ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2011Gesundheitswesen in Vietnam: Fortschritt durch Austausch

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Gesundheitswesen in Vietnam: Fortschritt durch Austausch

Nguyen, Si Huyen

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Die älteste und größte der drei medizinischen Universitäten in Ho-Chi-Minh-Stadt ist die Universität für Medizin und Pharmazie. Foto: Flickr
Die älteste und größte der drei medizinischen Universitäten in Ho-Chi-Minh-Stadt ist die Universität für Medizin und Pharmazie. Foto: Flickr

Die Partnerschaft zwischen deutschen und vietnamesischen Kliniken soll dazu beitragen, die kardiologische Versorgung und medizinische Ausbildung in Vietnam zu verbessern. Ein Erfahrungsbericht

Das Jahr 2010 war in Deutschland als „Vietnam-Jahr“ und in Vietnam als „Deutschland-Jahr“ hervorgehoben. Der Deutsch-Vietnamesische Förderkreis für Kardiologie e. V. hat dieses Ereignis zum Anlass genommen, gemeinsam mit der Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und deren Partneruniversität Pham Ngoc Thach University of Medicine in Ho-Chi-Minh-Stadt sowie in Zusammenarbeit mit der Universität für Medizin und Pharmazie in Hue und dem Nationalen Herzinstitut in Hanoi sowie mit der Vietnamesischen Kardiologischen Gesellschaft eine Reihe von Fortbildungsveranstaltungen durchzuführen.

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Dabei hat die deutsche Delegation gemeinsam mit vietnamesischen Kardiologen und Herzchirurgen sowohl praxisorientierte Anwenderseminare über kardiovaskuläre Untersuchungstechniken als auch schwierige interventionelle und herzchirurgische Eingriffe durchgeführt. Von dieser Zusammenarbeit in Theorie und Praxis profitieren beide Seiten. So können die deutschen Ärzte Krankheitsbilder anhand unmittelbarer Therapieplanung bei Patienten diskutieren, wie zum Beispiel komplexe angeborene Herzfehler oder rheumatische Mitralstenosen, die aufgrund der noch nicht optimalen hygienischen Bedingungen und der eingeschränkten medizinischen Versorgung vor allem in ländlichen Gegenden in Vietnam weitaus verbreiteter sind als in Europa.

So wurde während des Arbeitsbesuchs des deutschen Ärzteteams eine junge schwangere Patientin mit einer hochgradigen Mitralklappenstenose mit Lungenödem aufgenommen. Nach Akutbehandlung und der notfallmäßig durchgeführten Mitralvalvuloplastie war die Patientin circa 15 Minuten später wieder beschwerdefrei und konnte noch am selben Tag mobilisiert werden. Solche Situationen gehören für die vietnamesischen Kollegen zum Alltag. Ein weiterer Patient musste wegen eines akuten Koronarsyndroms notfallmäßig koronarangiographiert werden. Man fand eine circa 80-prozentige Stenose im proximalen RCX-Bereich. Der Patient wurde auf dem Kathetertisch gefragt, ob er finanziell in der Lage sei, für einen Stent zu bezahlen. Ist er das nicht und eine Intervention – anders als im vorliegenden Fall – nicht aus vitalen Gründen zwingend indiziert, müssen notwendige und sinnvolle elektive Eingriffe unterbleiben.

Es ist nicht leicht, die Organisations- und Vergütungsstrukturen des vietnamesischen Gesundheitswesens zu verstehen. Vieles ist im Fluss. Es gibt staatliche und private Kran­ken­ver­siche­rungen, letztere jedoch mit Einschränkungen, so dass die Versicherten vieles komplett selbst bezahlen oder aber einen erheblichen Eigenanteil übernehmen müssen. Ausgenommen sind speziell in Ho-Chi-Minh-Stadt Kinder unter sechs Jahren, Beamte, Offiziere der Armee, Kriegsbeschädigte oder sogenannte Volkshelden. Deren Gesundheitskosten übernehmen entweder der Staat oder die Stadt.

