POLITIK

Antibiotika-Einsatz bei Nutztieren: Ausnahme statt Alltag

Dtsch Arztebl 2012; 109(3): A-78 / B-72 / C-72

Richter-Kuhlmann, Eva

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Angesichts drohender Gesundheitsrisiken für den Menschen will das Verbraucherschutzministerium durch eine Änderung des Arzneimittelgesetzes den Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung deutlich reduziert sehen.

Die Verunsicherung ist groß. Viele Ärztinnen und Ärzte werden dieser Tage von ihren Patienten gefragt, wie sicher es ist, Hühnchen zu essen. Denn erneut ist mit antibiotikaresistenten Keimen belastetes Hähnchenfleisch gefunden worden. Nach Mitteilung des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) waren zehn von zwanzig Hähnchenfleischproben aus Supermärkten und Discountern mit antibiotikaresistenten Keimen belastet, vor allem mit ESBL-produzierenden (Extended Spectrum Beta-Lactamase) E.-coli-Bakterien und MRSA-Keimen (Methicillin-resistente Staphylococcus aureus).

Aigner will strengere Regeln

Fast alle Masthühnchen werden mit Antibiotika behandelt: Dies ergab eine Untersuchung von Hähnchen-Mastbetrieben in Nordrhein-Westfalen im letzten Jahr. Foto: dpa
Fast alle Masthühnchen werden mit Antibiotika behandelt: Dies ergab eine Untersuchung von Hähnchen-Mastbetrieben in Nordrhein-Westfalen im letzten Jahr. Foto: dpa

Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) reagiert: Um den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung stark einzuschränken, legte Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) dieser Tage dem Bundeskabinett einen entsprechenden Entwurf zur Änderung des Arzneimittelgesetzes vor. Durch ihn möchte sie erreichen, dass Antibiotika in der Tierhaltung nur noch in absolut notwendigen Fällen eingesetzt werden. Gleichzeitig werden die Befugnisse der zuständigen Kontroll- und Überwachungsbehörden der Bundesländer deutlich erweitert.

Tierärzte sollen zudem verpflichtet werden, auf Anfrage alle Daten zur Abgabe und Anwendung von Antibiotika zu übermitteln. Sie müssen ferner die mit der Zulassung eines Antibiotikums festgelegten Anwendungsbestimmungen der Packungsbeilage verbindlich einhalten. Für Antibiotika, die auch in der Humanmedizin besonders bedeutend sind, soll die Möglichkeit zur Umwidmung drastisch eingeschränkt werden. Human-Arzneimittel dürfen demnach künftig nur noch unter besonderen Voraussetzungen außerhalb der Zulassung in der Tiermedizin eingesetzt werden.

Von den Ländern verlangt Aigner nun im Gegenzug, dass sie auch von ihren Kontrollbefugnissen Gebrauch machen. Außerdem soll die Verordnung über tierärztliche Hausapotheken verschärft werden. Überprüft werden soll, dass Arzneimittel nur bei kranken Tieren eingesetzt werden und nicht zur Wachstumsförderung. Zeitgleich will auch die EU-Kommission die Gesetze für Tierarzneimittel verschärfen und die Forschung an neuen Antibiotika fördern.

„Bedenklich“ für Menschen

Die BUND-Funde seien nichts Neues, sie bestätigten die im Rahmen des Zoonosen-Monitorings 2009 erhobenen Daten zur Resistenzsituation von Zoonoseerregern und anderen Keimen, erklärt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Gleichzeitig jedoch stuft es den massiven Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung als „bedenklich“ ein. Bereits Ende November 2011 hatte das Institut sich auf dem Forum „Antibiotika-Resistenzen – Standortbestimmung und Perspektiven“ in Berlin mit dieser Thematik befasst und Wissenschaftler aus dem veterinär- und humanmedizinischen Bereich sowie Vertreter der Lebensmittelproduktion zusammengeführt.

