ArchivDeutsches Ärzteblatt24/1998Serie: Sekundärprävention der koronaren Herzerkrankung – Vorbeugung durch körperliche Bewegung

MEDIZIN: Die Übersicht

Serie: Sekundärprävention der koronaren Herzerkrankung – Vorbeugung durch körperliche Bewegung

Löllgen, Herbert; Dickhuth, Hans-Hermann; Dirschedl, Peter

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Stichwörter: Körperliche Bewegung, kardiale Rehabilitation, Regression der Koronarerkrankung, Lebensstil, Training
Mehrere Metaanalysen haben ergeben, daß körperliches Training ein wirksames Prinzip in der Sekundärprävention nach Myokardinfarkt und anderen akuten koronaren Syndromen ist. Die positiven Auswirkungen des Trainings lassen sich in vielfältigen metabolischen, hämodynamischen und autonomen Funktionssteigerungen nachweisen. Patienten sollten in allen Phasen der stationären oder ambulanten Rehabilitation und in Herzgruppen mit Möglichkeiten, Nutzen und Trainingsumfang vertraut gemacht werden. Das Training ist auch bei älteren Patienten wirksam, Risiken und Nebenwirkungen stehen in einem vertretbaren Verhältnis zum Nutzen. Auch körperliche Bewegung mit geringer Intensität wie schnelles Gehen, regelmäßiges Treppensteigen, Gymnastik und (überwachtes) Krafttraining haben positive Auswirkungen, die die Selbständigkeit der Patienten länger erhalten. Die Empfehlung zu körperlicher Aktivität und die Zuweisung zu Herzgruppen nach einem kardiovaskulären Ereignis ist heute Standard.


Key words: Physical activity, cardiac rehabilitation, regression of coronary artery disease, life style, training
Physical inactivity is a risk factor for coronary artery disease. A number of clinical trials have shown that regular physical activity increases functional capacity and decreases progression of coronary artery disease. Physical activity improves parameters of cardiopulmonar function, peripheral muscular adaptation, and plasma lipoprotein concentration significantly. Furthermore, training leads to several adaptive mechanisms of hemostasis, neurohumoral activity and cardiac autonomic function as confirmed by metaanalyses demonstrating a reduced general and cardiac mortality in all training groups. Recently, clinical trials demonstrated improvements in the angiographic appearances of coronary artery disease for all patients undergoing regular and intense training programme after acute myocardial infarction. The risks of physical activity are rather low. Benefits are worth the costs and by far outweigh complications of injuries or even cardiac fatalities. We conclude that today physical activity is and should be an essential part of comprehensive cardiac rehabilitation for patients with coronary artery disease and especially after myocardial infarction.


Die unverändert große Zahl an kardiovaskulären Erkrankungen macht eine wirksame Sekundärprävention heute notwendiger denn je. Für einige der bedeutsamen Risikofaktoren liegen gesicherte Ergebnisse zur Wirkung der Sekundärprävention vor. Einstellen des Rauchens, Senkung der Blutfettwerte und eine optimale Einstellung einer arteriellen Hypertonie senken Morbidität und Mortalität nach kardiovaskulären Ereignissen (4, 8, 9, 12, 15, 24, 27, 29-32).
Bewegungsmangel gilt inzwischen als gesicherter Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen (2, 4, 9, 34). Nach allen vorliegenden Befunden stellt eine regelmäßige körperliche Bewegung bis hin zum Training eine wirksame Maßnahme zur Primärprävention kardiovaskulärer Erkrankungen dar (2, 4, 9, 34).
Demgegenüber wird im Rahmen der Sekundärprävention dem Bewegungsmangel sehr viel weniger Bedeutung beigemessen als anderen Risikofaktoren. Dem stehen aber zahlreiche neuere Ergebnisse gegenüber, die die positive Wirkung eines regelmäßigen Trainings oder einer dosierten körperlichen Bewegung im Rahmen der Sekundärprävention aufzeigen (30). Diesen Nachweis statistisch einwandfrei zu sichern, ist für die Sekundärprävention schwieriger als für die Primärprävention, wo ein solcher positiver Effekt als gesichert gilt (2, 4, 9, 34, 41). Interventionsstudien in der Sekundärprävention hingegen umfassen in der Regel mehrere Risikofaktoren. Sie beinhalten aber immer körperliches Training, allerdings mit geringerem Umfang als in der Primärprävention. Hierdurch sind Effekte in der Sekundärprävention geringer ausgeprägt als in der Primärprävention.
