ArchivDeutsches Ärzteblatt16/1996Opiat-Antagonist Naltrexon bei Alkoholismus: Die Rückfallquote nach Entzug wird gesenkt

POLITIK: Medizinreport

Opiat-Antagonist Naltrexon bei Alkoholismus: Die Rückfallquote nach Entzug wird gesenkt

Vetter, Christine

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LNSLNS Beim Alkoholismus handelt es sich neueren Erkenntnissen zufolge um eine Erkrankung mit eindeutig biologischer Basis, und dementsprechend sollte es pharmakologische Behandlungsmöglichkeiten geben, die das Suchtverhalten zumindest günstig beeinflussen. Da der Alkohol selbst zu Veränderungen verschiedener Neurotransmittersysteme im Gehirn führt, lag es nach Dr. Jonathan D. Chick (Edinburgh) nahe, nach Einflußmöglichkeiten über solche Neurotransmittersysteme zu fahnden.
In Frage kommen das Dopamin-, das Serotonin- und das GABA-System, wie Chick anläßlich eines Symposiums der Firma Dupont beim Kongreß des Europäischen Kollegs für Neuropsychopharmakologie in Venedig erklärte. Da Alkohol zur Ausschüttung endogener Endorphine führt, besteht nach Chick außerdem große Hoffnung, über Opiat-Antagonisten eine bessere Suchttherapie anbieten zu könnnen.
Die Versuche, sowohl mit Hilfe von Dopamin-Rezeptoragonisten als auch über das Serotoninsystem und die Gabe selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer die Behandlung des Alkoholismus zu bessern, haben nach Chick bislang nicht den gewünschten Erfolg erzielt. Vielversprechender sind demgegenüber Versuche mit dem GABA-Agonisten Acamprosat und dem Opiat-Antagonisten Naltrexon. Bei letzterem gab es schon aus Tierversuchen Hinweise darauf, daß er das Verlangen nach Alkohol signifikant reduziert.
Erste klinische Studien beim Menschen, die Professor Dr. Charles P. O’Brien (Philadelphia/USA) in Venedig vorstellte, bestätigten das Resultat: So konnte bei 70 männlichen Alkoholikern, die doppelblind randomisiert entweder Naltrexon oder Placebo erhielten, gezeigt werden, daß der Opiat-Antagonist das Verlangen nach Alkohol vermindert und die Rückfallquote, die normalerweise in den ersten drei Monaten nach dem Entzug bei 50 Prozent liegt, deutlich senkt. Der Rückfall war dabei so definiert, daß an mindestens fünf Tagen einer Woche Alkohol getrunken wurde oder bei einer Gelegenheit mindestens fünf Drinks oder daß beim Klinikbesuch ein Blutalkoholspiegel von mindestens 100 mg/ Prozent gemessen wurde.


In den USA zugelassen
Allerdings reduzierte Naltrexon nicht nur die Rückfallgefahr, wie O’Brien ausführte, es bewirkte auch, daß Probanden, die nicht im strengen Sinne rückfällig wurden, im Mittel weniger Alkohol zu sich nahmen als diejenigen der Kontrollgruppe, was nach Ansicht des Wissenschaftlers erklären kann, warum die Patienten der Verumgruppe bessere Leberfunktionswerte aufwiesen als diejenigen unter Placebo. Insgesamt gelang es, durch die Behandlung mit dem Opiat-Antagonisten die Rückfallquote um etwa die Hälfte zu senken. Die Ergebnisse der vorgelegten Untersuchungen waren dabei so überzeugend, daß die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) den Wirkstoff in einem beschleunigten Verfahren für die Behandlung der Alkoholkrankheit zugelassen hat. Dies erklärt sich nach O’Brien nicht zuletzt aus der Tatsache, daß Naltrexon bereits seit Jahren in der Suchttherapie eingesetzt wird und daß entsprechend umfangreiche Erfahrungen vorliegen.
Auch in Deutschland ist Naltrexon für die Behandlung der Drogensucht zugelassen, ein Antrag auf Zulassung für die Therapie beim Alkoholismus läuft derzeit. Und auch in Deutschland wird in einer klinischen Studie bei 171 Alkoholikern, die den Opiat-Antagonisten nach einer erfolgreichen Entgiftung erhielten, überprüft, inwieweit sich durch diesen Wirkstoff die langfristige Prognose der Betroffenen bessern läßt. Die Auswertung der erhobenen Daten wird nach Angaben von Dr. Michael Soyka (München) noch für dieses Jahr erwartet.
Christine Vetter

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