„Antibiotika-Resistenzen sind eine Herausforderung sowohl für die Human- als auch für die Veterinärmedizin. Deshalb brauchen wir bessere Daten und mehr Transparenz“, erklärte Prof. Dr. Dr. Andreas Hensel, Präsident des BfR. Beim Zoonosen-Monitoring 2009 habe das Bundesinstitut von 629 untersuchten Proben Hähnchenfleisch 22,3 Prozent MRSA-verdächtige Proben sowie in einigen wenigen Fällen auch ESBL-verdächtige E.- Coli-Bakterien festgestellt. Diese wiesen Resistenzen gegen ein Cephalosporin der dritten Generation auf – ein Zeichen für die Bildung von Beta-Laktamasen mit erweitertem Wirkungsbereich. Aber auch auf Putenfleisch, Schweinefleisch und aus Kotproben von Mastkälbern seien solche Keime gefunden worden. Meist werden sie bei der Schlachtung der Tiere auf das Fleisch übertragen.

Hauptsächlich treten MRSA-Keime zwar immer noch in Krankenhäusern auf. Ein besonderer Typ von MRSA, der sogenannte Livestock associated (LA) MRSA, findet sich aber auch bei Nutztieren. Nach Angaben des BfR kann eine MRSA-Infektion des Menschen auch auf die Übertragung durch Lebensmittel zurückgeführt werden. Bisher seien jedoch nur wenige Fälle beschrieben. Auch eine Infektion des Menschen mit ESBL-bildenden Erregern über Lebensmittel ist nach Ansicht des BfR möglich. Wie bedeutend jedoch tatsächlich die Infektionsquellen Lebensmittel, Nutz- und Haustiere sowie der Bereich Nutztierbestände in der Landwirtschaft für die ESBL-Problematik bei Erkrankungen von Menschen seien, lasse sich aus den bisher vorliegenden Daten nicht abschätzen, meint der Präsident. Grundsätzlich bestehe allerdings ein Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung. Ein besonderes Problem liege in der Übertragbarkeit der Gene für die Antibiotika-Resistenz zwischen verschiedenen Bakteriengruppen.

Auch die Geflügelwirtschaft habe die Problematik erkannt, betonte Dr. Josef Bachmeier vom Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft e.V. beim BfR-Forum Ende 2011. „Der Antibiotika-Einsatz ist gemessen an der Aktivität der antibiotischen Wirkstoffe auch seit Jahren rückläufig“, versicherte er jedoch und verwies auf die Selbstverpflichtung der Geflügelwirtschaft, innerhalb von fünf Jahren den Antibiotika-Einsatz um 30 Prozent zu reduzieren. „Gleichzeitig plädieren wir für eine bundesweite, einheitliche Meldung aller Antibiotika-Anwendungen und würden uns eine harmonisierte Überwachung auf europäischer Ebene wünschen.“ Ziele seien ferner optimierte Haltungssysteme und die Etablierung alternativer Maßnahmen, wie beispielsweise Impfungen.

Von einer Selbstkontrolle hält das Bundesverbraucherschutzministerium dagegen nur wenig: „Der Staat muss verbindliche Regelungen vorschreiben. Es besteht dringender Handlungsbedarf“, betonte Ministerialdirektor Bernhard Kühnle. Lediglich die Menge der eingesetzten Antibiotika zu reduzieren sei außerdem nicht sinnvoll: „Das löst das eigentliche Problem nicht, nämlich die Resistenzentwicklung“, erklärte er. Wichtiger sei eine sachgerechte Anwendung.

