ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2012Interview mit Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer „Wir müssen das Studium verbessern“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer „Wir müssen das Studium verbessern“

Dtsch Arztebl 2012; 109(3): A-71 / B-67 / C-67

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Eine Erhöhung der Medizinstudienplätze hält Montgomery momentan für utopisch. Stattdessen begrüßt er die Abschaffung des Hammerexamens, eine freie PJ-Wahl sowie Stärkung der Allgemeinmedizin. Foto: Lajos Jardai
Eine Erhöhung der Medizinstudienplätze hält Montgomery momentan für utopisch. Stattdessen begrüßt er die Abschaffung des Hammerexamens, eine freie PJ-Wahl sowie Stärkung der Allgemeinmedizin. Foto: Lajos Jardai

Das Bundeskabinett hat Ende letzten Jahres die Verordnung zur Änderung der Ärztlichen Approbationsordnung gebilligt – auch der Präsident der Bundes­ärzte­kammer steht uneingeschränkt hinter den geplanten Maßnahmen.

In diesem Jahr soll die Ärztliche Approbationsordnung geändert werden. Was halten Sie von der Novelle?

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Montgomery: Die jetzt vorliegende Verordnung sieht die Abschaffung des Hammerexamens, die Stärkung der Allgemeinmedizin, erweiterte Wahlmöglichkeiten der Ausbildungsstätten für das praktische Jahr (PJ), Verlängerung der zulässigen Fehlzeiten im PJ sowie die Möglichkeit, das PJ in Teilzeit durchzuführen, vor. Das sind allesamt Dinge, die wir als Ärzteschaft uneingeschränkt unterstützen.

Künftig soll der Kreis der Krankenhäuser, an denen das PJ absolviert werden kann, auf alle Lehrkrankenhäuser in Deutschland erweitert werden. Die Fakultäten kritisieren dies. Wie bewerten Sie diesen Vorschlag?

Montgomery: Ich begrüße ihn und glaube, dass er die Ausbildung verbessern wird. Ich selbst habe mein PJ an einem peripheren Krankenhaus absolviert. Das hat mir unheimlich gutgetan, obwohl ich hinterher wieder an einer Universitätsklinik gearbeitet habe und immer noch arbeite. Aber ich denke, dass man einfach über den Tellerrand der universitären Medizin hinaus schauen sollte. Das nutzt den Studierenden bei der Ausbildung.

Der Medizinische Fakultätentag (MFT) ist da ganz anderer Meinung. Er befürchtet eine schlechtere Ausbildungsqualität und höhere Kosten.

Montgomery: Ich kann aufgrund der Finanzierungsnöte der Universitäten nachvollziehen, dass der MFT eine andere Meinung dazu hat. Aber darauf können wir keine Rücksicht nehmen. Wir sind der festen Überzeugung, dass wir künftig nicht nur universitäre Mediziner brauchen, sondern Ärztinnen und Ärzte an kleineren Krankenhäusern, Schwerpunktpraxen und so weiter. Deshalb ist es wichtig, dass man auch dort sein PJ absolvieren kann.

Der MFT weist darauf hin, dass die von der EU geforderte universitäre Aufsicht des Medizinstudiums – und damit dessen Qualität – rein organisatorisch nicht mehr zu sichern sei. Teilen Sie diese Sorgen?

Montgomery: Nein, überhaupt nicht. Die organisatorischen Sorgen sind nur vorgeschobene Argumente. Denn früher konnte man ja schon mal das PJ-Krankenhaus frei wählen, ohne dass die Universitäten organisatorisch in die Knie gegangen wären. Was die Ausbildungsqualität angeht, sollten die Universitäten ihr Licht mal nicht zu hoch hängen. Bei allem Respekt: Auch an kleineren Krankenhäusern wird sehr gute Medizin gemacht, und das Verhältnis von Lehrenden und Lernenden ist oftmals viel günstiger für die Studenten. Deshalb betrachte ich die Kritik gelassen.

Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium hofft, dass Studierende an diesen kleineren Krankenhäusern „hängenbleiben“ und dort ärztlich tätig werden . . .

Montgomery: Das deckt sich auch mit unseren Erwartungen. Wir wissen, dass eine hohe Affinität erzeugt wird, wenn Studierende eine Region oder ein Krankenhaus näher kennenlernen. Und Angebote, dort auch eine Weiterbildungsstelle anzunehmen, werden sicher kommen.