Ein Problem sind auch die intransparenten staatlich festgelegten Gebühren für Diagnostik und Therapie in den kommunalen Krankenhäusern. In der Konsequenz führt dies dazu, dass einerseits alternative Einnahmemöglichkeiten erschlossen werden, andererseits aufgrund mangelnder Einnahmen kaum Investitionen möglich sind. Die kommunalen Krankenhäuser in Ho-Chi-Minh-Stadt sind dennoch hoffnungslos mit Patienten auch aus den umliegenden Provinzen überfüllt. Es ist keine Seltenheit, dass sich zwei Patienten ein Krankenbett teilen. Im Kontrast hierzu prosperieren die privaten Kliniken, die trotz der wesentlich höheren Kosten wegen der finanziellen Überschaubarkeit und der in der Regel besseren pflegerischen Bedingungen zunehmend in Anspruch genommen werden.

In Ho-Chi-Minh-Stadt leben nach offiziellen Angaben circa acht Millionen Menschen, tatsächlich dürften es jedoch gut zehn Millionen sein. Die Stadt verfügt über acht Kliniken, die mit Herzkathetermessplätzen ausgestattet sind, davon fünf mit kompletter herzchirurgischer Versorgung. An erster Stelle der Operationsindikationen stehen hier angeborene Herzfehler. Allerdings nimmt die Koronarchirurgie deutlich zu. Angesichts der steigenden Inzidenz der koronaren Herzerkrankungen vor allem in den Städten – verlässliche Daten gibt es nicht – und etwa 8 000 Patienten mit angeborenen Herzfehlern, die nach einer Schätzung der städtischen Gesundheitsbehörde auf eine Operation warten, sind die Kapazitäten jedoch völlig unzureichend. Zwar wurden in Ho-Chi-Minh-Stadt in den letzten zehn Jahren zahlreiche Kliniken neu gebaut, vor allem Privatkliniken, oder bestehende Krankenhäuser modernisiert – es fehlen aber für die Versorgung herzkranker Patienten ausgebildete Fachärzte und Pflegekräfte.

Ein entscheidendes Problemfeld liegt vor allem in der klinischen Ausbildung von Medizinstudenten an den vietnamesischen Universitäten. Das uneinheitlich organisierte Studium mit einem kurzen, in den Instituten jedoch sehr gut strukturierten, theoretischen Anfangsteil und anschließender praktischer Tätigkeit in qualitativ und quantitativ sehr verschieden ausgestatteten Lehrkrankenhäusern führt zu einem sehr unterschiedlichen Ausbildungsstand der Studienabsolventen. Die Probleme in der Lehre werden verstärkt durch den Mangel an akademischem Nachwuchs. Die meisten Absolventen entscheiden sich aus finanziellen Gründen für eine klinische Tätigkeit an einer der vielen Privatkliniken, anstatt mit einem mageren Gehalt an der Universität zu bleiben und sich wissenschaftlichen Projekten zu widmen. Universitätskliniken, an denen wie in Deutschland klinisches und wissenschaftliches Arbeiten möglich ist, gibt es in Vietnam nicht.

Ho-Chi-Minh-Stadt verfügt über drei medizinische Universitäten. Die älteste und größte ist die Universität für Medizin und Pharmazie, an der jährlich circa 450 Mediziner ausgebildet werden. Sie besteht seit 1947 und untersteht dem Ministerium für Gesundheit. Die zweitgrößte Einrichtung ist die städtische Pham Ngoc Thach University of Medicine. Sie wurde 1989 gegründet und bildete bislang 120 Absolventen pro Jahr aus. Im Jahr 2010 wurden dort erstmals 400 Medizinstudierende neu aufgenommen. Die dritte Ausbildungsstätte ist die Fakultät der nationalen Universität von Ho-ChiMinh-Stadt. Dort nahmen im September 2010 die ersten 75 Studenten ihr in der Regel sechs Jahre dauerndes Studium auf. Die meisten Studenten absolvieren ihre praktische Ausbildung in den großen kommunalen Krankenhäusern der Stadt, die zwar wie akademische Lehrkrankenhäuser in Deutschland fungieren, aber bei weitem nicht deren Standards bieten.