Doch darüber liegen ebenso wie über den Umfang der Arzneimittelanwendung in der Tierproduktion für Deutschland keine umfassenden aktuellen Daten vor. Lediglich die jüngste Untersuchung des Verbraucherschutzministeriums in Nordrhein-Westfalen zeigt, dass Antibiotika in der Tierproduktion unter Umständen häufig und nicht immer sachgerecht eingesetzt werden. So sind der Studie zufolge in 182 untersuchten Betrieben im Zeitraum von Februar bis Juni 2011 96 Prozent der Masthühner antibiotisch behandelt worden. Bei den erfassten Mastdurchgängen mit Antibiotika-Einsatz kam eine Vielzahl von Wirkstoffen zum Teil zeitgleich zum Einsatz (ein bis acht Wirkstoffe pro Mastdurchgang, durchschnittlich drei). Die jeweilige Behandlungsdauer mit einem Wirkstoff lag bei etwa der Hälfte der Behandlungen mit ein bis zwei Tagen deutlich unter den Zulassungsbedingungen der verabreichten Wirkstoffe.

„Wir müssen die Behandlungsverfahren kritisch überprüfen und die Strategien mit der Humanmedizin verknüpfen“, meinte deshalb Hensel. Gleichzeitig dürfe man nicht nur über den Antibiotika-Einsatz reden, sondern müsse sich auch mit der Hygiene beschäftigen. Diese sei nicht immer medizinisch und veterinärmedizinisch sachgerecht, so dass es auch dadurch zu einer Vermischung der Erregerpopulationen zwischen Tier, Lebensmitteln und Mensch kommen könne. Haltung und Management der Tierbestände müssten so verbessert werden, dass die Tiere gesund bleiben und eine Behandlung nicht erforderlich sei. Auch die Methoden der Schlachtung müssen so weiterentwickelt werden, dass die Übertragung von Keimen von den Tieren auf die Lebensmittel verringert werde. Das Maßnahmenpaket des Ministeriums begrüßt das BfR deshalb uneingeschränkt.

Der BUND hält dagegen die angekündigte Gesetzesnovelle für unzureichend und fordert noch strengere Regeln bei der Antibiotikagabe, die Begrenzung der industriellen Tierhaltung sowie verbesserte Haltungsbedingungen. Gemeinsam mit anderen Organisationen soll es eine Großdemonstration am 21. Januar anlässlich der Grünen Woche in Berlin unter dem Motto: „Wir haben es satt – Bauernhöfe statt Agrarindustrie!“ geben.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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nposer
am Dienstag, 24. Januar 2012, 18:49

Wird hier abgewiegelt?

Bei der Lektüre dieses Artikels stellen sich mir an zwei Stellen die Frage, ob hier versucht wird abzuwiegeln:

1. Prof. Dr. Dr. Hensel vom BfR soll gesagt haben, es lasse sich aus den bisher vorliegenden Daten nicht abschätzen, wie bedeutend die Infektionsquellen Lebensmittel, Nutz- und Haustiere sowie der Bereich Nutztierbestände in der Landwirtschaft für die ESBL-Problematik bei Erkrankungen von Menschen tatsächlich seien. Dies erweckt den Eindruck, dass es für entsprechende Zusammenhänge kaum ernstzunehmende Hinweise gibt. Kennt er z. B. die Publikation von Leverstein-van Hall et. al (Clin Microbiol Infect 2011; 17: 873–880) nicht? Da wurden bei niederländischen Patienten die gleichen ESBL-Gene wie im Hühnerfleisch und in bei lebendem Geflügel nachgewiesen. Alles Zufall, oder wie?

2. Dr. Bachmeier behauptet, der Antibiotika-Einsatz in der Geflügelwirtschaft sei "gemessen an der Aktivität der antibiotischen Wirkstoffe" seit Jahre rückläufig. Was meint er denn bitte mit "gemessen an der Aktivität der antibiotischen Wirkstoffe"? Kann sich das jemand erklären? Ich kann es nicht, und ich bin durchaus mikrobiologisch bewandert. Unter dem Strich habe ich den Eindruck, dass der Antibiotika-Einsatz in der Geflügelwirtschaft eben nicht seit Jahren rückläufig ist. Dann wurde vermutlich irgendein rechnerischer Trick benutzt ("gemessen an der Aktivität der antibiotischen Wirkstoff"), damit der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft behaupten kann, der Antibiotika-Einsatz sei doch rückläufig. Oder kann jemand diese Vermutung entkräften?

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