Definitionen
Unter Sekundärprävention versteht man in diesem Zusammenhang alle Maßnahmen, die geeignet sind, nach einer Erkrankung die körperliche, geistige und seelische Gesundheit wiederherzustellen oder aber das Fortschreiten der chronischen Erkrankung aufzuhalten oder zu verlangsamen. Sport im Rahmen dieser Sekundärprävention umfaßt demnach den Rehabilitationssport.
Körperliche Bewegung beinhaltet alle Sportarten von Breitensport und Freizeitsport bis hin zum Leistungs- und Spitzensport (13). Im allgemeinen versteht man unter körperlicher Bewegung alle Betätigungen, die zu einem Übungs- oder Trainingseffekt führen. Training ist eine systematische Wiederholung gezielter überschwelliger Beanspruchungen zur Leistungssteigerung mit funktionellen und morphologischen Anpassungserscheinungen. Übung wird als systematische Wiederholung gezielter Bewegungsabläufe zur Leistungssteigerung durch Verbesserung der Koordination definiert (13).
Breitensport ist Sport, der mit Freude an der jeweiligen Sportart betrieben wird. Dieser Sport kann verbunden sein mit Unterhaltung, Zusammensein in einer Gemeinschaft oder mit Naturerleben. Es wird kein systematisches Trainingsprogramm zur Leistungssteigerung eingehalten. Eine gute persönliche Leistung wird zwar angestrebt, jedoch ohne Vergleich zu Wettkampfleistungen. Freizeitsport ist unregelmäßig betriebener Breitensport, wobei die Sportarten häufig wechseln (13).
Der Begriff Gesundheitssport ist heute ein wenig umstritten, einige Autoren schlagen die Formulierung gesundheitsorientierte Sportangebote vor. Für den täglichen Gebrauch wird jedoch der Begriff Gesundheitssport weithin benutzt. Hierunter versteht man Sport zur Förderung der Gesundheit und Leistungsfähigkeit oder zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit bei reduzierter oder krankheitsbedingter Minderung der Leistungsfähigkeit. Nach einem aktuellen Vorschlag (43) versteht man unter Gesundheitssport eine aktive, regelmäßige und systematische körperliche Belastung mit dem Ziel, die Gesundheit sowohl somatisch als auch psychosozial zu verbessern, zu erhalten oder wiederherzustellen. Gesundheitsorientierte Sportangebote umfassen Sport zur Primärprävention, zur Rehabilitation und den Behindertensport. Letzterer bezeichnet die sportspezifischen Tätigkeiten von Menschen mit Behinderungen unterschiedlicher Art (43, 44).
Stellenwert der körperlichen Bewegung
Regelmäßige körperliche Aktivität ist eine wirksame Maßnahme zur Primärprävention kardiovaskulärer Erkrankungen. Demgegenüber war der Stellenwert der körperlichen Aktivität im Rahmen der Sekundärprävention umstritten. Der Abbau anderer Risikofaktoren stand und steht im Vordergrund. Da körperliche Inaktivität einen unabhängigen Risikofaktor darstellt und andere Risikofaktoren ungünstig beeinflußt (2, 4, 9, 41), ist regelmäßige körperliche Aktivität inzwischen wichtiger Teilfaktor der Sekundärprävention. Entsprechend beinhalten neuere Studien zur Rehabilitation ausnahmslos körperliches Training als Teil der Interventionsmaßnahmen.
Grundsätzlich lassen sich die Auswirkungen von regelmäßiger körperlicher Aktivität auf den Menschen durch Trainingsstudien sowie durch Quer- und Längsschnittuntersuchungen nachweisen (5a). Dabei ist aus verständlichen Gründen eine Randomisierung nicht immer, eine doppelt blinde Studienanlage überhaupt nicht möglich.
