ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2012Einsamkeit: Einfluss auf den Therapieerfolg

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Einsamkeit: Einfluss auf den Therapieerfolg

PP 11, Ausgabe Januar 2012, Seite 24

Sonnenmoser, Marion

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Einsamkeit ist keine psychische Störung, kann aber eine solche auslösen und verstärken. Vertrauensvolle Beziehungen tragen hingegen zur psychischen Stabilität bei. Es gibt unterschiedliche Interventionen zur „Behandlung“ von Einsamkeit.

Psychisch kranke Menschen sind oft einsam. Auch kann Einsamkeit psychische Störungen auslösen und verstärken. Das Gegenteil von Einsamkeit, also das Eingebundensein in eine menschliche Gemeinschaft sowie wichtige, vertrauensvolle Beziehungen, trägt hingegen zur psychischen Stabilisierung und Gesundung bei. Da beides großen Einfluss auf den Therapieerfolg haben kann, sollten sich Psychologen und Psychotherapeuten mit Einsamkeit beschäftigen, auch wenn deren Beendigung kein primäres, sondern höchstens ein sekundäres Therapieziel darstellt.

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Einsam zu sein bedeutet, niemanden zu haben, der einen wertschätzt und dem man vertrauen, mit dem man leben, arbeiten oder eine Zukunft planen und über wichtige Dinge sprechen kann. Man kann daher auch einsam sein, wenn man von Menschen umgeben ist, unter denen sich keine bedeutsame Bezugsperson befindet. Sich einsam zu fühlen, ist deshalb so schmerzhaft und deprimierend, weil das Bedürfnis nach sozialem Kontakt ein starkes menschliches Grundbedürfnis ist. Bleibt es unerfüllt, stellt es im Prinzip eine existenzielle Bedrohung dar.

Einsamkeit ist relativ weit verbreitet. Verschiedene Studien zeigen, dass Einsamkeit bereits im Kindergarten- und Grundschulalter auftritt: Etwa acht bis zwölf Prozent der Kinder sind davon betroffen. Unter Jugendlichen und Erwachsenen fühlen sich mindestens sieben Prozent ständig einsam und ausgestoßen. Mit zunehmendem Alter steigt die Zahl der Betroffenen: Zwischen 20 und 40 Prozent der Älteren ab 55 Jahren bezeichnen sich als einsam.

Vielfältige Gründe

Die Gründe für Einsamkeit sind vielfältig. Zu den gängigsten zählen Schwierigkeiten mit dem Initiieren und Aufrechterhalten zwischenmenschlicher Beziehungen, Umzüge und hohe Mobilität, Trennungen und Scheidungen sowie der Verlust des Partners oder anderer bedeutsamer Personen durch den Tod. Bei älteren Menschen kommen als Gründe Einschränkungen der Mobilität und der geistigen und körperlichen Funktionen hinzu, und bei behinderten und psychisch kranken Menschen verstärken Vorurteile und Stigmatisierung das Problem.

Einsamkeit ist gefährlich. Laut einer aktuellen Studie, die in der Fachzeitschrift „Science“ veröffentlicht wurde, ist Einsamkeit gleichbedeutend mit permanentem Stress. Im Vergleich zu nicht einsamen Menschen schlafen einsame schlechter und können sich weniger gut erholen. Sie ernähren sich außerdem ungesünder, konsumieren mehr Alkohol und Zigaretten und bewegen sich weniger. Darüber hinaus leiden sie häufiger unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen, klagen über ein verringertes Wohlbefinden und über eine schlechte Lebensqualität, haben ein geschwächtes Immunsystem, mehr Suizidgedanken und sterben früher. Außerdem bauen vereinsamte ältere Menschen körperlich und geistig schneller ab und leiden häufiger unter demenziellen Erkrankungen als sozial eingebundene. Mit Einsamkeit geht also ein hohes Erkrankungsrisiko einher.

Einsamkeit wird von vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst. So zeigt etwa eine Langzeitstudie, die von finnischen und niederländischen Sozialwissenschaftlerinnen durchgeführt wurde, dass sich Einsamkeit durch körperliche Krankheiten und Einschränkungen, chronischen Stress am Arbeitsplatz und im Privatleben, mangelnde Erholung, Reduzierung sozialer Aktivitäten und durch Niedergeschlagenheit, Nervosität und das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, verstärken kann. Eine Abnahme von Einsamkeit ist hingegen zu beobachten, wenn es gelingt, ein befriedigendes, soziales Netzwerk aufzubauen und einen zuverlässigen Partner zu finden.

„Einsamkeit ist auf dem Vormarsch“, meint der Internist Christopher Masi von der University of Chicago. Nach seiner Einschätzung könnte Einsamkeit schon in naher Zukunft aufgrund der demografischen Entwicklung (weniger Geburten, mehr ältere Menschen) und gesellschaftlicher Trends (Zunahme von Scheidungen und Ein-Personen-Haushalten) ein ernst zu nehmendes Problem für große Teile der Bevölkerung werden. Daher ist es unabdingbar, Interventionen gegen Einsamkeit zu entwickeln. Laut Masi gibt es schon seit mehreren Jahrzehnten unterschiedliche Ansätze, um Einsamkeit zu „behandeln“. Ihnen liegen folgende Theorien zugrunde, die entsprechende Interventionen erfordern:

  • Gene und Lernen: Circa 50 Prozent der Neigung zur Einsamkeit sind angeboren, 50 Prozent sind erworben. Eine genetische Disposition führt nicht zwangsläufig zu Einsamkeit, allerdings kann die angeborene Vulnerabilität in Krisensituationen bestimmte einsam machende Denk- und Verhaltensweisen verstärken.

Interventionen: Menschen, die aufgrund einer Disposition zu Einsamkeit neigen, lernen, verstärkende und auslösende Faktoren zu vermeiden. Zusätzlich erlernen sie soziale Fertigkeiten, die Einsamkeit beenden oder verhindern helfen.

  • Persönlichkeit: Ob Einsamkeit als Persönlichkeitsmerkmal aufgefasst werden kann, ist umstritten. Einsame Menschen weisen jedoch charakteristische Gemeinsamkeiten auf: Sie sind gegenüber ihren Mitmenschen nicht selten misstrauisch, zynisch und aggressiv. Sie bewerten sich und andere negativ und erwarten, dass andere sie zurückweisen. Sie sind schüchtern und pessimistisch, und ihr Selbstwertgefühl ist schwach. Außerdem neigen sie dazu, in sozialen Situationen befangen zu sein und sich so zu verhalten, dass andere sie zurückweisen.

Interventionen: Betroffenen hilft die gezielte Wahrnehmung und Auseinandersetzung mit ihren Eigenschaften und der Wirkung ihres Verhaltens dabei, diese zu überwinden. Übungen, die die Selbsterkenntnis fördern, können ergänzt werden durch ein Training zur Stärkung des Selbstwertgefühls und durch Maßnahmen, die das Gefühl der Zugehörigkeit und Verbundenheit mit anderen erhöhen.

  • Kognitionen: Einsamkeit ist eine Folge einer negativen Deutung des Alleinseins. Sie geht zudem oft mit einer Übersensibilität für soziale Bedrohung einher. Dadurch wird die Aufmerksamkeit hauptsächlich auf negative Aspekte sozialer Beziehungen gerichtet, während positive Aspekte ausgeblendet werden. Die daraus folgenden Kognitionen beeinträchtigen soziale Interaktionen und verstärken die Einsamkeit.

Interventionen: Zum einen wird an der Deutung des Alleinseins angesetzt: Es kann zum Beispiel als Chance und Entwicklungs- oder Erholungsmöglichkeit betrachtet werden und nicht als Unglück. Zum anderen wird an der Sichtweise sozialer Beziehungen gearbeitet. Dysfunktionale Kognitionen werden an der Realität überprüft und so verändert, dass ein unbefangenes, positives Interagieren mit anderen Menschen möglich wird.

  • Umfeld: Einsame Menschen haben es häufig mit Menschen zu tun, die ebenfalls einsam sind. Nicht einsame Menschen, die häufig mit einsamen zusammentreffen, werden selbst einsamer.

Interventionen: Einsame Menschen nehmen sich nicht einsame zum Vorbild und lernen durch sie, Einsamkeit zu vermeiden oder zu überwinden. Förderlich sind außerdem Trainings der sozialen Kompetenz, die Reduzierung sozialer Defizite und die Erhöhung sozialer Kontakte, indem zum Beispiel Gruppenaktivitäten, ehrenamtliche Tätigkeiten oder die Intensivierung von Freundschaften angeregt werden.

  • Äußere Hindernisse: Einsamkeit ist eine Folge räumlicher Abgeschiedenheit und mangelnder Mobilität.

Interventionen: Regelmäßige Hausbesuche und Telefonanrufe können hier ebenso Abhilfe schaffen wie ein Fahr- und Abholservice oder ein Umzug in eine verkehrsgünstiger gelegene oder barrierefreiere Gegend. Ungewollte Isolation lässt sich zudem mit modernen Technologien wie Videokonferenzen, sozialen Netzwerken und anderen Internetdiensten kostengünstig und einfach überwinden. ►

Am wirksamsten gegen Einsamkeit hilft laut Masi die Veränderung sozialer Kognitionen, also das Überprüfen negativer Gedanken über andere Menschen und soziale Beziehungen, der Abbau von Ablehnungsängsten und der Aufbau positiver sozialer Gedanken und Verhaltensweisen. Bewährt haben sich auch alle anderen Maßnahmen, die soziale Unterstützung, Fertigkeiten und Interaktionsmöglichkeiten verbessern. Zur Reduzierung von Einsamkeit eigenen sich außerdem Hypnose, Selbstakzeptanzübungen sowie Trainings gegen Schüchternheit, soziale Ängste und Depressionen. Wichtig ist immer, dass Voraussetzungen für Kontakte und Begegnungen geschaffen werden. Allerdings muss darauf geachtet werden, dass die Maßnahmen sich mit den speziellen Bedürfnissen bestimmter Gruppen, wie zum Beispiel von Kindern, Älteren oder Verwitweten, decken. Psychotherapeuten können hierbei die Aufgaben übernehmen, mit Hilfe kognitiv-behavioraler Verfahren dysfunktionale Kognitionen zu verändern und soziale Kompetenzen einzuüben, soziale Kontakte und Unterstützung anzuregen und den Patienten zu helfen, ein soziales Netzwerk aufzubauen. Auf diese Weise können sie unabhängig von der jeweiligen Diagnose oder Therapie zu Vermittlern zwischen den Patienten und deren sozialen Umwelt werden und dazu beitragen, dass Patienten sich weniger einsam fühlen.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

1.
Aartsen M, Jylhä M: Onset of loneliness in older adults. European Journal of Ageing 2011; 8(3): 31–8.
2.
Luanaigh C, Lawlor B: Loneliness and the health of older people. International Journal of Geriatric Psychiatry 2008; 23(12): 1213–21.
3.
Masi C et al.: A meta-analysis of interventions to reduce loneliness. Personality and Social Psychology Review 2011; 15(3): 219–66.
4.
Miller G: Why loneliness is hazardous to your health. Science 2011; 331(6014): 138–40.
5.
Shankar A et al.: Loneliness, social isolation, and behavioral and biological health indicators in older adults. Health Psychology 2011; 30(4): 377–85.
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