Wie ließe sich die Qualität des PJs bundesweit vereinheitlichen?

Montgomery: Ich könnte mir natürlich ein komplexes administratives Verfahren vorstellen, wo erst mal jedes Krankenhaus genau überprüft wird. Man könnte aber einfach auch nur nach den Weiterbildungsermächtigungen schauen und sagen, dass, wenn ein Krankenhaus für ein Fach die volle Weiterbildungsermächtigung hat, es auch in der Lage ist, PJler in dem Fach auszubilden. Ich kann mir aber vorstellen, dass man in vier Monaten immer noch viel lernen kann, wenn die Kliniken auch nur die halbe Befugnis besitzen. Von einem eigenen, schwierigen, bürokratischen Weg rate ich jedenfalls ab.

Was halten Sie von Logbüchern, deren Inhalte die Universität vorgibt?

Montgomery: Logbücher und vorgegebene Kataloge halte ich prinzipiell für richtig. Aber man sollte die Kirche im Dorf lassen: Wir bilden im PJ schließlich keine Fachärzte aus. Wir als Bundes­ärzte­kammer wollen, dass Studierende möglichst unkompliziert in eine Abteilung und Klinik ihrer Wahl gehen können. Denn am besten lernt man frei von Zwang.

Kritische Stimmen meinen, dass künftig die Wahl der Studierenden nicht auf das qualitativ beste Krankenhaus fallen wird, sondern auf die Klinik, die die höchste Aufwandsentschädigung zahlt oder andere Vergünstigungen einräumt. Befürchten Sie auch, dass sich der Wettbewerb in diese Richtung verschiebt?

Montgomery: Das ist keine Befürchtung. Wenn die Qualität gesichert ist, halte ich das für kluge Werbung. In einer Zeit des Ärztemangels ist es wichtig, dass Kliniken Zusatzargumente haben, um sich attraktiv zu machen. Das ist übrigens auch einer der Gründe, weshalb die Universitäten gegen eine Neuregelung sind: Sie befürchten, dass es wettbewerbsfähigere Kliniken gibt, die ihnen gute Leute wegschnappen. Aber das ist eben Wettbewerb. Dann sollen die Universitäten eben auch eine Aufwandsentschädigung zahlen.

Vorgesehen ist in der neuen Approbationsordnung auch, der Allgemeinmedizin ein höheres Gewicht zu geben. Ist die geplante Erhöhung der Dauer des Blockpraktikums und der PJ-Plätze in der Allgemeinmedizin für zehn und später für 20 Prozent der Studierenden richtig und realisierbar?

Montgomery: Jeder Marathonlauf beginnt mit dem ersten Schritt. Und deshalb ist es richtig. Wir haben uns ja sogar vorstellen können, ein eigenes Tertial oder Quartal Allgemeinmedizin verpflichtend einzuführen. Auch das Blockpraktikum könnte nach unserer Ansicht länger sein als zwei Wochen. Natürlich wird ein Kapazitätsproblem am Anfang da sein. Aber ich glaube, das kriegt man in den Griff, vor allem weil die Allgemeinmediziner zunehmend Interesse bekommen, sich an der Aus- und Weiterbildung von Medizinstudierenden zu beteiligen.

Rechnet man es durch, müssen jedes Jahr 1 000 und später 2 000 Studierende während des PJ drei bis vier Monate lang in hausärztlichen Praxen ausgebildet werden. Dies verursacht auch Kosten. Wer soll sie tragen?

Montgomery: Ich glaube, dass die Allgemeinmediziner nicht mit einer Gewinnerwartung an die Ausbildung des Nachwuchses herangehen werden. Die Kosten werden auch immer noch niedriger sein als die für die Schaffung von neuen Studienplätzen. Nötig sind zunächst aber valide Rechnungen. Zurzeit kenne ich nur Rechnungen, die als Horrorszenarien gedacht sind. Wir sollten es zunächst versuchen. Wenn sich nicht ausreichend Lehrpraxen finden sollten, werden wir die Ersten sein, die darauf hinweisen werden, dass ein Flaschenhals entsteht.

Das Bundesbildungsministerium hält das Angebot an jungen Ärztinnen und Ärzten für ausreichend. 72 000 Ärzten, die in den nächsten zehn Jahren in den Ruhestand gingen, stünden jährlich 10 000 Medizinabsolventen gegenüber. Stimmt diese Rechnung?

Montgomery: Die Rechnung ist in sich schlüssig. Dabei sind allerdings zwei Faktoren nicht berücksichtigt: Das eine sind die Absolventen des Medizinstudiums, die nachher nicht in die kurative Medizin gehen oder die ins Ausland abwandern. Das zweite ist der Mehrbedarf an Ärzten aufgrund des Arbeitszeitgesetzes und aufgrund neuer medizinischer Verfahren.

Treten Sie deshalb dafür ein, zehn Prozent mehr Studienplätze zu schaffen?

Montgomery: Die Forderung nach mehr Medizinstudienplätzen ist gut und richtig, ihre Realisierung aber im Moment utopisch. Denn der Bund bietet den Ländern zwar an, für ein paar Jahre die Hälfte der Kosten zu übernehmen, lässt sie danach aber allein. Angesichts der Finanzlage von Bund und Ländern sehe ich im Moment niemanden, der bereit wäre, dieses Geld aufzubringen. Deshalb müssen wir das tun, was möglich ist: das Studium verbessern, damit die Absolventen auch kurativ arbeiten wollen und unter den Studienplatzbewerbern gezielter auswählen. Letzteres fehlt in der neuen Approbationsordnung. Vor allem aber müssen wir die Arbeitsbedingungen verbessern. Der größte Bruch erfolgt an der Schnittstelle zwischen erfolgreichem Studienabschluss und der Aufnahme der Weiterbildung. Wenn wir den Kulturschock, den viele im PJ erleben, mindern könnten, hätten wir schon fast keinen Ärztemangel mehr.

Wird die Verordnung nach Ihrer Ansicht im Februar vom Bundesrat gebilligt werden?

Montgomery: Ich würde dem Bundesrat empfehlen, die Verordnung anzunehmen. Sie ist vernünftig.

Das Interview führten Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann und Heinz Stüwe.

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MFT e. V.
am Montag, 30. Januar 2012, 14:49

Kommentar zur freien PJ-Krankenhaus-Wahl

In dem am 20. Januar 2012 auf Seite A71 erschienenen Ärzteblatt-Interview „Wir müssen das Studium verbessern“ behauptet Dr. med. Montgomery, „ …früher konnte man ja schon mal das PJ-Krankenhaus frei wählen, ohne dass die Universitäten organisatorisch in die Knie gegangen wären.“. Hier ist zu korrigieren, dass das PJ-Krankenhaus nie ganz frei gewählt werden konnte, so wie es von Dr. Montgomery insinuiert wurde. Es bestehen jedoch aufgrund der Kooperationen mit den Akademischen Lehrkrankenhäusern vielfältige Ausbildungsangebote, welche die Nachfrage bei weitem übersteigen. Somit existieren Wahlmöglichkeiten und das gros der Medizinstudierenden kann ihr PJ wunschgemäß absolvieren. Heute bestehen weit mehr Freiheiten als noch vor zehn Jahren. Weniger als 30 Prozent der Studierenden verbleiben im PJ am Universitätsklinikum. Zu bedenken ist jedoch, dass insbesondere bei stark nachgefragten Fächern und Standorten, auch Sozialkriterien, wie Kinder, häusliche Pflegeverpflichtungen etc., zur Anwendung zu bringen sind.
Mutmaßlich meint Herr Dr. Montgomery die Medizinalassistentenzeit gemäß der Bestallungsordnung von 1953. Diese wurde bekanntermaßen durch die Ärztliche Approbationsordnung von 1970 im Zuge der Qualitätsverbesserungen abgeschafft. Abschließend ist festzuhalten, dass sich die Medizinischen Fakultäten um eine faire und objektive PJ-Vergabe sehr bemühen und sich die aktive Aufsicht der Universitäten über die PJ-Ausbildung bewährt hat. Die Hochschulmedizin scheut keine Kompetition, doch kann es Wettbewerb nur zwischen Einrichtungen mit gleichen Aufgaben und Rahmenbedingungen geben. Damit die Ärztinnen und Ärzte nach dem Studium gut ausgebildet an andere Krankenhäuser zur Weiterbildung wechseln können, sind die Universitäten ständig im Wettbewerb um die beste Lehre.

Dr. Volker Hildebrandt
MFT-Generalsekretär
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