ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2012Private Kran­ken­ver­siche­rung: Hausgemachte Probleme

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Private Kran­ken­ver­siche­rung: Hausgemachte Probleme

Dtsch Arztebl 2012; 109(1-2): A-1 / B-1 / C-1

Flintrop, Jens

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Die Beiträge zur privaten Kran­ken­ver­siche­rung (PKV) dürfen nicht allein deshalb steigen, weil die Versicherten älter werden. Vielmehr soll die alterungsbedingte höhere Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen durch eine Alterungsrückstellung berücksichtigt werden. So steht es im Informationsblatt der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht gemäß § 10 a Abs. 3 Versicherungsaufsichtsgesetz. Das Blatt wird seit 2010 vor Abschluss eines PKV-Vertrages an jeden Interessenten ausgehändigt.

Dennoch sind es wieder einmal vor allem die älteren PKV-Versicherten, deren Prämien zu Jahresbeginn deutlich „angepasst“ wurden – nach oben, versteht sich. Die Älteren sind unter anderem deshalb die Dummen, weil die Unternehmen immer wieder Tarife schließen, die sie vor längerer Zeit aufgelegt haben. Junge, gesunde Neukunden werden hier also gar nicht mehr aufgenommen. Diese Klientel locken die Versicherer lieber in neue Billigtarife. Angesprochen sind dabei besonders junge Selbstständige. Dadurch vergreisen aber die alten Tarife. Und offensichtlich reichen die Alterungsrückstellungen nicht aus, um die Tarifsteigerungen moderat zu halten, wenn die jungen Gesunden fehlen. Das Versprechen bei Vertragsabschluss wird zur Makulatur.

Vor diesem Hintergrund ist es eine gute Nachricht, dass die beiden großen Anbieter DKV und Central angekündigt haben, keine billigen Einsteigertarife mehr anzubieten. Ausschlaggebend hierfür ist aber wohl nicht das schlechte Gewissen gegenüber den Bestandskunden. Vielmehr rechnet sich das Geschäft mit den Billigtarifen nicht: Einerseits sind die Tarife zu knapp kalkuliert (selbst ein abgespeckter Kran­ken­ver­siche­rungsschutz ist für unter 100 Euro monatlich einfach nicht darstellbar), anderseits zahlen viele Kunden ihre Beiträge nicht (was bei der Zielgruppe nicht wirklich verwundert). Säumigen Zahlern darf aber seit 2007 nicht mehr gekündigt werden. Ende Juni gab es 142 800 Nichtzahler in der PKV. Andere Versicherer haben die Neugeschäftsbeiträge in den unterklassigen Tarifen zu Jahresbeginn um bis zu 20 Prozent erhöht.

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Hausgemacht ist auch das Problem der Provisionen. Bis zu 18 Monatsbeiträge überweisen die Krankenversicherer an externe Makler, wenn diese ihnen einen Neukunden in der Vollversicherung vermitteln. Die Abschlussaufwendungen in der PKV summierten sich 2010 auf 2,65 Milliarden Euro. Die Ausgaben für ambulante ärztliche Leistungen waren mit 5,24 Milliarden Euro gerade einmal doppelt so hoch. Dass der Gesetzgeber die Obergrenze für Abschlussprovisionen zum 1. April auf neun Monatsprämien begrenzt, ist deshalb die zweite gute Nachricht für PKV-Versicherte. Auch kann sich der Makler künftig erst nach fünf Jahren sicher sein, die volle Provision zu erhalten. Kündigt der Versicherte früher, muss er Geld zurückzahlen. Klienten nach kurzer Zeit erneut zum Anbieterwechsel zu drängen, wird dadurch unattraktiv. Bislang beträgt die Stornohaftung bei den meisten Versicherern zwei Jahre.

Jens Flintrop, Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik
Jens Flintrop, Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik
Lockangebote und Provisionsexzesse – es sind dem Konkurrenzdruck geschuldete Strategien, die die deftigen Prämiensteigerungen der vergangenen Jahre mitverursacht haben und die nun korrigiert werden. Der Vorwurf des PKV-Verbandes, wonach vor allem die Ärzte die Ausgaben in die Höhe getrieben hätten (weil sie Mindereinnahmen in der gesetzlichen über nicht gerechtfertigte Mehreinnahmen in der privaten Kran­ken­ver­siche­rung kompensieren wollten), wird so ein Stück weit entkräftet.

Jens Flintrop
Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik

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Rainer Smieskol
am Samstag, 7. Januar 2012, 22:29

Hausgemachte Probleme

Private Kran­ken­ver­siche­rung: Hausgemachte Probleme

Sehr geehrter Herr Flintrop,

als Privatversicherter und dies seit 1967 bin ich bei der Halleschen Nationale (HN) versichert. Ich bin hierüber sehr froh und geniesse, ja geniesse die Vorzüge als Privatpatient. Auch ich habe im Dezember 2011 eine Mitteilung der HN bekommen. Meine Prämie wurde um 1,20 gesenkt. Hierzu hat die gesetzlich vorgeschriebene Altersrückstellung und eine moderate freiwillige Zuzahlung
geführt. Der verantwortungsvolle Umgang (Veränderung des Versicherungs- umfanges /Anpassungen) mit seinem Versicherungsschutz (ich bin nun 45 Jahre privatversichert) ist hierfür Voraussetzung. Verallgemeinerungen zu diesem Thema sind dem Verbraucher also nicht wirklich dienlich.

Der Gesetzgeber (und die Parteien / parteiübergreifend) tut fast alles um die private Kran­ken­ver­siche­rung (PKV) in ein schlechtes Licht zu rücken. Seit Jahrzehnten wird geschimpft und geschimpft, Gesetze erlassen, Reformen, die keine sind verabschiedet, Leistungskürzungen durchgesetzt die im Ergebnis zu keiner Beitragsreduktion der gesetzlich Versicherten führten , die PKV alle Jahre wieder totgesagt, gesetzliche Krankenkassen in neue Organisationsformen gepresst, und Krankenkassen werden in die Pleite getrieben. Tausende gesetzlich Versicherte sind ratlos, verunsichert und zum Teil zeitweise ohne Versicherungsschutz.

Die Linke, die SPD und die Grünen wollen die private Krankenvollversicherung abschaffen. Als Hauptargument dieses Klassenkampfes wird die Abschaffung der „Zweiklassenmedizin“ versprochen. Ja was ist denn dann mit der privaten Krankenzusatzversicherung. Hier darf dann der gesetzlich Versicherte gegen Aufpreis all das dann einkaufen/sich versichern was durch die Abschaffung der Krankenvollversicherung gestrichen wurde. Das gibt es nicht umsonst. Das nennt man dann Einklassenmedizin oder richtigerweise doch „Zwangsversicherung“. Sozi Lauterbach & CO lassen grüssen.

In der grossen Koalition haben Merkel und Schmidt die Entkoppelung zwischen Beitragsbemessungsgrenze und Versicherungspflichtgrenze betrieben. Die Hürde für den Abschluss
einer PKV wurde erschwert. Den gesetzlichen Krankenkassen hat dies nachweislich nichts gebracht! Aber der PKV gingen die jüngeren neuen Kunden aus. Und dies wird von Ihnen dann im Zusammenhang mit nicht ausreichenden Altersrückstellungen dargestellt und Versprechen als Makulatur bezeichnet. Handelt es sich hierbei um die bewusste Verquickung von Details die nicht zusammengehören, Unwissenheit oder schlechter Recherche ?

Auch im dritten Absatz Ihres Artikels findet sich die gleiche Darstellungsform. Sie führen Billigtarife als Begründung für säumiges Zahlverhalten der Versicherten an. Richtig ist: das durch die unsinnige gesetzliche Regelung generell Nichtzahlern nicht mehr gekündigt werden darf. Kennen Sie auch hier die Zahlen der gesetzlichen Krankenkassen ? Bitte etwas mehr recherchieren. Danke.

Provisionsexzesse und Lockangebote, welche Ausdrucksform Herr Flintrop.
95 % und mehr der Kran­ken­ver­siche­rungsvermittler erhalten eine übliche Vergütung von 5-8 Monatsbeiträgen (MB) Bei den Ausuferungen handelt es sich um Vertriebe wie z.B. DVAG, AWD usw. - die Diskussion verallgemeinert diesen Zustand und wird der Sachlage in keinster Weise gerecht. Auch dieser Sachverhalt ist mittlerweile angekommen, aber leider nicht bei Ihnen Herr Flintrop.



Mit freundlichen Grüssen
Rainer Smieskol

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