Trainingsstudien
Diese Art von Studien stellen den Ausgangspunkt aller Untersuchungen zur Frage der Auswirkungen körperlichen Trainings dar. Zahlreiche Untersucher konnten in vielen Jahrzehnten zeigen, daß eine große Zahl von biologischen Funktionen durch ein Training günstig beeinflußt werden. Aus der Verbesserung dieser Funktionen wurde auf eine allgemein günstige Wirkung auf Morbidität und Mortalität geschlossen. In tierexperimentellen und humanphysiologischen Studien läßt sich zeigen, daß Training zu sympathischparasympathischen, metabolischen, peripher-muskulären, pulmonalen und kardiovaskulären Anpassungserscheinungen führt (Textkasten Auswirkung körperlichen Trainings).
Nach den aktuellen trainingsphysiologischen Erkenntnissen treten die primären Anpassungserscheinungen in der arbeitenden Muskulatur auf (1). Strukturelle und metabolische Veränderungen laufen auf der zellulären Ebene ab. Durch muskelbioptische Untersuchungen kann gezeigt werden, daß die Muskelfaserzusammensetzung sich ändert: IIb-Fasern wandeln sich vermehrt zu IIa-Fasern um, wodurch die Ausdauerfähigkeit verbessert wird. Zahl und Umfang der Kapillaren und der Mitochondrien sowie der Muskelfaserquerschnittes nehmen zu. Der Muskelstoffwechsel (SDH, NAD, energiereiche Phosphate, Glykogengehalt) wird so verbessert, daß länger dauernde Leistungen besser bewältigt werden können (1). Diese peripher-muskulären Veränderungen stimulieren auch die Abnahme der sympathischen und die Zunahme der parasympathischen Aktivitäten im Sinne einer verbesserten autonomen Funktion. Im weiteren Trainingsverlauf bessern sich pulmonale und kardiale Parameter (Textkasten Auswirkung körperlichen Trainings). Neuere Untersuchungen zeigen, daß Training die Koronarperfusion über eine verbesserte Endothelfunktion mit Abnahme des koronaren Widerstandes steigert (18). Daneben führt Training zu günstigen Auswirkungen auf hämostatische, fibrinolytische, metabolische sowie autonome kardiale Funktionen (Textkasten Auswirkung körperlichen Trainings) (6, 20, 41, 45).
Längsschnittstudien
Für die Anerkennung der Rehabilitation als wirksame Intervention sind Langzeitstudien notwendig, die eine Veränderung von Morbidität und Mortalität sowie Steigerung der Lebensqualität des Herzkranken nachweisen. Hierzu liegen zahlreiche Quer- und Längsschnittstudien vor (15, 23, 29-32, 41). Überzeugende und signifikante Belege konnten aber erst durch Metaanalysen erbracht werden. Nach einer ersten Analyse von May (23) wurden zwei weitere Metaanalysen vorgelegt, die positive Ergebnisse für die Rehabilitation und auch für das körperliche Training brachten (30, 31).
Metaanalysen
Die Ergebnisse aus zehn Studien (31) sind in der Grafik 1 dargestellt. Nach einer mittleren Beobachtungsdauer von 42 Monaten weisen die Patienten mit einer Rehabilitation eine Verminderung der Mortalität um 24 Prozent auf, die kardiovaskulären Todesfälle gingen um 25 Prozent zurück. Die Häufigkeit nichttödlicher Reinfarkte blieb gleich. Ein relativ früher Einschluß nach dem akuten Ereignis in das Rehabilitationsprogramm verbesserte die Ergebnisse, die Art der Rehabilitation (zusätzliches körperliches Training) und die Dauer der Rehabilitation beeinflußten die Ergebnisse günstig.
In einer weiteren Analyse von 22 Studien, die alle ein körperliches Training beinhalten, konnten O’Connor et al. diese Ergebnisse bestätigen (30). Sie untersuchten getrennt den Effekt des körperlichen Trainings im Rahmen der Rehabilitation. Bei alleinigem körperlichen Training konnte die Gesamtmortalität nach ein, zwei beziehungsweise drei Jahren um jeweils sieben Prozent, 23 Prozent beziehungsweise 19 Prozent gesenkt werden, die kardiovaskuläre Mortalität nahm in diesem Zeitraum um zwei Prozent, 19 Prozent beziehungsweise 15 Prozent ab. Der tödliche Herzinfarkt verminderte sich in diesen Studien um 30 Prozent, 23 Prozent beziehungsweise 27 Prozent, jedoch fand sich keine Änderung für den plötzlichen Herztod und den nichttödlichen Reinfarkt. Allerdings war die Zahl der Studien nur mit körperlichem Training relativ klein. Die Ergebnisse für Training und Rehabilitation (Risikofaktorenminderung) ergaben gleich gerichtete Ergebnisse mit etwas höheren Prozentzahlen (Grafik 2), wobei wiederum der nichttödliche Reinfarkt unverändert blieb.
