ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2012Von schräg unten: Neues Jahr

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Neues Jahr

Dtsch Arztebl 2012; 109(1-2): [88]

Böhmeke, Thomas

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Dr. med. Thomas Böhmeke

Der Kalender ist wieder im Umbruch, das alte Jahr schwindet wie ein intrakoronarer Thrombus nach GPIIb/IIIa-Gabe. Somit ist es an der Zeit, wohlgesetzte Ziele für das kommende zu formulieren, ohne die Ideale des zurückliegenden, das Vermächtnis der Vergangenheit, zu verraten. Daher krame ich nun nach den vergilbten Zetteln, auf denen ich vor vielen Dekaden meine Lebensziele gekrakelt habe und überprüfe diese auf das Geschaffene in der Gegenwart, auf das Erreichte im Hier und Jetzt.

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„Ich wil ein mal ein guter Artz werden“, steht dort. Ist das nicht hinreißend? Ja, schon in jungen Jahren habe ich mich nicht einer korrekten Orthografie hingegeben, sondern strebte nach tieferem Verständnis von Cyclooxigenasen und dem Risiko­struk­tur­aus­gleich. Und wie sieht es heute damit aus? Habe ich meine Vorstellungen realisieren, unserer Gesellschaft und mir diesen hehren Wunsch erfüllen können? Und ob! Denn seit Jahren versorge ich, wie alle meine Kolleginnen und Kollegen, die letzten Wochen des Quartals unsere gesetzlich Krankenversicherten, ohne einen Cent dafür zu bekommen, höchstens bestraft von Regressen und Ausgaben für den Praxisbetrieb. Daher ist es unabdingbar, allen meinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern sowie mir selbst ein großes Lob auszusprechen für die Hin- und Dreingabe an unsere Schutzbefohlenen zum Wohle der Rücklagen der gesetzlichen Krankenkassen.

„Ich wil arme menschen schützen.“ Auch hier kann ich mit beachtenswerten Erfolgen aufwarten. Habe ich doch meine Patienten in den letzten Jahren vor viel Ungemach bewahrt, weil ich hartnäckig nur sattsam bekannte Generika verordnet habe. Die Flut der Rote-Hand-Briefe, die vor schwerwiegenden Störungen neuer Arzneimittel warnten, haben mir mehr als recht gegeben.

„Ich wil immer Freundlich zu alen sein.“ Oje, da sieht es gar nicht gut aus, da besteht dringender Handlungsbedarf. Mit den Pharmareferenten bin ich immer kurzab, meine Fachangestellten müssen mich in den raren Praxispausen anschweigen, und die frechen Neffen habe ich in den letzten zehn Jahren immer nur rausgeworfen. Aber das nächste Jahr gibt mir eine neue Chance zur durchgreifenden Besserung. Die Pharmareferenten werde ich anschweigen, mit den Neffen werde ich künftig kurzab sein, bevor ich sie an die frische Luft setze. Zum Ausgleich dürfen mich meine Angestellten weiter anschweigen, denn zu viele Veränderungen schädigen das Betriebsklima.

„Ich werde immer fleisig sein.“ Auch hier kann ich eine wohltuende Erfüllung meiner Kindheitsträume entdecken. Habe ich doch seit Urzeiten von einem Artikel im Deutschen Ärzteblatt geträumt und muss mich jetzt jede zweite Woche hinsetzen und fleißig schreiben.

„Ich werde alles in demuth akzebtieren, was kommt.“ Ist das nicht wunderbar? In geradezu hellseherischer Weise habe ich, damals ein pickeliger Zehnjähriger, den freien Fall meines Regelleistungsvolumens samt Betriebsanleitung zur psychischen Bewältigung ebendessen vorausgesehen. Soll einer noch einmal sagen, dass sich die Jugend nicht für die Zukunft bereithält.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich wünsche Ihnen einen glücklichen Jahreswechsel sowie die Erfüllung Ihrer Träume, auch wenn die Realität gelegentlich dagegen arbeitet.

Ihr T. Böhmeke

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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