ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2012Kongress Patientenorientierung: IV-Verträge: Die Pflege fehlt

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Kongress Patientenorientierung: IV-Verträge: Die Pflege fehlt

Dtsch Arztebl 2012; 109(6): A-240 / B-212 / C-212

Rieser, Sabine

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Allgemeinärzte, Medizinische Fachangestellte und Pflegekräfte kooperieren, damit alte Patienten selbstständig zu Hause leben können oder optimal versorgt im Heim – das wäre wünschenswert. Doch die Hürden für solche Ansätze sind immer noch hoch.

Schaffe ich es noch zu Hause? Experten finden: Die Antwort könnte öfter „ja“ lauten, wenn es zweckmäßigere Hilfe für den „Gesundheitsstandort Wohnung“ gäbe. Foto: Your Photo Today
Schaffe ich es noch zu Hause? Experten finden: Die Antwort könnte öfter „ja“ lauten, wenn es zweckmäßigere Hilfe für den „Gesundheitsstandort Wohnung“ gäbe. Foto: Your Photo Today

Prof. Dr. Volker Amelung ist, was Kooperationen im Gesundheitswesen angeht, Optimist. „Zur integrierten Versorgung gibt es keine Alternative, wenn wir die Patienten auch künftig hochwertig versorgen wollen“, hat der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Managed Care (BMC) vor kurzem im Interview mit dem Deutschen Ärzteblatt betont. Und sich gewünscht, man solle nicht immer nur herausstreichen, was nicht funktioniert, sondern die Herausforderungen „sportlicher sehen und einfach Spaß am Verbessern haben“.

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Beide Elemente kamen im Forum „Integrierte Versorgung und Pflege“ zur Sprache, einem von zwölf Vortrags- und Diskussionsforen des BMC-Kongresses „Patientenorientierung durch Wettbewerb“ Ende Januar in Berlin. Dass Pflegeleistungen immer noch ungenügend in Integrationsverträgen verankert sind, kritisierte Prof. Dr. Doris Scheffer von der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld. Für das Jahr 2010 wisse sie nur von vier Verträgen der Kassen. Eine integrierte und multiprofessionelle Kooperation unter Einbeziehung der Pflege sei nicht zu realisieren, ohne überholte Muster der Zusammenarbeit zu verändern, nur: „Vor allem die Kooperation zwischen Medizin und Pflege ist in Deutschland sehr schwierig.“ Zudem setzten viele Modelle am Versorgungsstandort Krankenhaus oder Pflegeheim an. Alte, chronisch kranke Menschen benötigten aber vor allem ambulante Versorgungsmodelle: „Wir müssen uns klarmachen, dass der Haushalt der eigentliche Versorgungsstandort ist.“

Statt eine Integrationsversorgung allein aus Sicht der Akteure zu planen, hält die Wissenschaftlerin es auch für notwendig, Versorgung aus Sicht der Patienten zu strukturieren. Gerade die Krankheitsverläufe von Chronikern seien durch Auf- und Ab-Phasen geprägt. Bei einem krankheitsbedingten Wechsel der Versorgungsebene drohe statt Milderung häufig die Entwicklung einer „Patientenkarriere“. Derartige Verschlechterungen ließen sich aus Scheffers Sicht vermeiden, wenn man stärker auf Versorgungskontinuität achten würde.

Aus einer BMC-Arbeitsgruppe berichtete Sonja Laag, Sachgebietsleiterin Versorgungsprogramme Arztnetze/MVZ und Ältere bei der Barmer GEK. Innerhalb der AG wurde diskutiert, wie man Pflegeleistungen besser in IV-Angebote einbeziehen könne. Laag befand wie Scheffer, dass es an der Zeit sei, weg von Insellösungen und hin zu flächendeckenden Angeboten zu kommen. Gerade für ambulante Lösungen fehle es aber an einer ausreichenden Zahl von Vertragsärzten mit geriatrischen Kenntnissen. In Zukunft müsse es verstärkt geriatrische Fortbildungsangebote für Hausärzte geben, forderte Laag. Ärzte alter Patienten sollten angemessen honoriert werden: „Wenn sich jemand schon zehn Minuten Zeit fürs Ausziehen nehmen muss, und damit der Arzt ebenfalls, dann muss das bezahlt werden.“

Laag ging auf eine klassische Schuldzuweisung ein: Die Ärzte monierten häufig, sie bekämen ihr Engagement nicht extra bezahlt, die Kassen konterten, sie hätten die ambulante Versorgung doch quasi am Anfang bezahlt. Die Barmer-Expertin schlug vor, seltener Pauschalhonorare zu zahlen und stattdessen die Versorgung alter Menschen durch eine Mischung aus Arzt- und Koordinationskomplexen zu vergüten. Kooperiere der Arzt gut mit einem ambulanten Pflegedienst, erhalte er den entsprechenden Koordinationskomplex.

Laag hat zudem die Erfahrung gemacht, dass die begrenzten IV-Verträge bei Ärzten nicht beliebt sind. Sie wollten sicherere Vertragsstrukturen, worin zum Beispiel eine Chance für die Kassenärztlichen Vereinigungen liege. Diese müssten in Zukunft Teamarbeit und Vernetzung stärker fördern. Etwas Druck aufs System angesichts des demografischen Wandels kann ihrer Meinung nach nicht schaden: „Das Interesse an alten Menschen können wir nicht der Freiwilligkeit der Leistungserbringer und auch nicht der der Kassen überlassen.“

Sabine Rieser

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