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Famulatur: Provinz statt Großstadt

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 1/2012: 12

Wulfert, Eugenie

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Zwischen Skepsis und freudiger Erwartung: Anna Szszepanska (l.) und Baiba Lurina (r.) hoffen, dass eine Famulatur auf dem Lande Vorteile bringt. Foto: Eugenie Wulfert
Zwischen Skepsis und freudiger Erwartung: Anna Szszepanska (l.) und Baiba Lurina (r.) hoffen, dass eine Famulatur auf dem Lande Vorteile bringt. Foto: Eugenie Wulfert

Medizinstudierende des europäischen Austauschprogramms Erasmus sollen im Sommer 2012 für mindestens vier Wochen in brandenburgischen Kliniken famulieren. Nicht alle von ihnen sind begeistert.

Nein, auf brandenburgische Provinz hat Anna Szszepanska eindeutig keine Lust. Mit einem skeptischen Gesichtsausdruck wartet die Medizinstudentin Anfang Dezember 2011 auf die Mitarbeiter des Charité-Erasmus-Büros, die ihr und etwa 40 weiteren Gaststudenten erklären wollen, warum und wo in Brandenburg sie im Sommer 2012 famulieren werden. „Ich bin nach Berlin gekommen und muss nun für einen ganzen Monat in irgendeine andere Stadt.“ Die 24-jährige Polin schüttelt verständnislos den Kopf. Offenbar gleicht für sie Brandenburg weitgehend einem weißen Fleck um die deutsche Hauptstadt herum. Welche Städte gibt es überhaupt in Brandenburg? Wie groß sind sie? Welche Fachrichtungen bieten die dortigen Kliniken an? Fragen über Fragen.

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Seit dem Sommersemester 2011 schickt die Berliner Charité im Rahmen des Projekts „Stadt-Land-Fluss-Hauptstadtregion“ ausländische Medizinstudierende in brandenburgische Kliniken. Mindestens vier Wochen müssen die Teilnehmer des europäischen Austauschprogramms Erasmus dort in einem der neun Ausbildungskrankenhäuser der Charité famulieren. Die Kliniken müssen dazu ein individuelles Ausbildungsprogramm mit definierten Lernzielen, festen Bezugspersonen, Supervision und Anleitung bei allen Tätigkeiten vorlegen.

Das Projekt war laut Dipl.-Päd. Ulrike Arnold, Leiterin der Charité International Cooperation (ChIC), aus der Not geboren. Denn der Charité ist es offenbar nicht immer gelungen, den Gaststudenten die bestmögliche Ausbildung zu bieten. Von Erasmus-Studenten sei kritisiert worden, dass sie aufgrund der Vielzahl der Studierenden in der dritten Reihe stehen müssten und wenig gelernt hätten. „Das wollen wir mit dem Projekt ändern “, sagt Arnold.

Darauf hofft auch die Lettin Baiba Lurina. „In kleineren Kliniken außerhalb Berlins sind nicht so viele Studenten. Ich glaube, dass wir dort besser betreut werden und viel lernen können“, sagt die 23-jährige Medizinstudentin aus Riga. Außerdem freut sie sich darauf, nicht nur Berlin, sondern auch eine andere deutsche Stadt erleben zu können. Von dem Projekt hat sie bereits von einem lettischen Kommilitonen gehört, der im vergangenen Studienjahr als Erasmus-Student an der Charité war.

Und auch die Initiatoren haben im Anschluss an die Famulatur die Erasmus-Studenten über ihre Erfahrungen befragt. Dabei fanden fast 80 Prozent der Befragten ihre Famulatur in Brandenburg sehr lehrreich, knapp 65 Prozent würden das Programm weiterempfehlen. Auch gaben etwa 80 Prozent der Studierenden an, dass die bei der strukturierten Famulatur angestrebte „Eins-zu-eins-Betreuung“ eingehalten wurde. Eine besondere Strukturierung ist aber nur knapp 43 Prozent der Befragten aufgefallen.

„Wir nehmen uns viel Zeit, damit diese Famulatur wirklich lehrreich für die Studierenden ist. Wir haben auch die Kapazitäten dafür“, betont Daniel Hoffmann, Verantwortlicher für das Projekt „Stadt-Land-Fluss-Hauptstadtregion“ bei den Ruppiner Kliniken. Aber auch das Klinikum gewinne durch die Aufnahme der Erasmus-Studenten. „Sie sind eine große Bereicherung und verleihen der Klinik ein internationales Flair“, sagt er.

Allerdings drohte das Projekt zu scheitern, bevor es richtig losging. Als die Erasmus-Studierenden im vergangenen Studienjahr 2010/2011 erfahren haben, dass sie für vier Wochen aufs Land geschickt werden, seien viele entsetzt gewesen. „Zwar haben wir gedacht, dass es nicht einfach wird, aber mit einem solchen Aufstand haben wir nicht gerechnet“, gibt Arnold zu. Trotz des starken Widerstandes haben sie und ihr Team am Projekt festgehalten.

In diesem Jahr bleibt die Revolte aus, was für sichtlich erleichterte Gesichter bei den ChIC-Mitarbeitern sorgt. Dennoch erkennen sie, dass die Vergabe der vorhandenen Klinikplätze nicht einfach wird. Denn nicht alle Studenten können frei wählen, wie lange und in welcher Fachrichtung sie famulieren. Einige müssen strenge Vorgaben der heimischen Universitäten erfüllen, damit ihre an der Charité erbrachten Leistungen dort angerechnet werden. So muss Anna unbedingt entweder in der Pädiatrie oder Gynäkologie famulieren. Auch Baiba muss einen Platz auf einer pädiatrischen Station ergattern. Allerdings bietet nicht jede der neun brandenburgischen Kliniken einen Platz in der Pädiatrie an.

Den Züricher Claudius Erler interessiert, in welchem der brandenburgischen Krankenhäusern er die beste Ausbildung bekommt. Der ehrgeizige 22-Jährige ist nach Berlin gekommen, um praktische Erfahrungen an der Charité zu sammeln. Deswegen lässt er Vorlesungen und Seminare sausen und zieht vor, nur zu famulieren. „Es ist schon etwas umständlich, dass wir nach Brandenburg müssen. Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, dass man dort viel lernt“, meint er zuversichtlich.

Die Charité hofft, dass künftig auch deutsche Studierende dem Beispiel der Gaststudenten folgen. ChIC- Leiterin Arnold rechnet damit, dass die besondere Beachtung und Wertschätzung, die die Projekt-Teilnehmer in brandenburgischen Kliniken erfahren, ihre deutschen Kommilitonen dazu motivieren, über eine Famulatur in Brandenburg nachzudenken oder gar ihre berufliche Zukunft dort aufzubauen.

Auf diesen Nebeneffekt des Programms hofft auch Priv.-Doz. Dr. med. Thomas Erler, Ärztlicher Direktor des Carl-Thiem-Klinikums in Cottbus. Die Klinik versuche seit Jahren über gemeinsame Projekte mit der Charité, Medizinstudierende aus der Hauptstadt nach Cottbus zu locken. „Das Erasmus-Programm ist dabei ein Baustein unserer Strategie“, sagt er. Ein Ziel sei es, zu zeigen, dass es auch außerhalb der Universität hochqualifizierte medizinische Versorgung gibt. Eugenie Wulfert

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