ArchivDeutsches Ärzteblatt16/1996Reduktion des Allergierisikos durch Naturgummi-Produkte

MEDIZIN: Kurzberichte

Reduktion des Allergierisikos durch Naturgummi-Produkte

Baur, Xaver; Chen, Zhiping; Allmers, Henning; Raulf-Heimsoth, Monika

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LNSLNS Bedingt durch die in den letzten Jahren propagierte AIDS-Prävention hat im Gesundheitswesen weltweit der Verbrauch an Naturgummi-Handschuhen erheblich zugenommen (siehe Beispiel in Grafik 1). Hiermit ging auch eine drastische Zunahme von Soforttyp-Allergien in Form von Hautproblemen, allergischem Schnupfen, Entzündungen der Bindehaut, Asthma und zum Teil lebensbedrohlichen Schockzuständen einher (8, 10, 11, 12). Besonders hiervon betroffen ist das Personal in operativen Bereichen, aber auch Patienten, insbesondere mehrfach operierte Kinder, sind nicht selten die Opfer. Dies führte in den USA bereits zum Verbot von latexhaltigen Einlaufkathetern (9). Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte empfahl kürzlich, Produkte mit Naturkautschuk künftig zu kennzeichnen (7).
Mehrere Querschnittsuntersuchungen, die unter anderem auch vom Berufsgenossenschaftlichen Forschungsinstitut für Arbeitsmedizin (BGFA) durchgeführt wurden, zeigen, daß bis zu zehn Prozent des Klinikpersonals und bis zu 50 Prozent wiederholt operierter Patienten Soforttypsensibilisierungen gegen Latexproteine, die meist aus OP-Handschuhen stammen, aufweisen. Auf diese besorgniserregende Entwicklung reagierte die amerikanische Gesundheitsbehörde (FDA) mit Regularien hinsichtlich der Kennzeichnung von Latexartikeln (6). Beabsichtigt ist außerdem die Festsetzung einer Obergrenze des Proteingehalts aller medizinischen und im Alltag gebräuchlichen Naturlatexprodukte. Die eigentliche Zielgröße ist jedoch der Allergengehalt. Unsere Paralleluntersuchungen zeigen, daß Protein- und Allergengehalt von Latexprodukten im hier besonders interessierenden unteren und mittleren Bereich nicht korrelieren (Grafik 2). Es handelt sich bei diesen Bestimmungen um eine Kombination aus einem Proteinnachweis (Lowry-Methode unter Verwendung von Ovalbumin als Standard und Trichloressigsäure zur Fällung [1]) und einer Immuninhibitionsmethode (modifiziertes CAP-System mit Serum von Latexallergikern). Der Allergengehalt von Naturgummiprodukten kann auf verschiedene Weise entscheidend abgesenkt werden, so unter anderem durch intensives Waschen, chemische Behandlungsverfahren oder beidseitiges Beschichten. Synthetische Produkte stellen Alternativen dar. Auf keinen Fall sollten weiterhin gepuderte Latexartikel eingesetzt werden. Wie eigene Untersuchungen belegen, sind diese Produkete für Krankenhauspersonal und Patienten gefährlich (2, 3). Über das Puder werden die Allergene in der Raumluft freigesetzt und bewirken anhaltende inhalative Belastungen (4) (Tabelle 2). Auf seiten des Verordnungsgebers sind rechtsverbindliche Vorschriften für Latexartikel hinsichtlich der Angabe des Allergengehalts und eines entsprechenden Grenzwertes überfällig. Letzterer sollte nicht über 10 µg Allergen/g Gummi liegen. Dem Verbraucher, vor allem Krankenhausträgern und Praxisinhabern, wird empfohlen – soweit Daten nicht bereits vorliegen – vor dem Kauf von Untersuchungs-, OP-Handschuhen und anderen Naturgummiprodukten vom Hersteller die entsprechenden Informationen einzuholen. Beim Kauf sind neben dem Allergengehalt Qualitätskriterien wie Permeabilität (AQL-Wert sollte nicht über 1,5 sein), Tragekomfort und wirtschaftliche Aspekte zu berücksichtigen (Tabelle 1). Inzwischen wurden von der interdisziplinären Arbeitsgruppe "Naturlatex-Allergie" (Baur X, Allmers H, Raulf-Heimsoth M, Cremer R, Fuchs Th, Heese A, Niggemann B, Przybilla B, Ruëff F und Schürer
N) umfassende Empfehlungen zur Primär- und Sekundärprävention ausgearbeitet, die sich an den Verordnungsgeber, die Hersteller von Gummiartikeln, Krankenhausträger, Inhaber von Arztpraxen, Unfallversicherungsträger und Beschäftigte im Gesundheitswesen wenden (in verschiedenen Fachzeitschriften im Druck).


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1996; 93: A-1043–1045
[Heft 16]


Literatur
1. American Society for Testing and Materials Standards: Standard Test Method for Analysis of Protein in Natural Rubber and its Products. Reprinted from the Annual Book of ASTMS, Designation D 5712; 95: 1–7
2. Baur X, Ammon J, Chen Z, Beckmann U, Czuppon A: Health risk in hospitals through airborne allergens for patients presensitised to latex. Lancet 1993; 342: 1148–1149
3. Baur X: Latex-Allergie im Krankenhaus. Allergologie 1994; 17: 598–602
4. Baur X, Chen Z, Allmers H, Beckmann U, Walther JW: Relevance of airborne latex allergens for health care workers. Im Druck
5. Beezhold D: LEAP: Latex ELISA for antigen proteins. The Guthrie Journal 1992; 61: 77–81
6. Department of Health & Human Services, Food and Drug Administration: Interim Guidance on protein content labelling claim for latex medical gloves. May 1995
7. Ergänzung der Empfehlung XXI Bedarfsgegenstände auf Basis von Natur- und Synthesekautschuk. Bundesgesundhbl 203; 38, 5/95
8. Heese A, Peters KP, Koch HU, Hornstein OP: Allergien gegen Latexhandschuhe. Allergologie 1995; 18: 358–365
9. Johnson RM: Office of compliance and surveillance perspective on latex containing medical devices. International Latex Conference: Sensitivity to Latex in Medical Devices (Abstract), 1992; 68
10. Mäkinen-Kiljunen S, Turjanmaa K: Latexallergene in verschiedenen Arten von Latexhandschuhen und Sensibilisierung von Krankenhauspersonal und Patienten. Allergologie 1995; 18: 366–368
11. Slater JE: Latex allergy. J Allergy Clin Immunol 1994; 94: 139–149
12. Wyss M, Wüthrich B, Elsner P: Latexallergie – ein zunehmendes Problem in der Praxis. Schweiz Med Wschr 1993; 123: 113–119
13. Yunginger JW, Jones RT, Fransway AF, Kelso JM, Warner MA, Hunt LW: Extractable latex allergens and proteins in disposable medical gloves and other rubber products. J Allergy Clin Immunol 1994; 93: 836–842


Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. med. Xaver Baur
Berufsgenossenschaftliches Forschungsinstitut für Arbeitsmedizin (BFGA)
Bürkle-de-la-Camp-Platz 1
44789 Bochum

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