Einwände gegen die dargestellten Metaanalysen sind vielfältig wie generell gegen Metaanalysen selber. In beiden Analysen war die Randomisierung nicht einheitlich (ein bis drei Jahre nach dem Infarkt), die Daten insgesamt waren heterogen, die Interventionen gemischt, es gab "Aussteiger" und "Einsteiger" in die Programme. Weiterhin ist auch anzunehmen, daß positiv motivierte Patienten eher mitmachten, weniger motivierte sich seltener beteiligten. Die Letzteren aber hätten das Ergebnis möglicherweise deutlicher beeinflußt. Offen blieb bis dahin (1989) auch die Stärke der Assoziation im Sinne einer Dosis-Wirkung-Beziehung, die Frage der Konsistenz und schließlich die der Plausibilität. !
Neuere Untersuchungen
Untersuchungen der Jahre 1990 bis 1996 haben entscheidende neue Informationen erbracht. Bewegung in die Rehabilitationsforschung brachte die Studie von Ornish et al. (33). Diese Autoren erbrachten den Nachweis, daß durch Umstellung des Lebensstils, also durch eine umfassende Rehabilitation mit einem umfangreichen Trainingsprogramm, aber ohne medikamentösen Lipidsenker, eine Regression der Koronararterienerkrankung möglich ist. Die kleine Teilnehmerzahl dieser Studie (n = 28) begrenzte den Aussagewert. Alle weiteren neueren Studien weisen einen gemischten Ansatz auf: Die Intervention umfaßte die Reduzierung von Risikofaktoren und den Einsatz von regelmäßigem körperlichen Training. In keinem Projekt wurde auf das körperliche Training verzichtet. Alle neueren Untersuchungen beinhalten koronarangiographische Kontrollen. Bei allen nahm in den Interventionsgruppen (Training) die körperliche Leistungsfähigkeit zu. Alle Probanden erhielten ferner eine Diät zur Lipidsenkung, jedoch keine spezifischen Medikamente. Eine Beeinflussung der Risikofaktoren wurde gleichzeitig, meist mit Erfolg, versucht (10, 11, 28, 33, 39).
Schuler et al. berichteten in zwei Studien über kleine Gruppen von Patienten (n = 18), bei denen die Rehabilitation in 39 Prozent beziehungsweise 32 Prozent zu einer Regression der Koronararterienerkrankung führte (38, 39) (Tabelle 1). Alle weiteren koronarangiographisch kontrollierten Rehabilitationsstudien zeigen bei den Patienten mit normaler Therapie ("usual care") signifikant schlechtere Ergebnisse, also meist eine deutliche Progression der koronaren Herzkrankheit. Faßt man die Befunde von vier aktuellen Studien zusammen (10, 11, 33, 39), dann nehmen die Koronarstenosen in den Interventionsgruppen (Training plus Diät) um 1,17 Prozent ab, während sie in den Kontrollgruppen um 3,5 Prozent zunehmen. Diese Änderungen finden sich auch bei Betrachtung der Absolutwerte (minimale Gefäßdurchmesser). Tabelle 1 zeigt den Anteil der Patienten aus dem Gesamtkollektiv mit Regression oder Progression der Koronarstenosen beziehungsweise gleichbleibendem Befund. Es zeigt sich, daß in den Interventionsgruppen mehr Patienten mit Regression und weniger mit Progression sind.
Diesen Befunden entsprechen Beobachtungen von Ciampricotti (5), wonach Patienten mit akutem Koronarsyndrom (instabile Angina pectoris, Infarkt, überlebter Herzstillstand) eine geringere Ausprägung der Gefäßstenosen hatten, wenn sie ausdauertrainiert waren (5). Für die Rehabilitation ist weiter bedeutsam, daß die beschriebenen Befunde bei Männern und Frauen gleich sind.
