ArchivMedizin studieren1/2012Ärztliche Approbationsordnung: Der neuralgische Punkt: Das PJ

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Ärztliche Approbationsordnung: Der neuralgische Punkt: Das PJ

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 1/2012: 7

Richter-Kuhlmann, Eva

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Die Kliniken für das PJ sollen künftig frei wählbar sein. Nicht bei allen stößt das auf Gegenliebe.

Einen Ultraschallkurs gratis zum PJ: Viele kleinere Kliniken locken bereits jetzt mit Zusatzangeboten, Aufwandsentschädigungen, freier Kost oder Logis. Foto: dpa
Einen Ultraschallkurs gratis zum PJ: Viele kleinere Kliniken locken bereits jetzt mit Zusatzangeboten, Aufwandsentschädigungen, freier Kost oder Logis. Foto: dpa

Mit Freude sind viele Medizinstudierende angesichts der für 2012 geplanten Änderung der Ärztlichen Approbationsordnung ins neue Jahr gestartet: Kurz vor Weihnachten 2011 noch billigte das Bundeskabinett die entsprechende Verordnung des Bundesministeriums für Gesundheit, die im Februar im Bundesrat abgestimmt werden soll.

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Kern der „Ersten Verordnung zur Änderung der Approbationsordnung für Ärzte“ ist die Splittung des zweiten Abschnitts der Ärztlichen Prüfung und damit die Abschaffung des heftig umstrittenen „Hammerexamens“. Dessen schriftlicher Teil soll künftig wieder vor dem praktischen Jahr (PJ) absolviert werden. Gleichzeitig soll den Studierenden zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf/Studium die Möglichkeit eingeräumt werden, das PJ in Teilzeit durchzuführen, und auch die Zahl der Fehltage soll erhöht werden. Vorgesehen ist ebenfalls, der Allgemeinmedizin in der ärztlichen Ausbildung ein höheres Gewicht zu geben. Diese vom Ministerium vorgesehenen Maßnahmen werden unisono auch von studentischen und ärztlichen Organisationen begrüßt.

Widersprüchliche Ansichten gibt es lediglich bei einem Punkt: der geplanten freien Wahl der Krankenhäuser für das PJ durch die Studierenden. Um eine ausgewogenere regionale Verteilung der angehenden Ärztinnen und Ärzte zu erreichen, soll nämlich mit der neuen Approbationsordnung ab April 2013 der Kreis der Krankenhäuser, an denen das PJ absolviert werden kann, auf alle etwa 600 Lehrkrankenhäuser und alle Universitätskliniken in Deutschland erweitert werden. Der Medizinische Fakultätentag (MFT) kritisiert dies jedoch stark: Die von der EU geforderte universitäre Aufsicht über das Medizinstudium sei dann rein organisatorisch nicht mehr zu gewährleisten. Er befürchtet eine schlechtere Ausbildungsqualität und höhere Kosten. „Das PJ ist Fakultätensache und muss unter deren Verantwortung bleiben“, stellt der Präsident des Medizinischen Fakultätentages, Prof. Dr. med. Dieter Bitter-Suermann klar. Fakt sei: „Das PJ ist integraler Bestandteil des akademischen Medizinstudiums.“ Dabei müsse die Fakultät auch bestimmen können, mit welchem Krankenhaus sie in der PJ-Ausbildung kooperiert. Verträge mit mehreren Hundert Lehrkrankenhäusern könnten ferner schon aufgrund des Verwaltungsaufwands nicht geschlossen werden.

Die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) indes begrüßt die geplante höhere Mobilität der Studierenden im PJ. „Ich glaube, dass sie die Ausbildung sogar verbessern wird“, erklärt Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der BÄK, im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt Studieren.de. Er selbst habe sein PJ an einem peripheren Krankenhaus absolviert. „Das hat mir unheimlich gutgetan, obwohl ich hinterher wieder an einer Universitätsklinik gearbeitet habe und immer noch arbeite. Aber ich denke, dass man einfach über den Tellerrand der universitären Medizin hinausschauen sollte“, sagte er. Die organisatorischen Sorgen der Fakultäten und die Befürchtung der sinkenden Ausbildungsqualität hält der Präsident nur für „vorgeschobene Argumente“. „Auch an kleineren Krankenhäusern wird sehr gute Medizin gemacht, und das Verhältnis von Lehrenden und Lernenden ist oftmals viel günstiger für die Studenten“, betont er. Die MFT-Kritik betrachtet er deshalb gelassen: „Wir als Bundes­ärzte­kammer wollen, dass Studierende möglichst unkompliziert in eine Abteilung und Klinik ihrer Wahl gehen können. Denn am besten lernt man frei von Zwang.“

