ArchivDeutsches Ärzteblatt24/1998Stand der Chirurgie des infrarenalen Aortenaneurysmas Prävalenz und Versorgungssituation: Falsche Zahlen

MEDIZIN: Diskussion

Stand der Chirurgie des infrarenalen Aortenaneurysmas Prävalenz und Versorgungssituation: Falsche Zahlen

Heilberger, P.; Raithel, D.

Zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Jens-R. Allenberg, Dr. med. Friedrich Kallinowski und Dr. med. Hardy Schumacher in Heft 43/1997
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LNSLNS Auch die Ergebnisse der Heidelberger Arbeitsgruppe zeigen eindrucksvoll die niedrige Hospitalletalität nicht rupturierter Aortenaneurysmen an deutschen gefäßchirurgischen Zentren.
Die Hospitalletalität bei asymptomatischen Aortenaneurysmen bei unter 70jährigen von nahe null Prozent in der Heidelberger Arbeitsgruppe muß als indirekter Hinweis auf eine extreme Selektion von Niedrigrisiko-Patienten gewertet werden.
Auch scheint eine Leckagerate von null Prozent nach endovaskulärer Aortenrekonstruktion schwer nachvollziehbar, da bei mindestens sieben Prozent der Träger von endovaskulär rekonstruierten Aneurysmen eine Perfusion des Aneurysmasackes über Seitenäste (A. mesenterica inferior, Lumbalarterien) stattfindet und diese Leckagen völlig unabhängig vom Prothesensystem und vom Implantationsmodus sind (2, 3).
Unerklärlich scheint uns die Feststellung von Allenberg und Mitarbeitern, daß in Heidelberg eine Steigerung der Operationsfrequenz aufgrund budgetärer Restriktionen nicht gelungen sei. Auch die Behauptung, daß onkologisch tätige Ärzte aus sozio-ökonomischen Gründen vor der Therapie erst die Progression von einem T1- zu einem T2- oder T3-Tumor abwarten, erscheint uns unter ethischen und auch finanziellen Aspekten nicht nachvollziehbar.
In der Nürnberger Klinik ist uns kein Patient bekannt, der mit einem operationswürdigen Aortenaneurysma oder einem T1-Tumor aus budgetären Gründen abgewiesen wurde.
Bezüglich der Literaturhinweise, die in Form einer Tabelle präsentiert werden, ist anzumerken, daß teilweise falsche Zahlen bezüglich der Sterblichkeit publiziert wurden.
Glücklicherweise liegt in der Nürnberger Arbeitsgruppe nicht die von Allenberg und Mitarbeitern angegebene "Mortalität" (gemeint ist wohl Letalität) von acht Prozent vor, sondern eine Letalität von 0,5 Prozent (beachte: Unterschied Mortalität/Letalität [4]). Lediglich ein Aneurysmaträger starb im Jahre 1995 perioperativ nach Implantation einer Bifurkationsprothese aufgrund eines Implantationsfehlers.
Zusammenfassend ist darauf hinzuweisen, daß an deutschen gefäßchirurgischen Zentren eine konventionelle Aortenrekonstruktion mit einem perioperativen Risiko (Letalität) von unter fünf Prozent, eine endovaskuläre Aortenrekonstruktion mit einem Risiko von unter ein Prozent und eine Konversion nach fehlgeschlagener endovaskulärer Rekonstruktion ebenfalls mit einem Risiko von unter fünf Prozent möglich sind.
Wie alle minimal invasiven Verfahren der letzten 20 Jahre (endoskopische Cholezystektomie, arthroskopische Meniskusentfernung, endoskopische Perforansvenendissektion) wird sich auch die endovaskuläre Aortenrekonstruktion etablieren und nach Verbesserung der Implantationstechniken und Prothesensysteme einen festen Platz in der Aortenchirurgie einnehmen.
Zur adäquaten Fortentwicklung der Methode sind seriöse, die eigenen Komplikationen offen darlegende Publikationen ebenso notwendig wie eine Weiterentwicklung der interventionellen und operativen Korrekturmöglichkeiten nach endovaskulärer Aortenrekonstruktion.


Literatur
1. Cappeler W, Hinz M, Lauterjung L: Das infrarenale Aortenaneurysma - 10-Jahres-Verlauf nach Ausschaltungsoperation mit Kostenanalyse. Der Chirurg 1996; 67: 697-702.
2. Heilberger P, Schunn C, Ritter W, Weber S, Raithel D: Postoperative color flow duplex scanning in aortic endografting. J Endovasc Surg 1997; 4: 262-271.
3. Heilberger P, Ritter W, Schunn C, Gabriel P, Raithel D: Ergebnisse und Komplikationen nach endovaskulärer Rekonstruktion von Aortenaneurysmen. Zentralbl Chir 1997; 122: 762-769.
4. Pschyrembel W: Klinisches Wörterbuch. 254. Auflage, 1982.


Dr. med. P. Heilberger
Prof. Dr. med. D. Raithel
Klinik für Gefäßchirurgie
Klinikum Nürnberg Süd
Breslauer Straße 201
90471 Nürnberg


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