Ältere Patienten und Training
Auch bei älteren Patienten sind Rehabilitationsmaßnahmen einschließlich des körperlichen Trainings wirksam (1, 19). Dies ist um so bedeutsamer, da ältere Menschen noch eher von der Rehabilitation ausgeschlossen werden. Gerade ältere Menschen profitieren aber besonders von Training und Rehabilitation, da so ihre Selbständigkeit länger und besser erhalten bleibt.
Trainingsintensität
Allgemein gilt für den Trainingsumfang im Rahmen der Rehabilitation, daß mindestens dreimal wöchentlich über 30 Minuten trainiert werden sollte (Textkasten Empfehlungen zum Trainingsumfang). Erst bei ausreichend hoher Trainingsintensität in der Woche ist mit einer Regression von Koronarstenosen zu rechnen (beispielsweise Energieumsatz über 2 200 Kcal) (28, 38-40). Das Optimum liegt bei einem Training von drei Stunden pro Woche mit 50 bis 60 Prozent der maximalen Sauerstoffaufnahme (4).
Herzgruppen als Therapiemaßnahme
Körperliches Training als wirksame Maßnahme der Sekundärprävention zeigt sich in besonderer Weise an der hohen Akzeptanz von Herzgruppen als der dritten Stufe der Rehabilitation. Dieser Erfolg der über 3 000 Herzgruppen in Deutschland hat viele Gründe (44). Das regelmäßige Training oder die körperlicher Aktivität ist nur ein Faktor. Wichtig erscheinen die psychologisch-soziologischen Aspekte. Das Erleben, daß man nach einem Infarkt sich wieder körperlich betätigen kann, die verbesserte Lebensqualität, die Möglichkeit zum Gespräch mit anderen Betroffenen, mit Übungsleitern und Ärzten im Trainingsanzug (!) stellen wichtige ergänzende Maßnahmen dar. Der Abbau von Risikofaktoren in der Gruppe ist meist effektiver als im Alleingang. Allerdings ist aus trainingsphysiologischer Sicht eine einmalige Trainingseinheit pro Woche für einen Trainingseffekt zu wenig. Heimtraining, gegebenenfalls mit telefonischer EKG-Überwachung (22), ist zusätzlich notwendig. Ferner bedarf es der regelmäßigen körperlichen Betätigung im täglichen Leben. Bewegung als Lebensstil: Treppensteigen statt Aufzug, "Walking" zum Briefkasten statt Auto, Wandern statt Busreisen.
Nebenwirkungen und Risiken des körperlichen Trainings
Wie bei einem Medikament, so gibt es auch bei körperlichem Training Risiken und Nebenwirkungen. Das Risiko des plötzlichen Todes oder des Reinfarktes ist im Rahmen der Rehabilitation in Herzgruppen gering. Eine aktuelle Zusammenfassung der Zwischenfälle bei über 3 000 Teilnehmern mit rund 860 000 Teilnehmerstunden ergab 32 Zwischenfälle, davon 5 mit letalem Ausgang (Tabelle 2) (4, 17). Statistiken aus der angloamerikanischen Literatur zeigen aber, daß das Risiko bei Personen mit bekannter Herzkrankheit im Vergleich zu gesunden Personen erhöht ist (7, 8). Ein plötzlicher Herztod wird in 0,13 bis 0,61 Stunden auf 100 000 Trainingsstunden beobachtet (17, 20), bei Gesunden schwankt das Risiko zwischen 0 und 2/100 000 Stunden. Mittelwerte von elf Studien ergeben ein Risiko von einem Tod auf rund 60 000 Trainingsstunden (7). Da diese Zahlen Beobachtungsstudien entsprechen und nicht prospektiv angelegt waren, sind sie nur zurückhaltend zu interpretieren. Bei ärztlich überwachtem Training ist das Risiko deutlich geringer.
Das Risiko des überwachten körperlichen Trainings bei Herzkrankheiten ist vertretbar klein, der Nutzen überwiegt in jedem Fall das Risiko (3, 7, 8, 17). Zu erwähnen bleibt, daß auch das tägliche Leben außerhalb des Trainings oder der Herzgruppen sein Risiko hat und mit plötzlichen Zwischenfällen verbunden ist (4, 21, 41). Dieses Risiko kann keinem Patienten genommen werden. Sorgfältige Voruntersuchungen mit qualifiziertem Belastungs-EKG mindern die Risiken, schalten sie aber nicht aus. Durch eine sorgfältige Risikoabschätzung vor dem Training können Patienten mit erhöhter Gefährdung eher erkannt werden.
