ArchivDeutsches Ärzteblatt16/1996Neue Erkenntnisse über Metastasenbildung: Gen für Zellwanderung nachgewiesen

POLITIK: Medizinreport

Neue Erkenntnisse über Metastasenbildung: Gen für Zellwanderung nachgewiesen

Becher, Franziska

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LNSLNS Auf der Suche nach der Bildung von Metastasen haben Krebsforscher in den vergangenen Jahren wichtige Schlüsselmoleküle ausfindig gemacht. Es sind zum einen Adhäsionsmoleküle, welche die Zellen eines Gewebes miteinander verketten, vielen Tumorzellen jedoch abhanden gekommen sind, zum anderen bestimmte Enzyme (Proteasen), die Tumorzellen den Durchbruch durch die Hüllschichten der Geschwulst (Basalmembran und Endothel) ermöglichen. Die eigentliche Wanderung der Zellen steuert jedoch eine dritte Gruppe – die "Motilitätsfaktoren". Alle drei Molekülgruppen sind an wichtigen Um- und Aufbauprozessen im Körper beteiligt, die eine kontrollierte Wanderung von Zellen voraussetzen wie bei der regelmäßigen Erneuerung von Haut und Schleimhäuten, der Regeneration verletzter Organe – vor allem der Leber – und auch der Entwicklung eines Embryos. Gerade zwischen dem Verhalten von embryonalen Zellen und Krebszellen bestehen mehrere Parallelen. Heute spricht vieles dafür, daß an der Entstehung und Entwicklung von Krebs Gene beteiligt sind, die eine wichtige Rolle bei der embryonalen Entwicklung spielen. Dies trifft insbesondere für die Motilitätsfaktoren zu.
Kürzlich konnte Dr. Friedhelm Bladt aus dem Forscherteam um Dr. Carmen Birchmeier-Kohler am MaxDelbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) in Berlin-Buch erstmals ein Gen identifizieren, das in einer bestimmten Phase der Embryonalentwicklung die Wanderung einzelner Muskelzellen auslöst. Dasselbe Gen steht seit längerem in Verdacht, für die Metastasierung von Krebszellen verantwortlich zu sein.


Organentwicklung gerät ins Stocken
Das Forscherteam fand durch Untersuchungen an Mäusen heraus, daß die Wanderung von Vorläufern künftiger Muskelzellen während der Embryonalentwicklung von einem bestimmten Rezeptor abhängt. Dieser sogenannte c-met-Rezeptor bewirkt normalerweise eine Wanderung dieser Zellen in die Beinanlagen des Embryos. Ist dieser c-met-Rezeptor defekt, rühren sich die Vorläuferzellen der Muskeln nicht von der Stelle. Ab der Hälfte der Tragzeit gerät die Organentwicklung der Föten ins Stocken; die Tiere sterben noch vor der Geburt. Diese Beobachtung ist für die Aufklärung der Ursachen der Metastasierung von Krebszellen von Bedeutung: Denn in den Zellen vieler Karzinome sind die Eigenschaften der c-met-Rezeptor-Moleküle verändert. Eine mögliche Erklärung für die Häufigkeit von Karzinomen sehen viele Wissenschaftler darin, daß Epithelzellen – im Vergleich zu anderen Geweben – besonders häufig erneuert werden. Derartige "Ausbesserungsarbeiten" werden maßgeblich von der Substanz mit dem Namen "Scatter-Faktor" gesteuert. Dieser wird von den Nachbarzellen des Epithelgewebes produziert, dem Mesenchym. Mit ihm zusammen bildet der c-met-Rezeptor ein Team: Der Scatter-Faktor ist ein Lockstoff für Zellen, die den c-met-Rezeptor bilden, und löst deren Wanderung aus.
Zwar ist noch unklar, warum die sonst äußerst strikte Regulation des Zusammenspiels zwischen c-metRezeptor und dem Scatter-Faktor bei Krebszellen versagt. Birchmeier-Kohler ist der Ansicht, viele Krebszellen führten "Selbstgespräche", weil bei vielen Karzinomen ein und dieselbe Zelle beide Substanzen bildet. Dieser als "autokriner Loop" bezeichnete Effekt kann dazu führen, daß Zellen ohne jedes äußere Signal zu wandern beginnen. Doch selbst intakte c-met-Rezeptormoleküle können möglicherweise aus Krebszellen gefährliche Vagabunden machen, wenn sie – wie bei Karzinomen – im Übermaß produziert werden. Bei der neu entdeckten Form der Zellbewegungs-Regulation handelt es sich für Birchmeier-Kohler um ein überraschend "simples" Prinzip, an dem lediglich zwei Komponenten beteiligt sind: der Duo-c-met-Rezeptor und der Scatter-Faktor. Die Wissenschaftlerin verweist in diesem Zusammenhang auf die Regulation anderer wesentlicher Körperprozesse; nach ihrer Einschätzung liegt gerade in dieser Einfachheit der Schlüssel zu einer neuen Form der Krebsbehandlung. Franziska Becher

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