ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2012Ethikberatung in der Hochleistungsmedizin: Ein Beitrag zur Patientenzufriedenheit

THEMEN DER ZEIT

Ethikberatung in der Hochleistungsmedizin: Ein Beitrag zur Patientenzufriedenheit

Dtsch Arztebl 2012; 109(5): A-202 / B-177 / C-177

Bördlein, Ingeborg

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Das Universitätsklinikum Heidelberg hat seine Ethikberatung auf vier Säulen neu aufgestellt. Unter anderem berät ein unabhängiger externer Beirat den Klinikumsvorstand bei schwierigen Fragen.

Sollen Ärzte ein nicht lebensfähiges Frühchen auf Wunsch der Eltern am Leben erhalten? Ein Thema für die Ethikberatung. Foto: dpa
Sollen Ärzte ein nicht lebensfähiges Frühchen auf Wunsch der Eltern am Leben erhalten? Ein Thema für die Ethikberatung. Foto: dpa

Um bei komplizierten Entscheidungsfindungen im Spannungsfeld zwischen Hochleistungsmedizin und dem Diktat der Wirtschaftlichkeit, dem Patientenwillen und dem ärztlichen Handeln eine ethische Beratung auf allen Ebenen zu gewährleisten, wurden am Universitätsklinikum in Heidelberg neue Strukturen für die Ethikberatung geschaffen. „Die Hochleistungsmedizin an einem Universitätsklinikum braucht ein ethisches Fundament und gut funktionierende Strukturen für die Beratung im klinischen Alltag“, begründete Prof. Dr. med. J. Rüdiger Siewert, Leitender Ärztlicher Direktor am Heidelberger Universitätsklinikum, kurz vor seinem Wechsel in derselben Funktion an das Universitätsklinikum in Freiburg die Neuordnung. Anlass dazu war ein konkreter Fall, mit dem sich der Klinikumsvorstand zu beschäftigen hatte.

Anzeige

Es ging Siewert zufolge um ein nicht lebensfähiges Frühgeborenes – stark untergewichtig mit einer Lungenaplasie und weiteren schwerwiegenden Komplikationen – dessen Eltern entgegen dem Rat der behandelnden Neonatologen darauf bestanden hatten, das Kind weiter am Leben zu erhalten. Die verzweifelten Eltern gingen bis zum Klinikumsvorstand und an die Öffentlichkeit. In dieser schwierigen ethischen Situation habe Siewert eine Gruppe von Experten vermisst, die ihm beratend zur Seite gestanden hätte.

Ein neu geschaffener externer Ethikbeirat für Krisenfälle

Er wandte sich an den Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin, Prof. Dr. med. Wolfgang Eckart, mit der Bitte, die Ethikberatung am Heidelberger Uniklinikum neu aufzustellen. Sie basiert auf vier Säulen. Ein neu geschaffener externer Ethikbeirat berät den Klinikumsvorstand künftig in solchen Fällen. Ihm gehören der emeritierte Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg, ein externer Jurist, ein externer Theologe und ein Wissenschaftsjournalist an.

Dieses Gremium ist allein dem Klinikumsvorstand zugeordnet und wird von ihm in Krisenfällen hinzugezogen. Das könnte bei ethischen Fragen der Fall sein, die zum Beispiel rechtlich problematisch sind und/oder öffentlichkeitswirksam werden könnten. Der Beirat kann aber auch seinerseits an den Klinikumsvorstand herantreten, wenn Anfragen aus dem Klinikum oder der Öffentlichkeit an ihn herangetragen werden. Ethische Grundsatzfragen, die von allgemeinem öffentlichem Interesse sind, können vom Ethikbeirat in Abstimmung mit dem Vorstand auch an die Öffentlichkeit gebracht werden, zum Beispiel in Symposien oder Ethikforen.

Neuer Konfliktstoff durch die zunehmende Öko­nomi­sierung

Neuen ethischen Konfliktstoff sieht Siewert durch die zunehmende Öko­nomi­sierung auf die Universitätskliniken zukommen. Früher seien die Universitäten Non-Profit-Institutionen gewesen, heute müssten sie eine Rendite erwirtschaften, um zu überleben. Dieser ökonomische Druck könne zu extrem schwierigen Konfliktsituationen zwischen Ökonomie und ärztlicher Handlungsfreiheit führen.

Neben dem externen Beirat ist für ethische Fragen im klinischen Alltag ein klinisches Ethikkomitee zuständig, das aus dem schon seit mehr als zehn Jahren bestehenden „Arbeitskreis Ethik-Konsil“ hervorgegangen ist. Es tritt einmal monatlich zu meist retrospektiven Fallbesprechungen mit ethischer Fragestellung zusammen und erarbeitet Empfehlungen für künftige ähnlich gelagerte Fälle. Das Themenspektrum ist groß. Ein klassisches Problem ist zum Beispiel, wenn ein aus ärztlicher Sicht problematischer Patientenwille einer medizinisch indizierten Behandlung entgegensteht.

Die Leiterin des Fachbereichs Medizinethik am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Prof. Dr. med. Monika Bobbert, berichtet von einem Fall aus dem Klinikalltag: Ein 59-jähriger Patient mit einem seit elf Jahren bestehenden Morbus Hodgkin mit mehrmaligen Rezidiven kam mit Atemnot aufgrund einer beidseitigen Lungenentzündung in die Notambulanz des Klinikums. Er verweigerte eine künstliche Beatmung, ließ sich aber nach mehreren Gesprächen mit dem behandelnden Arzt auf eine begrenzte Intubation über drei Tage ein. Nachdem danach keine Besserung des Zustandes eingetreten war, hat seine Ehefrau als dessen Bevollmächtigte die Beendigung der Beatmung gefordert, worauf der Patient gestorben ist. Der behandelnde Arzt wandte sich an das Komitee, um retrospektiv ihn bedrängende Fragen klären zu helfen: „Habe ich den Patienten zur Beatmung überredet?“ „War es aufgrund der angenommenen Besserungschancen richtig, den Beatmungskompromiss zu schließen?“

Weitere häufige Themen, die das Komitee beschäftigen, sind: Soll die Maximaltherapie bei Schwerstkranken fortgesetzt werden, oder wäre eine Therapiebegrenzung im Sinne des Patienten angezeigt? Wie ist mit Konflikten unter den Angehörigen umzugehen, die den mutmaßlichen Willen nicht entscheidungsfähiger Patienten unterschiedlich interpretieren? Wie ist bei der Anmeldung eines Patienten auf die Transplantationsliste im Sinne der Verteilungsgerechtigkeit zu entscheiden?

Neben den monatlichen Fallbesprechungen werden auch Ad-hoc-Beratungen durch ein Ethikkonsil auf den Stationen durchgeführt. Dies geschieht zum einen institutionalisiert durch die regelmäßige Teilnahme der Ethikberaterin bei Visiten auf Intensivstationen (zweimal wöchentlich) oder als Einzelfallberatung auf Anfrage von Ärzten, Pflegekräften, Patienten oder Angehörigen. „Wir erarbeiten Empfehlungen und sind beratend tätig, die Therapieentscheidung trifft aber immer der Arzt“, betont Bobbert.

Das Ethikkomitee bietet zudem regelmäßig Weiter- und Fortbildungen für die Klinikmitarbeiter etwa zu den Themen Patientenverfügung und Kommunikation mit Patienten und deren Angehörigen an. Außerdem werden vom Ethikteam Empfehlungen für immer wiederkehrende Fragestellungen erarbeitet, die vom Klinikumsvorstand gegebenenfalls als Leitlinien implementiert werden können. Themenschwerpunkte sind dabei zum Beispiel Therapiezieländerungen auf Intensivstationen, etwa der Verzicht auf intensivmedizinische Maßnahmen. In Fällen, die das Fehler- und Beschwerdemanagement betreffen, werden die Stabsstelle Qualitätsmanagement und Medizincontrolling informiert und in die Beratungstätigkeit einbezogen.

Regelmäßige Sprechstunden für Patienten und deren Angehörige liegen dem Ethikberatungsteam besonders am Herzen. „Die ethische Beratung ist Teil einer guten Dienstleistung, wie sie in einem großen Klinikum vom Patienten erwartet werden darf“, sagt Eckart, der das Beratungskonzept zusammen mit Bobbert und der Ethikberaterin Dr. phil. Beate Herrmann am Gesamtklinikum etabliert hat.

Hilfe bei der Konfliktlösung im Stationsteam

Patienten hätten nicht nur ein Recht auf gute medizinische, pflegerische und psychosomatische Versorgung, sondern auch auf eine fundierte ethische Beratung im Sinne einer angemessenen und gerechten Behandlung. Die klinische Ethikberatung diene der Beilegung von Konflikten und trage somit zur Patientenzufriedenheit bei. Das Ethikkomitee beziehungsweise die Ethikberaterin sind aber auch gefordert, wenn es zum Beispiel gilt, Kommunikationsprobleme und Konflikte im Stationsteam zu lösen.

Die Leitung und Koordinierung der „Klinischen Ethikberatung“ obliegt dem Institut für Geschichte und Ethik der Medizin. Auch für Lehre und Forschung zu ethischen Fragestellungen zeichnet das Institut verantwortlich. Eckart: „Entscheidungen zu ethischen Konfliktfällen sollten auf der Basis ethischer Forschung diskutiert, getroffen und bewertet werden.“

Ingeborg Bördlein

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema