ArchivDeutsches Ärzteblatt24/1998„Expo 2000„: Die Welt als Klassenzimmer

VARIA: Bildung und Erziehung

„Expo 2000„: Die Welt als Klassenzimmer

Driesen, Oliver

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LNSLNS Schulen auf der Weltausstellung? Die Idee, niedersächsischen Kindern und Jugendlichen gemeinsam mit ihren Lehrern ein Forum auf der "Expo 2000" in Hannover zu geben, scheint gewagt angesichts dieser internationalen Leistungsschau der Hochtechnologie. Doch in Zeiten der "Agenda 21", mit der die Vereinten Nationen eine umfassende Bildungs- und Politikoffensive zur Lösung der globalen Probleme anregten, passen die ausgewählten Projekte von 28 Schulen und Bildungseinrichtungen gut in eine Expo, die über die klassischen Pavillons hinausgreifen will.


Weltausstellungen waren seit jeher auch Bildungsveranstaltungen. Fast von Anfang an waren Schulen als Anbieter aktuellen Wissens auf den Ausstellungen vertreten: Die Göttinger Volksschule stellte 1893 in Chicago ihre vorbildlichen Duschräume als Beitrag zur Hygieneerziehung vor. In Philadelphia wurde der Kindergarten samt Rucksack präsentiert - beide deutschen Begriffe gehören seitdem zum angelsächsischen Sprachgebrauch. Doch die Schlagzeilen gehörten solchen Entwicklungen nie. Weltausstellung, das hieß vor allem: Sensationen aus Stahl und Glas, nationale Selbstdarstellung durch Kristallpaläste und Mies-van-der-Rohe-Pavillons. Die Schau als Symbol der Moderne.
Nun also die "Expo 2000" in Hannover. Die Zeiten sind vorbei, in denen schlichte Superlative ("schneller - höher - weiter") auf einer Weltausstellung den wohlverdienten Mittelpunkt des Interesses bilden könnten. Ein neuer Eiffelturm als kühne Materialisation eines Selbstzwecks trüge wenig dazu bei, die Rolle von Technologie, Wissenschaft und Schöpfergeist in einer Welt zu definieren, die wahrlich andere Probleme hat.
Hannover sucht daher neue Wege. Natürlich wird es die Pavillons geben, die computerstrotzenden Maschinen, Roboter und Visionen aus funkelndem Metall. Doch wenn die Stände wieder abgebaut werden, sollen die zusätzlichen "dezentralen Projekte" der Weltausstellung als ein Netzwerk verteilter Ideen-Pools weiter Früchte tragen - und das nicht nur in Niedersachsen, sondern auch deutschlandweit und tatsächlich weltweit.
Nummer 275 der "dezentralen Expo-Projekte" trägt eine Frage als Titel: Welche Schule braucht die Zukunft unserer Welt? Im Januar wurden 26 niedersächsische Schulen und zwei Bildungseinrichtungen von einer Jury des Kultusministeriums zu "EXPO-Schulen" gekürt, die dieser Frage mit ihren Projektvorschlägen erfolgversprechend auf den Grund gehen. Ihre Vorhaben passen genau in das Themenraster, das sich auch die Expo gegeben hat, analog zur Agenda 21 der UN-Konferenz von Rio: Wie ist das Beziehungsgeflecht von Mensch, Natur und Technik zu verbessern, wie kann es nachhaltig funktionsfähig gemacht werden?
Eine der Schulen, die nun die offizielle "Expo"-Flagge auf ihrem Gelände hissen dürfen, ist das InternatsGymnasium Marienau in Dahlem. Ihr Projekt hat den hochfliegenden Titel "Ökologischer Humanismus als Schulkonzept im internationalen Kontext". Auf einem bodenständigeren Niveau formuliert, soll lokal umweltbewußtes Denken und Handeln, an vielen Orten gleichzeitig, globale Verbesserungen bringen. Das sind nicht nur leere Worte: Marienau hat Partnerschulen in Sucre (Bolivien) und Jiaozuo (China), mit denen man unter anderem über das Internet im Austausch steht.
Schulleiter Wolf-Dieter Hasenclever will die ökologischen Errungenschaften seines eigenen Hauses (Photovoltaik-Stromgenerator, Energiesparprogramme, ein geplantes Niedrigst-Energie-Gebäude, artgerechte Nutztierhaltung auf dem Schulgelände) auch an den Partnerschulen publik machen. In Jiaozuo will man einen Kooperationsschulzweig mit Marienau einrichten, in dem auch Ökowissenschaften unterrichtet werden sollen. In Sucre, wo umliegende Dörfer unmittelbar durch Erdrutsche aufgrund von Abholzungen in den Anden gefährdet sind, unterstützen Marienauer Internatsschüler eine lokale Umweltinitiative beim Aufbau eines Umweltbildungszentrums.
Auch das Niedersächsische Internatsgymnasium Esens (NIGE) ist "Expo"-Schule. Schlicht "Leben am Meer" heißt das Projekt des Instituts, in dessen Internat vor allem Schüler von den Inseln untergebracht sind, auf denen keine Oberstufen existieren. Die Themen liegen buchstäblich vor der Haustür, also etwa ökologischer Tourismus in Küstenregionen. Auch das NIGE will sich mit seinen Partnerschulen in Frankreich, den Niederlanden und Polen über diese Probleme austauschen. Während der Weltausstellung erhalten die Partner-Schüler in "ExpoCamps" die Chance, aktiv an der Schau teilzunehmen.
Typisch ist, daß das NIGE sich dabei auch den Firmen und Unternehmen in seiner strukturschwachen ostfriesischen Umgebung öffnen wird - etwa im Rahmen der Berufspraktika. Denn das Positiv-Image, mit einer "Expo"-Schule zu kooperieren, ist für die Wirtschaft durchaus interessant, während die Schulen finanziell vom Sponsoring der Unternehmen profitieren. Da es so gut wie keine öffentlichen Fördermittel für die Teilnehmer gibt, ist der Kontakt zum Kapital ein Grundpfeiler des Gelingens. Die Sponsoren des "Expo"-Schulprojekts suchen dabei auch den direkten Draht zu ihren jugendlichen Zielgruppen, wie etwa OKI und Microsoft als Entwickler von Zukunftstechnologien oder der Schulbuchverlag Westermann, der passendes Begleitmaterial für den Unterricht zur Verfügung stellen wird.
Die rund tausend Lehrer und 15 000 Schüler, die das niedersächsische Kultusministerium durch das "Expo"Schulprogramm zu Botschaftern eines zeitgemäßen Bildungswesens gemacht hat, werden auf der Weltausstellung mehr repräsentieren als nur unermüdlichen Projekteifer in vorzugsweise ökologischen Bezügen: Sie stehen auch für eine neue Schulgeneration, die kaum noch Berührungsängste mit der Ökonomie und den Bedürfnissen der Märkte hat und für die Bildung und Sponsoring schon fast zu einer natürlichen Symbiose geworden sind. Denn ohne Orientierung auf Unternehmen hin wären viele Schulen zunehmend weniger überlebensfähig. Das NIGE etwa stand noch 1994 nach Sparbeschlüssen desselben Kultusministeriums, das es nun zur "Expo"-Schule erhoben hat, vor der Schließung. Oliver Driesen

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