ArchivDeutsches Ärzteblatt16/1996Ärztliche Fortbildung: Lehr- und Lernstrukturen

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Ärztliche Fortbildung: Lehr- und Lernstrukturen

Dtsch Arztebl 1996; 93(16): A-1021 / B-869 / C-817

Bartens, Werner

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LNSLNS Das Wissen im Bereich der Humanmedizin und in den biomedizinischen Wissenschaften verdoppelt sich in etwa alle fünfzehn Jahre. Um mit der anhaltenden Flut neuer Erkenntnisse und Methoden Schritt halten zu können, bedarf es der regelmäßigen Fortbildung. Auf dem Gebiet der Medizin dient die Fortbildung jedoch nicht nur der Aktualisierung des Wissensstandes, sondern auch der Qualitätssicherung der medizinischen Versorgung. Gerade deshalb sollte es immer wieder ein Anliegen der Ärzteschaft sein, den Standard der verschiedenen Typen medizinischer Fortbildungsveranstaltungen zu kontrollieren und gegebenenfalls zu verbessern.


Zwei große Studien wurden im Jahr 1994 zum Lese- beziehungsweise Fortbildungsverhalten der deutschen Ärzteschaft veröffentlicht: Die im September 1994 erschienene Studie (Deutsches Ärzteblatt, Heft 36/1994) berichtete über die bevorzugten Informationsquellen der Ärzte. Die mündliche Befragung von 902 niedergelassenen Praktikern und Internisten erbrachte, daß die Wissensaneignung auf den drei Säulen Fachzeitschrift, Fachbuch und Kongreß/Seminar ruht. Auch die Befragung von über 6 000 Ärztinnen und Ärzten im Rahmen der "Schleswig-Holstein-Studie" (Deutsches Ärzteblatt, Heft 45/1994) konnte die herausragende Rolle von Literaturstudium und Seminar erneut unterstreichen.
In einer vom Universitätsspital Zürich unter Leitung von Prof. Dr. W. Vetter durchgeführten Untersuchung wurde das Fortbildungsverhalten der Ärzteschaft in bezug auf den Komplex "Tagung/Seminar" analysiert. Verglichen wurden dabei die "Hausarzt-Nachmittagsseminare" (organisiert vom Departement für Innere Medizin des Universitätsspitals Zürich) und die "Intensivseminare für Innere Medizin" (organisiert und initiiert von Gödecke/Parke-Davis, Freiburg). In beiden Gruppen wurden etwa 150 niedergelassene Allgemeinärzte und Internisten befragt. Die Hausarzt-Seminare umfaßten vier einzelne Nachmittage innerhalb eines Semesters, das Intensivseminar Innere Medizin erstreckte sich über zweieinhalb Tage. Im Rahmen der Hausarztseminare wurden die Themengebiete Geriatrie, Husten, KHK-Risiko, Prostata-Ca. und respiratorische Infektionen behandelt. Während der Intensivseminare für Innere Medizin hingegen wurden zwei- bis dreistündig Schwerpunkte der internistischen Unterdisziplinen Nephrologie, Rheumatologie, Gastroenterologie, Hämatologie/Onkologie, Radiologie und allgemeine Differentialdiagnose abgehandelt.


Gute Noten für Intensiv-Seminare
Mit Hilfe detaillierter Fragebögen wurden die verschiedenen Interessenschwerpunkte der Ärztinnen und Ärzte in bezug auf die berufsbegleitende Fortbildung genauer untersucht. Neben inhaltlicher Qualität und organisatorischen Rahmenbedingungen der beiden Seminartypen wurden auch spezifische Kriterien wie Praxisnähe, Unterrichtsmethodik und Interaktion mit den Referenten bewertet. Gerade in bezug auf diese Parameter schnitten die Intensivseminare eindeutig besser ab, was auch zu einer Aufwertung der inhaltlichen Qualität führte. Nicht nur der konventionelle Vortrag mit anschließender kurzer Diskussion, sondern auch Fallbeispiele, Lehrgespräche, Fragen an die Teilnehmer und zeitlich eng begrenzte Arbeitsgruppen förderten die Interaktion zwischen Referenten und Teilnehmern der Intensivseminare. Im Vergleich mit den Hausarztseminaren wurden die Intensivseminare Innere Medizin in allen befragten Kategorien durchgängig positiver bewertet, auch bezüglich ihrer Vorbereitungsqualität auf bevorstehende Facharztprüfungen. Die in den Fragebögen geäußerten Kritikpunkte und Wünsche der Ärzte verdeutlichen, daß das bestehende Fortbildungsangebot oft nicht ausreichend ist. Gleichzeitig liegt jedoch eine ungebremste Nachfrage nach "interaktiv" zugeschnittenen Fortbildungstypen vor, die den spezifischen Ansprüchen von niedergelassenen Praktikern wie auch von in Weiterbildung befindlichen Ärzten gerecht wird.
Aus der Züricher Studie lassen sich folgende Schlüsse ableiten: a) Innerhalb des Fortbildungsverhaltens der Ärzteschaft nimmt das Seminar eine wichtige Rolle ein. b) Das bestehende Bedürfnis nach gut organisierten Fortbildungsseminaren äußert sich in der hohen Nachfrage der Ärzteschaft nach intensiv strukturierter und kompakt angebotener Fortbildung. c) Innovative Unterrichtsmethodik, die die Teilnehmer zu aktiver Infragestellung und Anwendung ihres Wissens animiert, wird von den Ärztinnen und Ärzten besser angenommen und erleichtert die Vermittlung komplexer Inhalte. d) Es sollte die Aufgabe aller am Gesundheitswesen beteiligten Körperschaften und Organisationen sein, künftig die notwendigen Lehr- und Lernstrukturen zu schaffen, um auch im Sinne einer Qualitätssicherung für den Patienten eine kontinuierliche und hochklassige Fortbildung zu gewährleisten.
Dr. med. Werner Bartens,
Würzburg

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