ArchivDeutsches Ärzteblatt16/1996Pentaerithrityltetranitrat – PETN: Langzeitnitrat ohne Toleranzentwicklung

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Pentaerithrityltetranitrat – PETN: Langzeitnitrat ohne Toleranzentwicklung

Riem, Ludger

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LNSLNS In den neuen Bundesländern wird das in den alten Bundesländern vergleichsweise unbekannte Pentaerithrityltetranitrat (PETN) bereits seit vier Jahrzehnten vornehmlich zur Anfallsprophylaxe bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit eingesetzt. Dies offenbar mit gutem Erfolg. Auch nach der Wende genießt das unter dem Handelsnamen Pentalong® zugelassene Nitrat bei Ärzten und Patienten eine nach wie vor große Akzeptanz.
Als maßgebliche Gründe dafür wurden auf dem von ISIS-Pharma in Weimar veranstalteten 2. Expertentreffen "Pentaerithrityltetranitrat – Kenntnisstand und Perspektiven in Pharmakologie und Klinik" eine geringere Inzidenz der für organische Nitrate typischen "Nitratkopfschmerzen" sowie eine fehlende oder abgeschwächte Toleranzentwicklung diskutiert. Freilich müssen die auf klinische Beobachtungen und tierexperimentelle Befunde gestützten Hypothesen künftig noch durch die Ergebnisse prospektiv angelegter klinischer Studien verifiziert werden, forderte Prof. Dr. Ernst Mutschler (Frankfurt).
Fehlende Toleranzentwicklung und geringere Inzidenz des "Nitratkopfschmerzes" finden in den pharmakokinetischen Eigenschaften von PETN eine plausible Erklärung. Über die Bildung langwirksamer Metabolite könnte es zu einer kontinuierlichen Freisetzung so geringer Mengen von NO kommen, daß eine Toleranzentwicklung ausbleibt. Offenbar handelt es sich beim PETN um ein Langzeitnitrat mit molekülspezifischem Retardeffekt. Im Unterschied zu anderen organischen Nitraten entfaltet PETN seine gefäßdilatierende Wirkung schon bei vergleichsweise geringen Dosierungen bevorzugt am venösen Gefäßschenkel, berichtete Dr. K.-D. Dück (Erfurt). Dieser Umstand könnte sich nach den Worten des Kardiologen insbesondere bei der Behandlung herzinsuffizienter Patienten als vorteilhaft erweisen.
Für die günstigen klinischen Effekte von PETN und anderen Nitraten könnte nach Hypothesen von Prof. G. Belz (Wiesbaden) auch eine unter der Gabe von Nitraten verbesserte Windkesselfunktion verantwortlich zeichnen. Durch die Windkesselfunktion werden die systolischen und diastolischen Druckschwankungen im Ventrikel weitgehend ausgeglichen. Bei gesunden Probanden konnte so unter der Gabe von 50 mg PETN eine signifikante Abnahme der Pulswellengeschwindigkeit in der Aorta nachgewiesen werden, welche vermutlich auf eine erhöhte Elastizität der Gefäßwand zurückzuführen ist.
Die physiologische Bedeutung der Windkesselfunktion liegt nach den Worten von Belz zum einen darin, einen konstanten Druck in den Kapillaren zu gewährleisten. Weiterhin wird die Nachlast des linken Ventrikels gesenkt. Schließlich wäre ohne die Windkesselfunktion eine Perfusion der Koronararterien – für diese ist die Diastole maßgeblich – überhaupt nicht möglich. So gesehen ist es denkbar, daß auch eine unter PETN verbesserte Windkesselfunktion mit in der Folge verbesserter myokardialer Durchblutung für die günstigen Effekte bei herzinsuffizienten Patienten verantwortlich ist. Eine nicht zu unterschätzende klinische Relevanz besitzt auch die Beobachtung, daß unter der Behandlung mit PETN mit einer bei Patienten mit KHK und Herzinsuffizienz gleichermaßen ungünstigen reflektorischen Tachykardie offenbar nicht zu rechnen ist. In der Folge drohen nicht allein Blutdruckanstieg und ein Anstieg des myokardialen Sauerstoffbedarfs. Aus den oben genannten Gründen könnte sich zudem auch die Verkürzung der für die Koronarperfusion maßgeblichen Diastole ungünstig auswirken. Dr. Ludger Riem
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