Den Wunsch der Studierenden, ohne Zwang überall das PJ absolvieren zu können, kann auch Bitter-Suermann prinzipiell nachvollziehen. „Die Studierenden haben ihn aber nur, solange sie noch kein PJ gemacht haben“, meint er. „Wenn sie aber zur Prüfung müssen und dann Inhalte gefragt werden, die sie im PJ nie gehört haben, kommen die Anschuldigungen an die Fakultät. Wir hätten dies und das nicht fragen dürfen, heißt es dann.“ Auch bundesweite Vereinbarungen bezüglich der Ausbildungsqualität sieht Bitter-Suermann nicht als Lösung an: Absprachen seien vielleicht zwischen zwei Hochschulen möglich, aber nicht mit allen Fakultäten. Zudem ist er sich sicher: „Nicht ein Qualitätswettbewerb wird sich unter den Lehrkrankenhäusern entwickeln, sondern ein Wettbewerb um die besten Angebote, wie die Höhe von Aufwandsentschädigungen oder Barzahlungen.“ Montgomery hält eine solche Entwicklung dagegen sogar für positiv: „Wenn die Qualität gesichert ist, ist das ein kluges Werbeinstrument.“

Gute Erfahrungen mit dieser „Werbung“ und mit dem PJ an kleineren Krankenhäusern hat auch Stephanie Dräger gemacht. Die Marburger Studentin hat gerade ihr letztes Tertial absolviert – und zwar in Berlin. „Die Uni Marburg hat aufgrund persönlicher Kontakte einen Vertrag mit dem Auguste-Viktoria-Klinikum in Berlin geschlossen. Mit etwas Glück konnte ich einen der begehrten Plätze ergattern “, berichtet sie. Auf diese Weise können immer etwa zehn Marburger Studierende ein Tertial ihres PJ in der Bundeshauptstadt verbringen. Eine Unterkunft und das Mittagessen bekommen sie vom Krankenhaus. „Ich wollte einfach mal in einer Großstadt leben und arbeiten“, erläutert Dräger. Aber auch fachlich habe ihr das Tertial in Berlin etwas gebracht. „Meist haben mir die Assistenten viel erklärt, und ich habe mich dort als Teil des Teams gefühlt“, erzählt sie. Dagegen hätten an Unikliniken die Assistenten oft neben ihrer Arbeit und Forschungsprojekten mit der curricularen studentischen Lehre schon genug zu tun. „Letztendlich kommt es unabhängig vom Haus aber immer auf die Station und die einzelnen dort arbeitenden Ärzte an. Außerdem hängt viel von einem selbst ab. Ohne Eigeninitiative bringt das PJ gar nichts.“ Auch ihre anderen beiden PJ-Tertiale verbrachte Dräger an zwei Lehrkrankenhäusern: dem St. Marienkrankenhaus Siegen und dem Städtischen Klinikum Kassel. „In Siegen war es recht feudal“, berichtet sie. Neben einer Aufwandsentschädigung von 400 Euro habe die Klinik auch ein Zimmer mit Frühstück sowie das Mittagessen gestellt. In Kassel dagegen gab es „nur“ die 400 Euro. „Jedes Lehrkrankenhaus handhabt das anders, aber natürlich tragen diese Umstände bei den Studenten in großem Maße zur Auswahl der Orte bei“, erklärt sie.

Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) erhofft sich durch die freiere Auswahl der Lehrkrankenhäuser eine Steigerung der Ausbildungsqualität im PJ und begrüßt die geplante Änderung der Approbationsordnung. Dieser „richtungsweisende Vorstoß“ ermögliche den Studierenden einen Einblick in die medizinische Versorgung außerhalb von Ballungsgebieten, heißt es in der Stellungnahme. Carolin Fleischmann, Präsidentin der bvmd, freut sich besonders, dass endlich eine langjährige Forderung der Medizinstudierenden umgesetzt werden soll: „Unserer Erfahrung nach kann nämlich gerade an kleinen und mittelgroßen Krankenhäusern eine praxisnahe Ausbildung hoher Qualität mit hervorragender Betreuung erfolgen“, erläutert sie. Die Qualität der Ausbildung im PJ sei an Unikliniken zum Teil „sehr wechselhaft“. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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