Die zuständigen Ministerien in Hanoi, das Ministerium für Bildung und Erziehung und das Ge­sund­heits­mi­nis­terium, haben eine Reihe von Reformen initiiert. Zu den Zielen gehört es, für jede Universität ein eigenes Universitätsklinikum zu schaffen und verstärkt mit ausländischen Universitäten zu kooperieren. Als Folge einer solchen Kooperation werden die Studierenden der Pham Ngoc Thach University of Medicine künftig nach dem Curriculum der Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz ausgebildet werden. Das haben beide Universitäten im Dezember 2010 vereinbart. Die Universitätsmedizin Mainz bildet bereits seit Oktober 2010 Lehrkräfte aus Ho-Chi-Minh-Stadt in Mainz zur fachlichen und organisatorischen Qualifikation für Aufgaben im Rahmen der praxisorientierten („progressive medical education“) Medizinerausbildung fort.

In Hue in Zentralvietnam studieren zurzeit 4 500 Studenten Medizin. Die dortige medizinische Universität gehört neben Hanoi im Norden und Ho-Chi-Minh-Stadt im Süden zu den drei größten medizinischen Universitäten in Vietnam, wobei ihre Geschichte maßgeblich von der Aufbauarbeit durch deutsche Mediziner Ende der 1960er Jahre geprägt wurde. Die Zusammenarbeit mit dem Deutsch-Vietnamesischen Förderkreis für Kardiologie begann 1997 mit Kursen für Echokardiographie, TEE und Stressechokardiographie sowie wissenschaftlichen Symposien. Der Förderkreis spendete außerdem Geräte und unterstützte den Aufbau des Herzkatheterlabors in Hue. Da die Patienten in dieser Region über besonders geringe finanzielle Mittel verfügen, wurden auf deutscher Seite Kathetermaterialien für Hue gesammelt.

In Hanoi fiel der Arbeitsbesuch 2010 in eine Zeit des Umbruchs, in der das Herzinstitut von Grund auf renoviert und zum Teil neu gebaut wurde. Das nationale Herzinstitut verfügt derzeit über 220 Betten. Die Auslastung liegt bei 160 Prozent. In Hochzeiten müssen sich bis zu vier Patienten ein Bett teilen. Dazu werden täglich circa 200 Patienten in der Ambulanz versorgt. Die Zahl der Herzkatheteruntersuchungen liegt bei circa 6 000 pro Jahr.

Vietnam hat sich in den vergangenen Jahrzehnten wirtschaftlich gut entwickelt. Vom Aufschwung hat das Gesundheitswesen allerdings nicht entsprechend profitiert. Der Deutsch-Vietnamesische Förderkreis für Kardiologie wird sich deshalb auch weiterhin für die Förderung der Aus- und Fortbildung von Medizinern in Vietnam einsetzen.

Anschrift für die Verfasser
Ass. Prof. Dr. Si Huyen Nguyen
Helios St. Marienberg Klinik
Conringstraße 26, 38350 Helmstedt

Koautoren: Prof. Dr. Rolf Engberding, Wolfsburg

Prof. Dr. Georg Dieter Kneissl, Mainz

Univ.-Prof. Dr. Dr. Reinhard Urban, Mainz

Die Kooperation zwischen der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und der Pham Ngoc Thach University Ho-Chi-Minh-Stadt wird gefördert von der Adolf-Messer-Stiftung, Königstein/Taunus.

Der Förderkreis

Der Deutsch-Vietnamesische Förderkreis für Kardiologie e. V. (DVFK) wurde 1997 gegründet und betreibt seit dieser Zeit sowohl in Vietnam als auch in Deutschland regelmäßig Weiter- und Fortbildungsveranstaltungen zu Themen der kardiovaskulären Medizin. Diese Kurse wurden in Vietnam im Jahr 2000 unter der Überschrift „Vietnamese German Heart Days“ institutionalisiert und finden seither jährlich in Ho-Chi-Minh-Stadt statt. Organisiert werden sie in Zusammenarbeit mit der Pham Ngoc Thach University of Medicine, der Vietnamesischen Kardiologischen Gesellschaft und seit zwei Jahren unter Mitwirkung des Wissenschaftlichen Vorstandes der Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Die Kurse dienen einerseits als Plattform für den wissenschaftlichen Austausch, andererseits aber auch der unmittelbaren Krankenversorgung (www.dvfk.eu).

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