ArchivDeutsches Ärzteblatt16/1996Lebensqualität von Ärzten: Pessimismus macht sich breit

THEMEN DER ZEIT: Berichte

Lebensqualität von Ärzten: Pessimismus macht sich breit

Reimer, Christian; Jurkat, Harald

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Es gibt verschiedene Hinweise darauf, daß die Lebensqualität von Ärztinnen und Ärzten aufgrund der spezifischen Stressoren des ärztlichen Berufes beeinträchtigt ist. Ein Beleg dafür können die Ergebnisse von Untersuchungen sein, die sich mit der psychischen Gefährdung von Medizinern und Medizinerinnen befaßt haben.


Bei einer Befragung von niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten in Mittelhessen wurde die Frage der "Lebensqualität" von niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten empirisch untersucht, wobei Aspekte der Lebensqualität unter den Gesichtspunkten unter anderem von Arbeitsbelastung/-zufriedenheit, Zukunftsperspektiven, gesundheitspolitischen Entwicklungen und Lebenszufriedenheit erfaßt wurden. Von den befragten Ärzten wurden häufig Existenzängste angegeben. Nur noch ein Viertel der Befragten würde ihren Kindern raten, den Arztberuf zu wählen.
Für die Studie wurde ein spezieller Fragebogen entwickelt, der sowohl aus "geschlossenen" als auch aus "offenen" Fragen besteht. Das Ausfüllen war mit rund 45 bis 60 Minuten relativ zeitaufwendig. Der Fragebogen gliedert sich in folgende vier Themenbereiche:
l Arbeitszufriedenheit/-unzufriedenheit;
l Berufswahl;
l Lebenszufriedenheit/-unzufriedenheit und
l Gesundheit.
In der Hauptuntersuchung wurden 440 niedergelassene Ärztinnen und Ärzte angeschrieben. Wir erhielten 160 auswertbare Fragebögen zurück; dies entspricht einem Anteil von 36,16 Prozent. Eine Rücklaufquote von mehr als 40 Prozent ergibt sich, wenn man diejenigen Ärzte und Ärztinnen hinzunimmt, die ihre Berufstätigkeit bereits aufgegeben hatten oder krank waren und dieses mitgeteilt hatten, meist unter gleichzeitiger Bekundung ihres Interesses an den Ergebnissen der Erhebung. (Betrachtet man den Umfang des Fragebogens und die Tatsache, daß Arbeitsgruppen um Lewis, Texas, in vergleichbaren Situationen eine Rücklaufquote von knapp 25 Prozent oder eine andere in Berlin von rund 35 Prozent erzielt hatten, ist die von uns erreichte Rücklaufquote befriedigend.)
Von den Befragten waren ein Viertel weiblich und drei Viertel männlich. Das Durchschnittsalter betrug 46,2 Jahre. Das Durchschnittsalter der Ärzte lag etwas darüber, das der Ärztinnen darunter. In den jüngeren Altersgruppen waren die Frauen stärker vertreten als die Männer, in den älteren Altersgruppen kehrt sich dieses Verhältnis um. Die meisten Befragten lebten verheiratet und waren mit ihren Kindern zusammen. Die durchschnittliche Arbeitszeit betrug knapp 53 Stunden wöchentlich, bei den Männern deutlich mehr als bei den Frauen. Der Anteil der Allgemeinärzte betrug 40,7 Prozent, gefolgt von 11,3 Prozent mit dem Fachgebiet Gynäkologie und zehn Prozent aus der Inneren Medizin.


Zukunftsperspektive
91,8 Prozent der Ärztinnen und Ärzte gaben an, daß sich die berufliche Perspektive verschlechtert habe. Nicht ein Arzt oder eine Ärztin nannte zukünftige Verbesserungstendenzen. Auf die Frage: "Glauben Sie, daß die berufliche Perspektive von Ärztinnen und Ärzten sich ändert? Wenn ja, in welche Richtung?" antworteten die meisten Befragten mit Klagen über Reglementierung/Bürokratie und Einschränkung der Freiberuflichkeit. Danach wurden häufig insgesamt schlechtere Zukunftsperspektive, finanzielle Unsicherheit/niedriges Einkommen, Existenzängste und Arbeitslosigkeit durch Überversorgung mit Ärzten und Konkurrenz benannt.


