ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2012Tiefe Hirnstimulation: „Subtile Veränderungen“

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Tiefe Hirnstimulation: „Subtile Veränderungen“

PP 11, Ausgabe Januar 2012, Seite 28

Klinkhammer, Gisela

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Greift der Arzt mit der tiefen Hirnstimulation in das Persönlichkeitsrecht seiner Patienten ein? Darf man Patienten an solchen Verfahren teilnehmen lassen? Mit diesen Fragen beschäftigte sich der Arbeitskreis medizinischer Ethik-Kommissionen.

Weltweit sind bisher mehr als 50 000 Menschen mit dem Verfahren der tiefen Hirnstimulation (THS) behandelt worden. Es wurde vor allem bei Parkinsonpatienten eingesetzt, die oft unter einer besonderen Beeinträchtigung der motorischen Abläufe leiden (DÄ, Heft 17/2011). Bei der Anwendung von THS bei psychischen Krankheiten habe man es dagegen „mit einem ganz anderen Problemfeld zu tun“, sagte Prof. Dr. med. Thomas Schläpfer, Universität Bonn, bei der Jahrestagung des Arbeitskreises medizinischer Ethik-Kommissionen Mitte November in Berlin. Depressionen seien zwar in der Regel gut mit Psycho- und Pharmakotherapie behandelbar, zehn bis 30 Prozent der Patienten seien aber therapieresistent. Seit einigen Jahren werde deshalb THS bei der Behandlung von Patienten mit schwersten Depressionen erforscht, und das mit Erfolg. Die Symptome bildeten sich mitunter deutlich zurück. „Wir hatten auch bei Langzeittherapien keine Rückfälle zu verzeichnen,“ berichtete Schläpfer.

Dennoch sei eine ethische Bewertung dieser Methode erforderlich, da sie zu komplexen Situationen führen könne, meinte Dr. phil. Bert Heinrichs vom Deutschen Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften, Bonn. Es stelle sich die Frage, ob ein medizinisches Verfahren, selbst wenn es wirksam sei, gerechtfertigt sein könne, wenn es die Lebensgeschichte eines Patienten radikal zu verändern vermag. Prof. Dr. med. Hans-Joachim Heinze, Magdeburg, betonte allerdings, dass er bisher noch keinen Patienten mit einer extremen Persönlichkeitsveränderung durch THS erlebt habe. „Wovor wir mehr Angst haben, sind die allmählichen Veränderungen. Wir haben zum Beispiel festgestellt, dass diejenigen Parkinsonpatienten, die wir seit mehr als zehn Jahren therapiert haben, sich eher konservativ verhalten. Es sind diese subtilen Dinge, mit denen wir uns in Studien beschäftigen müssen“, forderte Heinze.

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Es stellt sich außerdem die Frage, ob es ethisch vertretbar ist, Patienten vor die Entscheidung zu stellen, ob sie an Forschungsprojekten teilnehmen wollen, bei denen solche Nebenwirkungen nicht auszuschließen sind. Heinrichs vertritt die Auffassung, dass bei „maximaler Transparenz bei der Aufklärung, der Verfügbarkeit von psychologischer Betreuung, der Reversibilität des Eingriffs und des Vorliegens einer gravierenden Störung“ dies gerechtfertigt sei. Mit einer entsprechenden psychologischen Begleitung könne der Patient während eines experimentellen THS-Eingriffs in die Lage versetzt werden, auch den plötzlichen Wandel als Teil seiner Lebensgeschichte zu begreifen.

Handeln im „Lichte der Grundrechte“

Neben ethischen Fragen müssen bei der Anwendung von THS außerdem mögliche rechtliche Probleme in Betracht gezogen werden. So stellt sich die Frage, ob der Arzt bei der Anwendung mit der tiefen Hirnstimulation in die Menschenwürde oder das allgemeine Persönlichkeitsrecht des Patienten eingreift. Priv.-Doz. Dr. jur. Dr. rer. pol. Tade Matthias Spranger vom Institut für Wissenschaft und Ethik der Universität Bonn meint: „Der Arzt kann das Grundrecht eines Patienten nicht verletzen.“ Er müsse allerdings im „Lichte der Grundrechte“ handeln. „Das bedeutet, dass der Arzt den Patienten nicht in seinen basalen Rechten verletzt und dann korrekt handelt, wenn der Patient dem Verfahren zugestimmt hat.“ Unzulässig wäre dagegen eine erzwungene THS.

Gisela Klinkhammer

Arbeitskreis

Der Arbeitskreis medizinischer Ethik-Kommissionen bildet seit 1983 eine Plattform zur Harmonisierung der Tätigkeit der Ethik-Kommissionen und hat sich als Gesprächspartner von Bundesministerien, Bundesoberbehörden, Einrichtungen der medizinischen Forschung und der forschenden Pharmaindustrie bewährt. Die Beratung durch eine Ethik-Kommission vor jedem Forschungsvorhaben zur Prüfung von Arzneimitteln wurde mit der 5. Novelle zum Arzneimittelgesetz 1995 vorgeschrieben. Am 30. Juni 2010 hatte die Bundes­ärzte­kammer ihre finanzielle Förderung des Gremiums beendet. Der Arbeitskreis hat sich inzwischen konsolidiert, sein Bestand ist gesichert. Dem Arbeitskreis gehören weiterhin alle Ethik-Kommissionen der medizinischen Fakultäten und der Landesbehörden an. Auch acht Ethik-Kommissionen der Lan­des­ärz­te­kam­mern hatten sich für einen Verbleib entschieden. „Wir können hoffen, dass der Arbeitskreis in Zukunft wieder alle nach Landesrecht gebildeten Ethik-Kommissionen in der Bundesrepublik Deutschland vertreten wird. Inzwischen wurde nämlich für vier bei Lan­des­ärz­te­kam­mern gebildete Ethik-Kommissionen ein Antrag auf Wiedereintritt in den Arbeitskreis gestellt“, berichtete der Vorsitzende des Arbeitskreises, Prof. Dr. med. Elmar Doppelfeld, Köln. Er drückte die Hoffnung aus, dass ähnliche Anträge für die restlichen der fünf ausgeschiedenen Ethik-Kommissionen eingehen werden.

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