ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2012Arzneimittelpreisverhandlungen: Noch ist alles am Anfang

SEITE EINS

Arzneimittelpreisverhandlungen: Noch ist alles am Anfang

Dtsch Arztebl 2012; 109(5): A-173 / B-157 / C-157

Korzilius, Heike

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Premiere fand ohne großen Rummel statt. Dabei wurde in der vergangenen Woche ein neues Kapitel in Sachen Preisbildung für Arzneimittel aufgeschlagen. An diesem Tag trafen sich Vertreter des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenkassen und des Pharmaunternehmens AstraZeneca zur ersten Verhandlungsrunde über den künftigen Erstattungspreis des Plättchenaggregationshemmers Ticagrelor. Das Präparat hatte als erstes erfolgreich eine frühe Nutzenbewertung durchlaufen. Insgesamt sind vier Verhandlungsrunden angesetzt, spätestens in einem halben Jahr soll eine Einigung auf dem Tisch liegen. Zum Verlauf der Gespräche habe man Vertraulichkeit vereinbart, erklärte Firmensprecher Florian Dieckmann. Nur so viel: Alle Beteiligten seien an fairen Verhandlungen interessiert.

Für die Pharmaindustrie begann 2011 mit einer Zäsur. Das Arznei­mittel­markt­neuordnungs­gesetz beendete für sie die im internationalen Vergleich (fast) einzigartig komfortable Situation, die Preise für neue Medikamente selbst bestimmen zu können. Kommentatoren sprachen von der „Vertreibung aus dem Paradies“. Vertrieben hatte sie ausgerechnet ein Liberaler, der damalige Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Philipp Rösler. Seither gilt, dass Arzneimittelhersteller zwar zunächst für Innovationen einen eigenen Preis festsetzen können, mit dem GKV-Spitzenverband aber über einen Rabatt verhandeln müssen. Voraussetzung ist, dass das neue Präparat einen Zusatznutzen gegenüber dem bisherigen Therapiestandard aufweist. Tut es das nicht, unterliegt es automatisch einem Festbetrag.

Einsparungen von rund 1,4 Milliarden Euro jährlich verspricht sich der Gesetzgeber von dem neuen Verfahren der Arzneimittelpreisbildung. Die Kassen haben allerdings bereits darauf hingewiesen, dass sich dieses Sparziel nur verwirklichen lässt, wenn man auch den Bestandsmarkt unter die Lupe nimmt. Ansonsten stellte Johann-Magnus von Stackelberg, der streitbare stellvertretende Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbands, klar: „Faire Preise heißt für uns, dass sich die Gewinne der Pharmaindustrie am Zusatznutzen für die Patienten orientieren und nicht an den Wunschvorstellungen der Aktionäre.“ Eine Formel dafür, wie man den Wert dieses Zusatznutzens bemisst, gibt es nicht. Er liegt irgendwo zwischen dem, was die Kassen für die Vergleichstherapie ausgeben müssen – das können auch preiswerte Generika sein –, und dem Herstellerpreis. Über den Einfluss des europäischen Preisniveaus auf den Erstattungspreis muss noch das Schiedsamt befinden. Denn Kassen und Industrie konnten sich im Vorfeld der ersten Verhandlungsrunde nicht darüber einigen, welche Staaten in den Vergleich einbezogen werden sollten. Noch ist also alles am Anfang.

Anzeige

Heike Korzilius, Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
Heike Korzilius, Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
Ungewöhnlich erscheint deshalb ein Vorstoß der Arbeitsgruppe Gesundheit der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Bevor überhaupt erste Erfahrungen vorliegen, fordert sie bereits Verfahrensänderungen. Ganz im Sinne der Pharmaindustrie heißt es in einem Positionspapier, dass als europäische Referenzländer für den Erstattungspreis nur solche in Betracht kommen, die in ihrer Wirtschaftskraft mit Deutschland vergleichbar sind. Die Vergleichstherapie solle möglichst vor Studien der Phase III mit dem Gemeinsamen Bundes­aus­schuss verbindlich vereinbart werden, und über den vereinbarten Erstattungsbetrag solle Vertraulichkeit herrschen – eine „Wünsch-dir-was-Liste der Pharmaindustrie“ kritisierte der AOK-Bundesverband.

Heike Korzilius
Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema