ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2012Horst Eberhard Richter †: Der politische Psychotherapeut

THEMEN DER ZEIT

Horst Eberhard Richter †: Der politische Psychotherapeut

PP 11, Ausgabe Januar 2012, Seite 23

Petra; Bühring

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Horst Eberhard Richter setzte sich bis zuletzt im IPPNW-Vorstand für eine „Kultur des Friedens“ ein. Foto: Andreas Schoelzel
Horst Eberhard Richter setzte sich bis zuletzt im IPPNW-Vorstand für eine „Kultur des Friedens“ ein. Foto: Andreas Schoelzel

Der Psychoanalytiker und Pazifist Horst Eberhard Richter ist tot.

Kaum ein Psychoanalytiker hat sich so weit in die Sozialpsychologie und in die Politik gewagt, wie der mit zahlreichen Preisen für sein wissenschaftliches und soziales Engagement geehrte Arzt und Psychoanalytiker. Prof. Dr. med. Dr. phil. Horst Eberhard Richter starb im Alter von 88 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit am 19. Dezember im Kreis seiner Familie in Gießen.

Anzeige

Leitfigur der Friedensbewegung

Mit seinem 1979 erschienenen kulturphilosophischen Werk „Der Gotteskomplex“ zur Ohnmachtsangst und dem Allmachtswahn in einer wissenschaftlich-technischen Welt wurde Richter einer breiten Öffentlichkeit bekannt. In den 80er Jahren machte er unter anderem mit dem Buch „Alle reden vom Frieden“ (1981) und als eine der Leitfiguren der Friedensbewegung von sich reden. 1982 wurde er zum Mitgründer der westdeutschen Sektion der Organisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) und verfasste die „Frankfurter Erklärung“, in der sich Ärzte mit ihrer Unterschrift dazu bekannten, sich jeglicher kriegsmedizinischen Schulung und Fortbildung zu verweigern.

Richter wird am 28. April 1923 in Berlin als Sohn eines Ingenieurs geboren. Als 18-Jähriger wird er zum Militär eingezogen und muss an die Front nach Russland. Nach dem Krieg gerät er in Kriegsgefangenschaft. Erst bei seiner Rückkehr nach Deutschland erfährt er, dass seine Eltern zwei Monate nach Kriegsende bei einem Spaziergang von zwei betrunkenen Russen erstochen worden sind. Auf sich allein gestellt studiert Richter in Berlin Humanmedizin, Psychologie und Philosophie. Nach der Promotion absolviert er eine Ausbildung am Berliner Psychoanalytischen Institut. Zudem war er seit 1952 leitender Arzt der Beratungs- und Forschungsstelle für seelische Störungen im Kindesalter am Kinderkrankenhaus im Berliner Arbeiterviertel Wedding. Danach arbeitet er an der Neurologischen und Psychiatrischen Klinik der Freien Universität Berlin, unter anderem als Oberarzt. Richter ist Wegbereiter der psychoanalytischen Familientherapie. Sein Konzept der unbewussten Konflikte zwischen Eltern und Kind als Hintergrund kindlicher Störung gilt als wesentliche Ergänzung zu Freuds Theorie. Mit dem 1963 erschienenen Standardwerk für Kinderpsychologie und Erziehungswissenschaft „Eltern, Kind und Neurose“ hat er bleibenden Einfluss ausgeübt. 1962 wird er auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Gießen berufen und mit dem Aufbau einer psychosomatischen Klinik betraut. Unter seiner Federführung entsteht ein interdisziplinäres Zentrum mit Abteilungen für Klinische Psychosomatik, Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, das Modellcharakter hatte. Seine humane und ganzheitliche Auffassung der ärztlichen Tätigkeit war damals alles andere als selbstverständlich. Bis zu seiner Emeritierung 1991 war er Direktor der Gießener Einrichtung. Danach leitete er bis 2002 das Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt/M.

Die Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie e.V. trauert um Richter als jemanden, der „unsere Sensibilität für die Bedeutung sozialer und politischer Probleme bei der Bewältigung unbewusster Konflikte geschärft hat“. Er habe deutlich gemacht, dass individuelles und gesellschaftliches Leben untrennbar verbunden seien.

Die Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Renate Künast und Jürgen Trittin, würdigten Richter als einen „Mensch, der sich mit den gesellschaftlichen Zuständen nicht abgefunden hat“. Er habe nicht halt- gemacht bei der Analyse der Gesellschaft, sondern sei zum maßgeblichen Teil dieser Bewegungen geworden. Richter war bis zuletzt im IPPNW-Vorstand aktiv und engagierte sich zudem im Anti-Globalisierungsnetzwerks „attac“.

Petra Bühring

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema