POLITIK

Arzneimitteltherapie: „Wir brauchen eine Sicherheitskultur“

Dtsch Arztebl 2012; 109(5): A-182 / B-166 / C-166

Korzilius, Heike

Um die Sicherheit bei der Arzneimitteltherapie zu verbessern, hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung einen verständlichen Medikationskatalog für die Patienten und eine Praxissoftware gefordert, die die Ärzte bei der Verordnung unterstützt.

Die Zahlen sprachen für sich. Jedes Jahr würden in Deutschland rund 626 Millionen Arzneimittelverordnungen allein für die Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen ausgestellt, erklärte der Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach, am 25. Januar bei einer Tagung in Berlin. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hatte Experten, Ärzte und Patientenvertreter geladen, um über Wege zu diskutieren, wie die Arzneimitteltherapie sicherer werden kann. Denn Gerlach zufolge kommt es in einer größeren Vertragsarztpraxis mit 1 000 kontinuierlich betreuten Patienten jährlich zu 180 unerwünschten Arzneimittelwirkungen, von denen 40 Fälle vermeidbar wären. Das habe eine Analyse von Einzelstudien ergeben.

Anzeige

Risikofaktor Polypharmazie

Eigene Studien an seinem Institut belegten zudem, dass bei 94 Prozent der Patienten die tatsächlich eingenommene Medikation von dem abwich, was der Hausarzt aufgrund seiner Dokumentation erwartete. Bei 15 Prozent der Patienten seien Kontraindikationen, bei 25 Prozent mögliche Wechselwirkungen nicht berücksichtigt worden, und 15 Prozent der älteren Patienten hätten eine für sie ungeeignete Medikation erhalten.

Foto: Your Photo Today
Foto: Your Photo Today

Einer der größten Risikofaktoren für unerwünschte Arzneimittelwirkungen ist die Polypharmazie. Die Probleme, die dabei entstehen können, haben die Frankfurter Wissenschaftler untersucht: mangelnde Übersicht, erhöhtes Risiko durch Kontraindikationen und Wechselwirkungen, potenziell ungeeignete Medikamente insbesondere für ältere Patienten und Dosierungsprobleme (siehe auch die Originalarbeit „Ärztliche Verordnungen von potenziell inadäquater Medikation bei Älteren“ in diesem Heft). Dadurch könne es zu unerwünschten Arzneimittelereignissen kommen, die immerhin für fünf Prozent aller Krankenhausaufnahmen verantwortlich seien, erklärte KBV-Vorstand Dr. med. Carl-Heinz Müller.

„Mit der steigenden Zahl an Medikamenten nimmt aber auch die Compliance der Patienten ab – ein weiterer Risikofaktor für die Arzneimitteltherapiesicherheit.“ Arzneimitteltherapiesicherheit müsse sich deshalb auf den gesamten Medikationsprozess beziehen: von der Verordnung über die Abgabe bis hin zur Anwendung und Überwachung der Arzneimittel. „Wir müssen gemeinsam mit den Patienten eine Sicherheitskultur aufbauen“, sagte Müller. Ein zentraler Baustein darin ist für den KBV-Vorstand ein Medikationsplan, der Wirkstoffnamen, Indikation und Einnahmehinweise für die verordneten Medikamente enthält und sämtliche Arzneimittel auflistet, die der Patient einnimmt – inklusive solcher Mittel, die er ohne Rezept in der Apotheke gekauft hat. Auch Reibungsverluste an den Schnittstellen ambulant/stationär könnten so verringert werden.

Broschüre fürs Praxisteam

Ebenfalls zentral ist für Müller und Gerlach die Forderung an die Praxissoftwarehäuser, Module zu integrieren, die die Ärzte bei ihren Verordnungen unterstützen. So sollte die Verordnung eines Medikaments automatisch mit den klinischen Basisdaten der Patienten (Alter, Geschlecht, Allergien) abgeglichen werden und auf mögliche Risiken aufmerksam machen. Automatisch sollte eine Verordnung auch auf mögliche Wechselwirkungen und Kontraindikationen oder Dosisanpassungen bei Niereninsuffizienz überprüft werden. Medikationsplan und Softwareanpassung dürften sich allerdings erst mittelfristig umsetzen lassen.

Unmittelbar wollen die KBV und die Frankfurter Wissenschaftler deshalb die Teams in den Arztpraxen mit Hilfe einer Broschüre für das Thema Arzneimitteltherapiesicherheit sensibilisieren, die typische Fehlerquellen identifiziert und Checklisten für die Verordnung bietet. Schon seit längerem veröffentlicht die KBV in Kooperation mit der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft regelmäßig „Wirkstoff Aktuell“. Die jüngste Ausgabe zur rationalen Antibiotikatherapie bei Infektionen der oberen Atemwege lag in Heft 4/2012 des Deutschen Ärzteblatts bei.

Heike Korzilius

@Die Broschüre „Mehr Sicherheit bei der Arzneimitteltherapie“ kann kostenfrei per E-Mail bei versand@kbv.de bestellt und unter www.kbv.de/ais/12901.html abgerufen werden.

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige