bestimmter Pflichten. Ärzte sollen in Ausübung ihrer Tätigkeit keinen Weisungen von Nichtärzten unterliegen – unabhängig davon, ob sie angestellt oder selbstständig sind, das ist der Kern des freien Berufs. Verträgt sich damit, wenn einem Krankenhauschefarzt von der Geschäftsführung Mengenziele für Operationen vorgegeben werden? Oder wenn eine Abteilung so unterbesetzt ist, dass keine adäquate Weiterbildung der jungen Ärztinnen und Ärzte möglich ist? Kostendruck hat nur im Ausnahmefall gute Medizin zur Folge.

Patentlösungen des Problems befinden sich nicht in diesem Deutschen Ärzteblatt, aber einige Gedanken und Denkanstöße – auch zum Nachdenken über das eigene Tun. In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern frohe Festtage und ein gutes Jahr 2012.

Heinz Stüwe
Chefredakteur

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