Von Bedeutung sind auch "Nebenwirkungen" durch Verletzungen (Tabelle 3). Den traumatologischen Problemen kann durch entsprechende Maßnahmen vorgebeugt werden: Konsequentes Aufwärmen, Dehnungsübungen und dosiertes Krafttraining. Verletzungsträchtige Spiele am Ende einer Übungsstunde sollten vom Übungsleiter mit geringer Intensität und vom Patienten mit reduziertem Ehrgeiz durchgeführt werden.
Inzwischen liegen auch Studien vor, wonach ein dosiertes Krafttraining auch bei Herzpatienten sicher durchgeführt werden kann. Dieses hat zudem den großen Nutzen, daß Stolpern, Hinfallen und nachfolgende Frakturen reduziert werden können. Dies ist gerade in höherem Alter von großer Bedeutung (42). Die Gefährdung durch körperliches Training kann somit vermindert werden, wenn das Training mit niedriger Intensität begonnen und langsam gesteigert wird, durch eine Überwachung in den ersten zwölf Trainingsstunden sowie durch Training und Übung aller motorischen Beanspruchungsformen. !
Bemerkenswert sind Augenverletzungen im Rahmen des Trainings. Hier ist die sportophthalmologische Beratung wichtig (Sportbrille, Kontaktlinsen). (Auskunft: Berufsverband der Augenärzte Deutschlands, Dr. Dieter Schnell, Kreiskrankenhaus, 51545 Waldbröl).
Kostenaspekte
Der hohe Stellenwert des körperlichen Trainings im Rahmen der Sekundärprävention wird auch von den Kostenträgern gesehen und entsprechend bewertet. Die Förderung des Rehabilitationssports wurde in einer Gesamtvereinbarung der Kostenträger unter Beteiligung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung einheitlich geregelt. Die Kostenübernahme erfolgt nach Verordnung durch den behandelnden Arzt, wiederholte Verordnungen sind möglich (44).
Der positive Einfluß sekundärpräventiver Maßnahmen auf Morbidität, Lebensqualität und nicht zuletzt auf die berufliche Wiedereingliederung ist auch von volkswirtschaftlicher Bedeutung. Eine künftige Erweiterung der Trainingsangebote im Rahmen der Sekundärprävention - sowohl bei chronischen Herzkrankheiten als auch bei Erkrankungen anderer Organe - ist wünschenswert. Hierbei sollten auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten die Möglichkeiten ambulanter Rehabilitationsmaßnahmen berücksichtigt werden. Neuere Untersuchungen weisen darauf hin, daß für bestimmte Personen mit kardialen Erkrankungen eine qualifizierte ambulante Rehabilitation vergleichbare Ergebnisse erzielt wie die stationäre Anschlußheilbehandlung.
Es muß darüber hinaus betont werden, daß die eigentliche Rehabilitation schon im Akutkrankenhaus ("Frührehabilitation") beginnen, in der Rehabilitation der Phase II (stationär oder ambulant) intensiviert und in den Herzgruppen (Phase III) fortgesetzt werden sollte.
Fazit
Körperliches Training ist heute ein unverzichtbarer Bestandteil der Sekundärprävention der koronaren Herzkrankheit wie auch anderer Herzkrankheiten. Gäbe es ein Medikament, welches die Wirkungen des körperlichen Trainings hätte (s. o.), jedermann würde wohl diese Wundertablette regelmäßig einnehmen (Hollmann, persönliche Mitteilung). Es bleibt zu hoffen, daß diesem Teil der Sekundärprävention in Zukunft größere Bedeutung zukommt. In weiteren prospektiven, möglichst auch randomisierten Studien an größeren Kollektiven sollte der Stellenwert weiter abgesichert werden. In jedem Fall ist regelmäßige körperliche Aktivität heute der entscheidende Teil der umfassenden Rehabilitation.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1998; 95: A-1531-1538
[Heft 24]
Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das über den Sonderdruck beim Verfasser und über die Internetseiten (unter http://www.aerzteblatt.de) erhältlich ist.


Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Herbert Löllgen
Medizinische Klinik I
Kardiologie - Pneumologie
Klinikum Remscheid GmbH
Burger Straße 211
42859 Remscheid
1.Ades PA, Waldmann ML, Meyer WL et al.: Skeletal muscle and cardiovascular adaptations to exercise conditioning in older coronary patients. Circulation 1996; 94: 323-330.
2.AHA Medical/Scientific Statement (Fletcher G Ed.): Exercise standards: a statement for health professionals from the American Heart Association. Circulation 1995; 91: 580-615.
3.Bartels R, Menges M, Thimme W: Der Einfluß von körperlicher Aktivität auf die Inzidenz des plötzlichen Herztodes. Med Klinik 1997; 92: 319-325.
4.Bouchard C, Shephard RJ, Stephens T (Ed.): Physical activity, fitness, and health. Human Kinetics Champaign II, 1994.
5.Ciampricotti R, Deckers JW, Taverne R, El Gamal M, Relik-van Wely L, Pool J: Characteristics of conditioned and sedentary men with acute Coronary syndromes. Am J Cardiol 1994; 73: 219-222. 5a Dickhuth HH, Löllgen H: Trainingsberatung für Sporttreibende. Dt Ärztebl 1996; 93-A-1192-1198 [Heft 18].
6.Drexler, H: Bewegungstherapie bei chronischer Herzinsuffizienz. Dtsch Zschr Sportmed 1992; 43: 587-594.
7.Fletcher GF, Froelicher VF, Hartley H, Haskell WL, Pollock ML: Exercise Standards. Circulation 1990; 82: 2286-2322.
8.Fletcher G (ed): Statement on Exercise. Circulation 1996; 94: 857-862.
9.FIMS (Féderation Internationale de Médicins Sportifs): Wissenschaftskommission Körperliche Belastung - Ein wichtiger Faktor für die Gesundheit. Dtsch Z Sportmed 1989; 40: 376-377.
10.Hambrecht R, Niebauer J, Marburger C et al.: Various intensities of leisure time physical activities in patients with coronary artery disease: Effects on cardiorespiratory fitness and progression of coronary atherosclerotic lesions. J Am Coll Cardiol 1993; 22: 468-477.
11.Haskell WL, Alderman EL, Fair JM et al.: Effects of intensive multiple risk factor reduction on coronary atherosclerosis and clinical cardiac events in men and women with coronary artery disease. Circulation 1994; 89: 975-990.
12.Heitkamp HC, Röcker K, Horstmann T, Dickhuth HH: Sport und Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Internist 1992; 33: 130-135.
13.Hollmann W: Definitionen und Grundlagen zur Trainingslehre. Dtsch Z Sportmed 1993; 44: 383-389.
14.Hornig B, Maier V, Drexler H: Physical training improves endothelial function in patients with heart failure. Circulation 1996; 93: 210-214.
15.König W: Bewegungsmangel als kardiovaskulärer Risikofaktor - Bedeutung in der Primär- und Sekundärprävention. Herz/Kreisl 1992; 24: 147-150.
16.Koplan JP, Powell KE, Sikes RK, Shiley RW, Campbell CC: An epidemiologic study on the benefits and risks of running. J Am Med Ass 1982; 17: 3118-3121.
17.Laubinger G, Krasemann EO: Zwischenfälle in den Hamburger Herzgruppen 1983-1993. Münch med Wschr 1995; 137: 301-304.
18.Laughlin MH: Effects of exercise training on coronary circulation. Med Sci Sports Exerc 1994; 26: 1226-1229.
19.Lavie CJ, Milani RV, Littman AB: Benefits of cardiac rehabilitation and exercise training in secondary coronary prevention in the elderly. J Am Coll Cardiol 1993; 22: 678-683.
20.Löllgen H, Dirschedl P: Die kardiovaskuläre Gefährdung im Breitensport. Dtsch Z Sportmed 1989; 40: 212-221.
21.Löllgen H, Winter UJ, Erdmann E (Hrsg): Ergometrie: Belastungsuntersuchungen in Klinik und Praxis. Heidelberg: Springer, 1995.
22.Löllgen H, Steinberg T, Fahrenkrog U: Telefonische EKG-Übertragung. Eine alte Methode mit neuen Möglichkeiten. Münch med Wschr 1996; 138: 473-477.
23.May GS, Eberlein KA, Furberg CD, Passamani ER, Demets DL: Secondary prevention after myocardial infarction: a review of long-term trials. Progr cardiovasc dis 1982; 24: 331-352.
24.Malloy MJ: Effects of exercise on coronary atherosclerotic lesions. J Am coll Cardiol 1993; 22: 478-479.
25.Maron BJ, Mitchell JH (eds): 26th Bethesda Conference: Recommendations for determining eligibility for competition in athletes with cardiovascular abnormalities. J Am Coll Cardiol 1994; 24: 845-899.
26.McKelvie RS, Teo KK, McCartney N, Humen D, Montague T, Yusuf S: Effects of exercise training in patients with congestive heart failure: A critical review. J Am Coll Cardiol 1995; 25: 789-796.
27.Morris CK, Froelicher VF: Cardiovascular benefits of physical activity. Herz 1991; 16: 222-236.
28.Niebauer J, Hambrecht R, Velich T et al.: Predictive value of lipid profile for salutary coronary angiographic changes in patients on a low-fat diet and physical exercise program. Am J Cardiol 1996; 78: 163-167.
29.Oberman A, Fletcher GF, Lee J et al.: Efficacy of high-intensity exercise training on left ventricular ejection fraction in men with coronary artery disease. Am J Cardiol 1995; 76: 643-647.
30.O'Connor GT, Buring JE, Yusuf S et al.: An overview of randomized trials of rehabilitation with exercise after myocardial infarction. Circulation 1989; 80: 234-244.
31.Oldrige NB, Guyatt GH, Fisher ME, Rimm AA: Cardiac rehabilition after myocardial infarction. Combined experience of randomized clinical trials. JAMA 1988; 260: 945-950.
32.Oldrige NB, Furlong W, Feeny D et al.: Economic evaluation of cardiac rehabilitation soon after acute myocardial infarction. Am J Cardiol 1993; 72: 154-161.
33.Ornish D, Brown SE, Scherwitz LW et al.: Can lifestyle changes reverse coronary heart disease? Lancet 1990; 336: 129-133.
34.Paffenbarger RS, Hyde RT, Wing AL, Lee IM, Jung DL, Kampert JB: The association of changes in physical activity level and other lifestyle characteristics with mortality among men. New Engl J Med 1993; 328: 538-545.
35.Pollack W: Orthopädische Probleme. In: Unverdorben M, Brusis OA (Hrsg): Kardiologische Prävention und Rehabilitation. Köln: Deutscher Ärzte-Verlag, 1995; 152-154.
36.Precor Group: Comparison of a rehabilitation programme, a counselling programme, and usual care after an acute myocardial infarction: results of a long-term randomization trial. Europ Heart J 1991; 21: 612-616.
37.Röcker L: Einfluß körperlicher Leistungen auf das Hämostasesystem. Dtsch med Wschr 1993; 118: 384-354.
38.Schuler G, Hambrecht R, Schlierf J et al.: Beeinflussung von Risikofaktoren durch körperliches Training und fettarme Ernährung. Herz 1991; 16: 273-242.
39.Schuler G, Hambrecht R, Schlierf G et al.: Regular physical exercise and low-fat diet. Effects on progression of coronary artery disease. Circulation 1992; 86: 1-11.
40.Schuler G, Hambrecht R, Schlierf G et al.: Myocardial perfusion and regression of coronary artery disease in patients on a regimen of intensive physical exercise and low fat diet. J Am Coll Cardiol 1992; 19: 34-42.
41.Shephard RJ, Astrand PO: Ausdauer im Sport. Köln: Deutscher Ärzte-Verlag, 1993 (Reihe Sportmedizin, IOC mit FIMS, Bd 2).
42.Tinetti ME, Baker DI, McAvay G et al.: A multifactorial intervention to reduce the risk of falling among eldery people living in the community. N Engl J Med 1994; 331: 821-827.
43.Traenckner K, Berg A, Jüngst BK, Halhuber M, Rost R (Hrsg): Prävention und Rehabilitation im Kindes- und Jugendalter. Stuttgart: Wiss Verlagsges, 1997.
44.Unverdorben M, Brusis OA (Hrsg): Kardiologische Prävention und Rehabilitation. Köln: Deutscher Ärzte-Verlag, 1995.
45.Wang J, Jen C, Kung H, Lin L, Hsiue T, Chen H: Different effects of strenous exercise and moderate exercise on platelet function in man. Circulation 1994; 90: 2877-2885.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote