ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2012Morbi-RSA: Fairer Wettbewerb

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Morbi-RSA: Fairer Wettbewerb

Dtsch Arztebl 2012; 109(4): A-121 / B-113 / C-113

Meißner, Marc

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Als vor drei Jahren der morbiditätsorientierte Risiko­struk­tur­aus­gleich (Morbi-RSA) eingeführt wurde, gab es viel Kritik vonseiten der Krankenkassen: Prävention und Innovationen in der Versorgung würden damit unterbunden, denn der kranke Versicherte sei jetzt mehr wert als der gesunde. Außerdem setze der Morbi-RSA Anreize, Patienten „kranker zu machen“ als sie tatsächlich seien, um höhere Zuweisungen zu erhalten.

Zur Erinnerung: Seit 2009 gehen die Beiträge der gesetzlich Versicherten nicht mehr direkt an die jeweiligen Krankenkassen, sondern an den Gesundheitsfonds. Die Kassen erhalten daraus einen alters- und geschlechtsabhängigen Betrag für jedes Mitglied. Zusätzlich gibt es für Versicherte mit besonders teuren oder chronischen Erkrankungen einen Zuschlag aus dem Morbi-RSA. Dieser soll verhindern, dass Krankenkassen mit vielen schwer kranken Patienten überdurchschnittlich belastet werden und infolgedessen eine Risikoselektion von Versicherten stattfindet.

Für Kassen mit vielen jungen und gut verdienenden Versicherten bedeutete die Einführung von Gesundheitsfonds und Morbi-RSA erhebliche Einbußen. Die Techniker Krankenkasse (TK) geht auch heute noch von „Belastungen durch den Morbi-RSA in Höhe eines dreistelligen Millionenbetrags“ aus, wie Thomas Thierhoff, Bereichsleiter für Finanzen bei der TK, auf einer Veranstaltung der Gesellschaft für Recht und Politik im Gesundheitswesen betonte. Der Morbi-RSA hat seiner Ansicht nach vor allem eines gefördert: den strategischen Zusammenschluss von Kassen und Leistungserbringern. „Der Morbi-RSA schafft für beide Seiten Anreize, die Kodierungen hochzuschrauben“, erklärte er. Effektive Prüfverfahren zur Kontrolle der Kodierungen würden bisher jedoch fehlen.

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Das Fazit des AOK-Bundesverbands fällt hingegen positiv aus. „Der aktuelle RSA ist in seiner Zielgenauigkeit besser als alles, was wir vorher hatten“, stellte Uwe Deh, Geschäftsführender Vorstand des AOK-Bundesverbands, fest. „Wir haben weniger Überdeckung bei Gesunden und kaum Unterdeckung bei Multimorbiden.“ Die AOKen profitieren aufgrund ihrer Versichertenstruktur davon, dass bestimmte Krankheiten nun berücksichtigt werden.

Klar ist: Solange Versicherte ihre Kasse frei wählen können, ist ein fairer Wettbewerb unter den Krankenkassen nur möglich, wenn sie durch schwer oder chronisch kranke Patienten nicht übermäßig belastet werden. Ohne einen solchen Ausgleich würde das Interesse an jungen, gesunden Versicherten wieder steigen. Um Manipulationen zu verhindern, ist allerdings eine verlässliche Erfassung der Morbidität notwendig. Praxisnahe Kodierrichtlinien oder aussagekräftige Stichproben könnten hierfür eine gute Basis sein. Allerdings waren die Proteste der niedergelassenen Ärzte gegen die ursprünglich vorgesehenen Ambulanten Kodierrichtlinien so vehement, dass der Gesetzgeber zwischenzeitlich auf deren verbindliche Einführung verzichtet hatte.

Dr. rer. nat. Marc Meißner, Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin
Dr. rer. nat. Marc Meißner, Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin

Eine belastbare Morbiditätsmessung nutzt aber auf Dauer nicht nur den Kassen. Auch die Ärzte könnten davon profitieren, weil mehr Morbidität mehr Behandlungen nach sich zieht und damit letztlich auch einen höheren Honoraranspruch. Dieser könnte dann aber auch zweifelsfrei nachgewiesen werden.

Dr. rer. nat. Marc Meißner
Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin

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