ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2012Schneekugel-Manufaktur: Einmal kräftig schütteln, bitte!

KULTUR

Schneekugel-Manufaktur: Einmal kräftig schütteln, bitte!

PP 11, Ausgabe Januar 2012, Seite 47

Spath, Stefan

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Seit mehr als 100 Jahren stehen die original Wiener Schneekugeln für eine heile Welt, einen Hauch von Frost und pure Nostalgie.

Erwin Perzy III. trägt einen dezenten Bart und lächelt freundlich. Nie würde man vermuten, dass er der Gebieter über den Schnee ist – Herr Holle sozusagen. Von seiner kleinen Wiener Manufaktur aus beliefert er die Welt zuverlässig mit Schnee. Den Schnee, besser gesagt die in dritter Generation als Familien- und Betriebsgeheimnis gehütete „Schnee-Rezeptur“, bannt er in wassergefüllte Kugeln von 25 bis 200 Millimeter Durchmesser. Einmal energisch geschüttelt, entfaltet sich in dem gläsernen Rund ein Flockenwirbel, der Weihnachtsmänner und -bäume, Glücksschweine und Schornsteinfeger, Rentiere und Haustiere, Wiener Wahrzeichen und Landschaften einhüllt.

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Die „Original Wiener Schneekugeln“ schillern zwischen Kunst, Kitsch und Kult. Sie stehen auf europäischen Weihnachtsmärkten Spalier, befinden sich im Rucksack von Santa Claus und werden in den Kaufhäusern der Tokioter Einkaufsmeile Ginza Probe geschüttelt, auf dass es nur so stiebt. „Wir produzieren etwa 200 000 Exemplare im Jahr“, erzählt Erwin Perzy, während er durch seine Wiener Schneekugel-Manufaktur samt angeschlossenem Museum führt.

Um 1900 hatte sich sein Großvater, Erwin Perzy, die „Glaskugel mit Schneeeffekt“ patentieren lassen. Geforscht hatte der Werkzeugmacher ursprünglich nach einer Lichtquelle für Operationssäle. Dafür experimentierte er mit wassergefüllten Glaskolben, die er mit einer Kerze beleuchtete. Da sie zu wenig Licht warfen, mischte er reflektierende Stoffe wie Grieß bei. Zur OP-Beleuchtung taugte das Modell nicht – doch Perzy fühlte sich an Schneefall erinnert. Der Zufall wollte es, dass ein Kunde gerade eine metallene Miniatur der Wallfahrtskirche von Mariazell als Souvenir anforderte. Irgendwann machte es „klick“, und die beiden Ideen verschmolzen zum Erfolgsmodell „Glaskugel mit Schnee-Effekt“.

Herr Holle in seinem Reich: Erwin Perzy III. produziert in seiner Manufaktur etwa 200 000 Schneekugeln im Jahr. Fotos: Stefan Spath

Herr Holle in seinem Reich: Erwin Perzy III. produziert in seiner Manufaktur etwa 200 000 Schneekugeln im Jahr. Fotos: Stefan Spath
class="Grundschrift_mit_Einzug">Die Wunderkugel fand beim Publikum Gefallen, überstand einen Weltkrieg, die Weltwirtschaftskrise und einen weiteren Weltkrieg. In den 1950er Jahren entwickelte der Sohn des Firmengründers – er erbte von seinem Vater auch den Vornamen – eine neue Schneemischung, ergänzte die Motivpalette um Weihnachtsbaum, Schneemann und Co. und knüpfte Kontakte zu US-Spielwarenhändlern, die das Kitsch-Potenzial der Blizzard-Kugel für ein „Merry X-mas“ im amerikanischen Stil sofort erkannten.

Mittlerweile ist Erwin Perzy III. für die Schneeerzeugung verantwortlich. Die spezielle Rezeptur, die ihm sein Vater mündlich überliefert hat, sorgt dafür, dass in seinen winterlichen Mini-Galaxien die Flocken scheinbar schwerelos wirbeln, statt wie Hagelkörner abzuschmieren. Bis zu zwei Minuten lang dauert der Flockentanz. Und wegen dieser Schneequalität fürchtet er auch die billige Konkurrenz aus Asien nicht.

Für die Schneekugel-Miniaturen wird zunächst eine metallene Negativ-Form angefertigt, die dann mit Kunststoff ausgegossen wird. Die weiteren Arbeitsschritte, wie etwa die Bemalung, erfolgen in Handarbeit. Das so entstandene Unikat wird in der Glassphäre verankert, addiert werden Wiener Hochquellwasser sowie die geheimnisumwitterte Schneemischung. Nach der Versiegelung wird der Ballon mit einem Sockel verbunden – und fertig ist die heile Welt.

Das Museum dokumentiert auf 50 Quadratmetern das einzigartige Herstellungsverfahren und präsentiert Urmodelle ebenso wie zeitgenössische Schneekugeln und Sonderanfertigungen. Kaum etwas, was es nicht gibt. Doch, halt: „Mord, Totschlag oder Krieg kommt bei mir nicht rein. Eine Schneekugel ist eine heile Welt“, stellt Erwin Perzy III. klar. Als Besucher juckt es einen mächtig in den Fingern, die Regale entlang zu schlendern und viele Mini-Blizzards loszulassen. Was im Gegensatz zu anderen Museen kein Problem darstellt: „Schneekugeln gehören von Zeit zu Zeit unbedingt geschüttelt“, merkt der Firmenchef an. Gerade in Zeiten des Klimawandels kommt ihnen eine weitere wichtige Funktion zu: Wenn sich die ersehnte weiße Weihnacht nicht einstellen will, genügt eine Bewegung aus dem Handgelenk, um einen Hauch von Frost in die Stube zu zaubern.

Stefan Spath

Informationen: Original Wiener Schneekugeln & Schneekugelmuseum, Schumanngasse 87, A-1170 Wien, Telefon: 0043 1 4864341,
www.viennasnowglobe.at.

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