Berufswahl
34,9 Prozent der Ärztinnen und 35,9 Prozent der Ärzte würden den Arztberuf nicht wieder wählen, wenn sie erneut vor die Entscheidung gestellt würden, oder sind sich zumindest unsicher darüber. Für eine Stichprobe im mittleren Lebensalter in einem sozial sehr anerkannten Beruf erscheint dies hoch. Nur 25,2 Prozent der Befragten würden ihren Kindern raten, Arzt beziehungsweise Ärztin zu werden. Drei Viertel der Befragten würden den Kindern entweder abraten (30 Prozent) oder nur bedingt zuraten (45 Prozent). Hierbei ist der jeweilige prozentuale Anteil für Ärztinnen und Ärzte nahezu gleich. Für den niedrigen Prozentsatz ist wohl die als negativ beziehungsweise unsicher empfundene Zukunftsperspektive eine Erklärungsmöglichkeit, was sich an typischen Antworten wie zum Beispiel "fragliche Berufsaussichten" ablesen läßt.


Freizeit und Partnerschaft
Innere, private Faktoren wurden unter anderem mit der Frage: "Fühlen Sie sich wohl in Ihrem Privatleben?" angesprochen. Die meisten Befragten gaben eine relative Zufriedenheit mit ihrem Privatleben generell an. Die Angaben im Hinblick auf Veränderungswünsche ließen sich hauptsächlich in folgende Kategorien aufteilen: mehr Zeit für Kinder; mehr Zeit für Partnerschaft; mehr Zeit für das Privatleben.
Als positiver Aspekt im Hinblick auf Lebensqualität fand sich eine relativ hohe Zufriedenheit mit der bestehenden Partnerschaft, obwohl immer wieder der Hinweis erfolgte, daß berufsbedingter Zeitmangel beeinträchtigend wirke.
Auf die Frage "Wenn Sie Ihren Lebensstil einmal kritisch überdenken: denken Sie, daß er Ihre Gesundheit eher fördert oder eher beeinträchtigt?" antwortete über die Hälfte der Befragten, daß ihr Lebensstil ihre Gesundheit beeinträchtigt oder stark beeinträchtigt.
Die vielfach in der Literatur geäußerte Vermutung, daß Frauen stärker als Männer durch den Arztberuf psychisch gefährdet sind, läßt sich durch die Befunde der Befragung nicht bestätigen. Tendenziell scheint die Richtung sogar umgekehrt zu sein; so fühlten sich zum Beispiel die Ärztinnen eher etwas gesünder und bekundeten auch häufiger "Wohlbefinden" als ihre männlichen Kollegen. Die sich deutlich verschlechternden Berufsaussichten treffen wahrscheinlich die Männer stärker als die Frauen in ihrem Selbstwertgefühl.


Auslöser: Die Politik
Negative, die Lebensqualität beeinträchtigende Aspekte der Befragten wurden überwiegend als durch den Beruf beziehungsweise die Gesundheitspolitik verursacht gesehen. Unübersehbar waren vor allem die Existenzängste und Zukunftssorgen, die sich die Befragten wegen der neueren gesundheitspolitischen Entwicklung machten. Vielfach bestand Unzufriedenheit mit der sich ungünstig verändernden Einkommenssituation. So wurde darauf hingewiesen, daß die Relation von Aufwand zu Ertrag nicht mehr stimmig sei.
Der Beruf zumindest des niedergelassenen Arztes scheint sich in einer Krise zu befinden, die durch Existenzängste, pessimistische Sicht von Zukunftsperspektiven und Frustration geprägt ist. Sicher muß differenzierend darauf hingewiesen werden, daß es unter den Befragten auch zufriedene Ärzte und Ärztinnen gibt. Mittelt man jedoch die Streuungen der Antworten, so entspricht das verbleibende Bild nicht dem eines Berufes mit dem höchsten Sozialprestige in der Gesellschaft.


Prof. Dr. med. Christian Reimer
Dipl.-Psych. Harald Jurkat
Zentrum für Psychosomatische Medizin Universität Gießen
Friedrichstraße 33
35392 Gießen

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote