ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2012Sanitätsdienst der Bundeswehr: Ärztemangel bleibt ein Problem

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Sanitätsdienst der Bundeswehr: Ärztemangel bleibt ein Problem

Hibbeler, Birgit

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Personalengpässe erschweren die medizinische Versorgung der Soldatinnen und Soldaten. Gleichzeitig steigt der Behandlungsbedarf – besonders bei den psychischen Erkrankungen.

Der Sanitätsdienst hat zu wenig Personal. Es fehlen zum Beispiel Notfallmediziner für Auslandseinsätze. Foto: dpa
Der Sanitätsdienst hat zu wenig Personal. Es fehlen zum Beispiel Notfallmediziner für Auslandseinsätze. Foto: dpa

Vielleicht hätte Hellmut Königshaus (FDP) gerne etwas Neues erzählt. Doch der Wehrbeauftragte des Bundestages kommt auch diesmal in seinem Bericht zu dem Schluss: Die Personallage beim Sanitätsdienst ist „nach wie vor unbefriedigend“. Ohne Rückgriff auf das zivile Gesundheitswesen könne man die Soldaten nicht versorgen. Die Bundeswehr müsse für Ärzte attraktiver werden.

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Musterungsärzte sollen die Lücken schließen

Der Ärztemangel ist für die Bundeswehr ein Dauerthema. Etwa 340 Humanmediziner fehlen. Allerdings hat sich dem Wehrbeauftragten zufolge die Lage etwas entspannt. Die Zahl der Kündigungen ist offenbar rückläufig. Außerdem konnte der Sanitätsdienst Quereinsteiger gewinnen: 32 Ärzte 2011, 73 im Jahr 2010. Hinzu kommen die ehemaligen Musterungsärzte. Derzeit sind 70 von ihnen bis auf Weiteres abgeordnet, ein weiterer Teil tage- oder wochenweise. Dies geschieht in der Regel mit Zustimmung der Betroffenen. „Die Erfahrungen der Truppe mit den abgeordneten Musterungsärzten sind bislang positiv“, schreibt Königshaus.

Mit dem Wegfall der Wehrpflicht haben die 250 Musterungsärzte in den Kreiswehrersatzämtern und Musterungszentren eine zentrale Aufgabe verloren. Langfristig soll es keine Kreiswehrersatzämter mehr geben, sondern eine weitaus geringere Anzahl von sogenannten Karrierecentern. Medizinische Untersuchungen werden voraussichtlich nur noch an neun Standorten stattfinden.

Aus den Musterungsärzten werden aber nicht über Nacht die Ärzte mit genau der Qualifikation, die der Sanitätsdienst braucht. Daher müssten Schulungen erfolgen, wenn die Betroffenen zuvor nicht kurativ tätig waren, fordert der Wehrbeauftragte. Dann könnten sie vor allem Lücken in der truppenärztlichen Versorgung im Inland schließen.

Unterdessen fehlen auch Ärzte, die man im Ausland einsetzen kann. Benötigt werden vor allem Notfallmediziner. Wie die Bundeswehr dieses Problem lösen will, ist offen. Die Neustrukturierung sieht einen Ausbau der Weiterbildungskapazitäten vor (siehe DÄ, Heft 45/2011). Doch bis junge Ärzte qualifiziert sind, vergehen Jahre.

Die medizinische Betreuung der Soldaten im Auslandseinsatz ist dem Wehrbericht zufolge verbesserungsbedürftig. Schwierigkeiten habe es bei der Versorgung mit Blutpräparaten gegeben. Bislang ist die Bundeswehr hier auf die Hilfe von Sanitätsdiensten anderer Nationen angewiesen. Auch beim Rücktransport von Schwerverletzten gibt es Defizite. Sie müssen mehrfach umgelagert werden, weil die Liegen in den jeweiligen Transportmitteln verbleiben.

Viele traumatisierte Soldaten, zu wenige Psychiater

Ein weiteres Dauerthema bei der Bundeswehr sind posttraumatische Belastungsstörungen. 2011 wurde bei 194 Soldaten diese Diagnose neu gestellt, 2010 bei 223. Mittlerweile gibt es bei der Bundeswehr fast 1 000 Betroffene. Der Wehrbeauftragte bemängelt vor allem, dass die Behandlungskapazitäten nicht ausreichen. Bei den Fachärzten für Psychiatrie sei nur die Hälfte der Dienstposten besetzt. Auf Therapieangebote im zivilen Gesundheitswesen zurückzugreifen, sei schwierig. Auch hier gebe es Engpässe mit langen Wartezeiten.

Dr. med. Birgit Hibbeler

@Der Bericht des Wehrbeauftragten: www.aerzteblatt.de/12192

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trollmärz30
am Freitag, 30. März 2012, 15:22

Zwei Chirurgen erstreiten Recht auf Kriegsdienstverweigerung für Ärzte im Sanitätsdienst

Nicht angesprochen wird in dem Artikel die Frage, was der sinkenden Anziehungskraft des Sanitätsdienstes als Arbeitsstelle für Ärzte zugrunde liegen könnte. Im Spiegel (9/2012, S.31) berichtet Thomas Darnstädt in seinem Beitrag “Chirurg an der Panzerfaust “ wie der durch das Genfer Abkommen für Miltärärzte festgeschriebene Nichtkombattantenstatus auch in der Bundeswehr, in Analogie zu den Gepflogenheiten in der US-Armee, mehr und mehr unterlaufen wird.
Der Bundeswehrverband veröffentlichte am 9.3.2012 Daten zur zunehmenden Zahl von Kriegsdienstverweigerern (KDV) unter den Offizieren und Unteroffizieren der Bundeswehr. Seit Beginn des Afghanistan-Einsatzes Ende 2001 verweigerten insgesamt 593 Offiziere und Unteroffiziere den Kriegsdienst. Von 2006 bis 2011 wird eine Zunahme der KDVs bei Offizieren und Unteroffizieren von 15 auf 181 berichtet. Damit haben sich die KDVs innerhalb von 5 Jahren - als der Krieg in Afghanistan ein richtiger Krieg wurde - mehr als verzehnfacht.
Das Recht auf Kriegsdienstverweigerung steht nun seit 22.2.2012 auch Ärzten im Sanitätsdienst der Bundeswehr zu. Zwei Chirurgen, Oberstabsarzt Christoph König und Stabsarzt Friedrich Hammerschmidt, erklagten in mehrjährigen Verfahren dieses Recht für sich und ihre Kameraden, festgeschrieben nun in den Urteilen des Bundesverwaltungsgericht BVerwG 6C 11.11 und 31.11.
Das Spiegelzitat des ehemaligen Sanitätsgrundsatzreferenten Rolf von Uslar: “Verzicht auf den Einsatz der Sanitäter im Feuerkampf reduziert die Erfolgswahrscheinlichkeit“ lässt leicht erahnen, wie schnell Ärzte und Sanitäter unter besonderen Einsatzbedingungen in Konflikte zwischen den ethischen Regeln ihres Berufes und militärischem Gehorsam geraten können. Erfahrungen hiermit sammelte unlängst auch Stabsfeldwebel Christiane Ernst-Zettl, ein früheres Mitglied des Vorstandes des Arbeitskreises Darmstädter Signal.
Es wäre sicher wichtig, dass auch die Ärztekammern sich mit den Bestrebungen zur Aufweichung der Regularien des Genfer Abkommens auseinandersetzen. Zudem ergibt sich die Frage, welche Rolle in einer solchen Situation Ärzte des DRK, des Malteser Hilfsdienstes und der Johanniter-Unfallhilfe einnehmen, die laut Rotkreuzgesetz als freiwillige Hilfsgesellschaften im Sinne des Genfer Abkommens zur Unterstützung des Sanitätsdienstes der Bundeswehr ermächtigt sind.

PD Dr. med. Margit Pissarek
Stolberg, 52223
OSA d.R Dr. med. Carsten Grüneberg
Hamm, 59077


Die Verfasser des Kommentars sind Mitglied im Vorstand des Arbeitskreises Darmstädter Signal bzw. Mitglied im Förderkreis Darmstädter Signal.
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