ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2012Schach: Todesküsse am Brett

SCHLUSSPUNKT

Schach: Todesküsse am Brett

Dtsch Arztebl 2012; 109(5): [88]

Pfleger, Helmut

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Foto: Dagobert Kohlmeyer
Foto: Dagobert Kohlmeyer

Wenn man beim Ärzteschachturnier, im Gegensatz zu den fiebrig unter dem unerbittlichen Diktat der Schachuhr brütenden Kollegen, durch die Reihen schlendert und sich an deren schlauen Zügen (ganz selten einmal auch weniger schlauen) erfreut, aber doch alles als Kiebitz aus der Vogelperspektive sine ira et studio betrachten kann, fallen einem natürlich auch gewisse Paraphernalia auf. Zum einen die atemlose, nur durch das Klicken der Schachuhren unterbrochene Stille, dann aber auch die Vielfalt der Körperhaltungen und -sprachen.

Nervös wippende Füße, die gelegentlich zur Unterstützung des beim Schach so unentbehrlichen Sitzfleischs sogar auf dem Stuhl landen können, ein drohend weit über das Brett gebeugter Oberkörper, der dem Gegner unmissverständlich andeuten soll, dass bald sein letztes Stündlein geschlagen haben wird, aber auch ein schreckhaftes Im-Stuhl-versinken-Wollen, das schier alle Hoffnung schon hat fahren lassen, unruhig kreisende Augenbewegungen, die trotz der Zeitnot die so ominöse „Wahrheit“ der Stellung erfassen wollen, aber auch der scheinbare Gleichmut, der mit nonchalanten Blicken den Figurentanz auf dem Brett begutachtet. Bunt wie das Leben gemischt.

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Und zuweilen sind vielleicht auch Accessoires nicht ganz zufällig.

Da liegt doch bei Dr. med. Heinrich Fasshauer, dessen Händedruck auch einem Oliver Kahn alle Ehre machen würde, das Buch „Titan“ neben dem Schachbrett. Dummerweise für seine Gegner spielt er auch (meist) so. Und was sucht das Buch „Todesküsse am Schachbrett“ am Brett von Dr. med. Viktor Heimbuch? Der Titel bezieht sich auf eine Überschrift in der „Süddeutschen Zeitung“, als beim Duell „Mensch gegen Maschine“ 2006 in der Bundeskunsthalle in Bonn der russische Weltmeister Wladimir Kramnik ein einzügiges Matt gegen das Schachcomputerprogramm „Fritz“ übersah. Ein unerhörtes, noch nie dagewesenes Geschehen, welches der Chronist als damaliger Livekommentator voller Schrecken miterleben musste.

Nun sind Sie vielleicht für den „Todeskuss“ von Dr. med. Matias Jolowicz gerüstet.

Als Weißer hatte Dr. med. Wolfhard Trebbin zuletzt Sc3-e2 gezogen. Strategisch wohlbegründet, um den im Zentrum thronenden, schwarzen Springer d4 abzutauschen. Doch diese Rechnung hatte er ohne den ob seines Erfindungsreichtums gefürchteten Dr. Jolowicz gemacht. Mit welchem Todeskuss kam dieser als Schwarzer nun überraschend in entscheidenden Vorteil? (Wenigstens war es kein einzügiges Matt.)

Lösung:

Nach dem kecken Sprung 1. . . . Se5! mit Angriff auf die weiße Dame kann diese sich drehen und wenden wie sie will: Materieller Verlust ist unvermeidlich, weil sie auch die Deckung ihres Springers e2 im Auge behalten muss.

So scheitert 2. Dc3 an 2. . . . Sxe2+ oder 2. Dd2 an 2. . . . Sf3+ mit Damengewinn oder 2. De3 an 2. . . . Sc4, wonach obendrein noch der Läufer b2 hängt, oder schließlich 2. De4 an 2. . . . d5!, und in allen Varianten behält Schwarz entscheidendes materielles Übergewicht.

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